Regionalverkehr im Südwesten Pünktlich trotz fünf Minuten Verspätung

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Viele Regionalzüge im Land halten den Fahrplan nicht ein, monieren der Fahrgastbeirat und der Grünen-MdL Daniel Renkonen. Laut Bahn AG erfüllen sie dennoch die vertraglichen Vorgaben. Fünf Minuten Verspätung gelten nämlich als „pünktlich“.

Regionalverkehr in Baden-Württemberg: Nur jeder zweite Zug pünktlich? Foto: dpa
Regionalverkehr in Baden-Württemberg: Nur jeder zweite Zug pünktlich?Foto: dpa

Stuttgart - Der Fahrgastbeirat hat in seiner jüngsten Sitzung die Pünktlichkeit der Züge im Regionalverkehr bemängelt. Die Werte seien unbefriedigend, „so lag im Jahr 2014 die Pünktlichkeit beim großen Verkehrsvertrag mit DB Regio auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Veröffentlichungen“, monierte das Gremium, das als Bindeglied zwischen den Fahrgästen und dem Land Baden-Württemberg als Aufgabenträger für den Schienenpersonennahverkehr geschaffen wurde.

Wenn Bahnreisende auf die Bahnhofsuhr schauen und ein Zug zur im Fahrplan vorhergesagten Minute nicht eintrifft oder abfährt, ist für sie ein Zug unpünktlich. Im Fachjargon haben die Züge ein wenig mehr Luft. Da geht es um eine Drei-Minuten-Pünktlichkeit oder Fünf-Minuten-Pünktlichkeit. Bei der Drei-Minuten-Pünktlichkeit ist ein Zug erst dann unpünktlich, wenn er den Fahrplan um drei Minuten und 59 Sekunden nicht einhält.

Im Großen Verkehrsvertrag, abgeschlossen zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Bahntochter DB-Regio, wird lediglich die Fünf-Minuten-Pünktlichkeit verlangt. In diesem Vertragswerk, das zwischen 2003 und 2016 die Hälfte und so ziemlich bedeutenden Strecken im Land regelt, wird von der Bahn verlangt, dass sie bei 94 Prozent aller Fahrten im Regionalverkehr die Fünf-Minuten-Pünktlichkeit einhalten. Sonst gilt der Vertrag als gebrochen.

Grünen-MdL Renkonen: Fahrplan wird nicht eingehalten

Im Juni 2015 war dies deutlich der Fall, nur 90,22 Prozent der Züge erreichten die Vorgabe. Gründe sind die erste Hitzewelle, die bei Dieseltriebwagen zu Kühlungsproblemen mit nachfolgendem Leistungsverlusten führt. Auch die Bauarbeiten von Stuttgart 21 ziehen Verspätungen nach sich. Im Jahr 2014 haben 92,47 Prozent der Züge in diesem Schienennetz diese Hürde geschafft. Der geforderte Wert wurde somit um 1,53 Prozent unterschritten.

In den Jahren zuvor waren die Werte besser, so zum Beispiel lag diese Verspätung 2009 bei 95,44 Prozent, oder 2011 bei 94,62 Prozent und somit innerhalb des vertraglich festgelegten Rahmens. Wer allerdings nicht diese künstlichen Verspätungsminuten zugrunde legt, sondern misst wie ein Fahrgast, stellt beim Blick in die Statistik fest, dass nur 55,07 Prozent aller Züge planmäßig fahren.

Daraus leitet der Grünenabgeordnete Daniel Renkonen ab, „dass nur der Hälfte der Züge im Land noch pünktlich sind“. 2009 waren dies noch 63,51 Prozent des Nahverkehrs, 2011 genau 61,11 Prozent. In den entsprechenden Verträgen wird diese Pünktlichkeit nicht gefordert, somit kommt es zu keinen Strafzahlungen. Weil in den Fahrplänen des Regionalverkehrs – ganz im Gegensatz zur Stuttgarter S-Bahn – etwas Zeit bis zu Anschlussverbindungen bleibt, fallen diese Verspätungen nicht so sehr ins Gewicht.

Der Seehas kommt auf Pünktlichkeitswerte von 99 Prozent

Das Verkehrsministerium bezeichnet die Entwicklung der Pünktlichkeit beim Großen Verkehrsvertrag und bei der Rhein-Neckar-Bahn als „nicht zufriedenstellend“. Die AVG, mit dem vorwiegend badischen Raum als Einsatzgebiet, soll danach ein akzeptables Pünktlichkeitsniveau erreicht haben. Ordentlich schneiden auch die Schwarzwaldbahn ab.

Es gibt dazu Vorreiter wie die RAB Nordschwarzwald und den HzL Ringzug., denen das Land eine kontinuierlich sehr gute Pünktlichkeit attestiert. In diese Kategorie fällt auch der Seehaas, ein Zug, der von der Schweizer SBB im Raum Konstanz eingesetzt wird. Planmäßig rollen rund 95 Prozent der Züge in die Bahnhöfe ein. Wird die Fünf-Minuten-Pünktlichkeit zugrunde gelegt, erreicht der Seehaas sogar Werte um 99 Prozent.

