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Rems-Murr-Kreis Business-Knigge statt Blamage

Annette Clauß, 30.01.2013 12:27 Uhr

Waiblingen - Mit einem „Rumms“ knallt Angela Wende ihr Handy auf die Tischplatte, lässt sich unaufgefordert auf einen Stuhl fallen und sitzt dort gemütlich in Lümmelhaltung – mit krummem Rücken, die Beine weit von sich gestreckt. Das einzige, was da noch fehlt, ist, dass sie Kaugummi kaut. Ihrer Gesprächspartnerin, bei der sie sich um eine imaginäre Ausbildungsstelle als Kauffrau im Einzelhandel beworben hat, schaut sie beim Vorstellungsgespräch erst gar nicht in die Augen, fällt ihr aber hin und wieder cool ins Wort. So sieht also ein total entspannter Bewerber aus – und ein total erfolgloser.

Das war doch oberpeinlich. Die Knigge-Trainerin Angela Wende über ihren Auftritt im Rollenspiel

Mit diesem Rollenspiel zwischen zwei Trainern hat der Workshop „Business-Knigge“ begonnen, zu dem die Fachkräfteallianz im Rems-Murr-Kreis (Fair) die Neuntklässler der Waiblinger Staufer-Werkrealschule in die Räume der Agentur für Arbeit in der Mayenner Straße eingeladen hatte. „Der Workshop soll helfen, dass eure Vorstellungsgespräche erfolgreicher laufen“, sagte Jürgen Kurz, der Leiter der Arbeitsagentur. Der Landtagsabgeordnete Claus Paal (CDU) erklärte im Namen der Fachkräfteallianz, den Mangel an Fachkräften „intensiv angehen“ zu wollen. Die Wirtschaft müsse sich einbringen, zum Beispiel mit Workshops wie dem am Dienstag erstmals angebotenen „Business Knigge“-Kurs, auf den im Laufe des Jahres weitere Veranstaltungen für Schüler folgen sollen. „Der Workshop ist eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Jugendlichen, um selbstsicherer durch positive Verhaltensweisen ihr Berufsleben zu beginnen“, so Paal.

Für den Workshop haben sich mehrere Jungs in weiße Hemden geworfen, die Schülerinnen setzen eher auf Schwarz. Der erste Eindruck zählt tatsächlich – das macht Angela Wende den Teilnehmern ihrer Gruppe gleich zu Beginn klar. Gemeinsam mit den Neuntklässlern analysiert sie das Rollenspiel zu Beginn des Workshops. „Das war doch oberpeinlich“, lautet Wendes Urteil über ihren Auftritt im Rollenspiel. Dann bespricht sie mit den Schülern, was schief gelaufen ist bei diesem Vorstellungsgespräch. „Sie sind wie so ein Checker reingekommen“, meint Wolfgang. „Ich bin reingestapft wie ein Elefant“, – so formuliert es Angela Wende. Und fordert dann die Schüler auf, selbst in die Rolle des Bewerbers zu schlüpfen: „Ihr könnt euch gar nicht mehr blamieren als ich.“

Die 15-jährige Melanie zeigt daraufhin, wie ein Auftritt beim Vorstellungsgespräch ihrer Ansicht nach aussehen sollte. Sie betritt langsam den Raum, geht ruhig auf Angela Wende zu, die nun den Part der Arbeitgeberin in spe übernommen hat. Melanie wartet, bis Angela Wende ihr die Hand hinstreckt, lächelt und stellt sich vor. Beim Gespräch sitzt sie aufrecht, ihre Hände liegen auf der Tischplatte. Sie hört zu, lässt ihre Gesprächspartnerin ausreden und hat sich über ihren Wunschberuf Kinderpflegerin vorab informiert. Sogar ein Praktikum hat sie schon hinter sich und kann daher souverän die Frage beantworten, wieso ausgerechnet sie eine gute Wahl wäre. „Ich bin ein offener Mensch, kann gut zuhören und organisieren. Ich weiß, dass man viel Geduld für den Job braucht und dass er sehr anstrengend sein kann.“

Für ihren Auftritt bekommt Melanie Applaus von ihren Mitschülern und ein dickes Lob von Angela Wende. Sie gibt den Neuntklässlern noch einige Tipps mit auf den Weg, etwa den, das Handy am besten Zuhause zu lassen oder zumindest stumm zu schalten und in der Tasche aufzubewahren. Melanie, die ziemlich alles richtig gemacht hat, fühlt sich nach dem Rollenspiel dennoch schlauer: „Das mit dem langsamen Laufen wusste ich nicht. Und dass man warten sollte, bis einen der Arbeitgeber anspricht, auch nicht.“