Der Große Verkehrsvertrag wird über 2016 hinaus keinen Bestand haben, die Strecken werden in 17 Netze aufgeteilt und dementsprechend ausgeschrieben. Neuvergaben bieten dem Land Gelegenheit, mehr auf pünktliche Züge zu achten. Der Grünen-Abgeordnete Renkonen berichtet, dass die Ankunftspünktlichkeit – so lautet das Fachwort – bei neuen Verkehrsverträgen auf einen Grenzwert von 3:59 Minuten festgelegt werde. Bei Überschreitungen drohen den Bahnunternehmen höhere Strafzahlungen als bisher. Das Land betont, dass die Pünktlichkeit an mehr Messstellen überprüft wird als an den 26 aktuellen.

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8 Kommentare Kommentar schreiben

Bahn: Naja, was die Bahn für Verträge herausholt und wie sie mit der Öffentlichkeit kommuniziert, sind ja zwei paar Schuhe. Letzten Endes belügt sie mit ihrer Statistik die Öffentlichkeit, weil ihr Begriff (den sie auch für den Fernverkehr verwendet, den sie nicht im Aufrag betreibt) eben nicht dem üblichen Verständnis entspricht. Dass die Züge nicht so sehr zu spät sind, dass es den Vertag verletzt, ist davon unabhängig. Die Bahn könnte ja auch anstreben, dass ihr Netz eine höhere Pünktlichkeit erreicht. Das würde nämlich auch für die Fernverkehrkunden das Angebot attraktiver machen und das Netz generell zuverlässiger. Wenn man schon ständig bei 50 prozent der Züge Verspätungen von mehreren Minuten hat, wundert es nicht, dass sich "Störungen im Betriebsablauf" immer wieder zu ernsthaften Verspätungen aufschaukeln. Außerdem kann man wegen 4-5 Minuten durchaus Anschlüsse verpassen. Es stimmt natürlich, dass das letzten Endes ein politisches Problem ist.

Definitionen: Dass die Bahn mehr als 5 Minuten verspätung als "pünktlich" definiert ist bekannt. Ebenso, dass "wirtschaftlich optimale Betriebsqualität" nicht optimale Betriebsqualität bedeutet sondern "befriedigend". Da sollte der Fahrgast doch auch annehmen dürfen, dass ein Fahrpreis von z.B. € 55,99 eigentlich € 50.- bedeutet. Aber da ist die Bahn natürlich wieder kleinlich.

So ist das halt in einem Vertrag: Durch die Unterschrift der Vertragspartner wird das Einvernehmen hergestellt, das heißt, beide Vertragsparteien akzeptieren das, was im Vertrag vereinbart wird. Wenn im Vertrag vereinbart ist, dass es für das Prädikat "pünktlich" eine Fünf-Minuten-Toleranz gibt, dann haben das beide Vertragspartner so akzeptiert. Der Bahn zu unterstellen, sie rücke sich hier eigenmächtig die Welt so zurecht, wie es ihr gerade passt, ist deshalb Nonsens. Aber immerhin reicht die nicht verstandene Vertragsvereinbarung für eine reißerische Schlagzeile, die wieder Futter für den Wutbürger ist.

Vertragspartner: Sie haben insofern Recht, dass sich die Bahn die Welt nur dann zurechtrücken kann, wenn Sie auf einen für die Bürger und Bahn-Kunden sehr schlechten Verhandlungspartner trifft, wie das Land Baden-Württemberg vertreten durch die CDU/FDP-Regierung.

Ach so: Jetzt verstehe ich. Da haben zwei Böse einen Vertrag miteinander geschlossen, dann kann ja nur Böses dabei herauskommen. Warten wir ab, welche Pünktlichkeit das gute grüne Verkehrsministerium beim nächsten Vertrag mit der Bahn vereinbart. Wetten, dass dort auch eine ähnliche Toleranz definiert wird? Wahrscheinlich wird die dann aber anders genannt, "Entschleunigung" vielleicht. Und das ist dann nicht mehr böse, sondern gut. Weil es ja von den Guten so vereinbart wurde.

1:59 Minuten Ankunftspünktlichkeit wäre sinnvoll: 3:59 Minuten Ankunftspünktlichkeit in neuen Verträgen halte ich für zu lange. Die gilt ja vermutlich auch nicht für 100% der Züge, sondern nur für 9x% (genaue Zahl kenne ich nicht). Zumindest sollte man zusätzlich eine Staffelung einführen, dass eine höhere Zahl von Zügen auch z.B. eine Pünktlichkeit von 1:59 Minuten oder 0:59 Minuten einhalten muss. Das ist die Zeit, in der man als Fahrgast einen Zug noch als halbwegs pünktlich einschätzen würde. Bei knapp vier Minuten Verspätung ist ein Zug nicht mehr pünktlich.

Das passt völlig ins Bild: Die Bahn rückt sich auch hier die Welt zurecht, wie es ihr gerade passt. So kann man dann seinen Anschlusszug verpassen, obwohl man nach Auslegung der Bahn pünktlich (mit fünf Minuten Verspätung) am Bahnhof angekommen ist. Dass das so ist, bekommt man übrigens zunächst gar nicht mehr mit. Bei praktisch allen meinen Zugfahrten in der letzten Zeit, bei denen der Zug Verspätung hatte, wurde das gar nicht mehr durchgesagt; auch bei einer Verspätung von einer Viertelstunde. Ich mache der Bahn einen Vorschlag. Warum definiert die Bahn Pünktlichkeit nicht einfach so, dass jeder Zug der nicht mehr als 24 Stunden verspätet ist, noch als Pünktlich gilt, dann gibt es auf dem Papier überhaupt keine Verspätungen mehr.

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