Rems-Murr-Kreis Die unsichtbare Seite des Rassismus

Von Annette Clauß 

Gute Wahlergebnisse für rechte Parteien lösen Bestürzung aus. Zu Recht – doch sie sind nur die Spitze des Eisbergs. Eine Expertenrunde diskutierte über Alltagsrassismus.

Eine  Expertenrunde i Foto: Stoppel
Eine Expertenrunde iFoto: Stoppel

Waiblingen - Wenn rechte Parteien gute Wahlergebnisse einfahren, sorgt das für Bestürzung und Diskussionen. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Viel gefährlicher ist seine nicht sichtbare Seite“, warnt Kurt Möller: „Da kann einem bange werden.“ Laut Möller sind rund 40 Prozent der Jugendlichen in Deutschland ausländerfeindlich eingestellt, zwischen 25 und 40 Prozent der Erwachsenen haben fremdenfeindliche Ansichten, zehn bis 13 Prozent antisemitische, gut 30 Prozent sind muslimfeindlich. Seit den 1980er-Jahren beschäftigt sich der Professor an der Fachhochschule Esslingen mit Rechtsextremismus und Rassismus. Sein Fazit der vergangenen 30 Jahre: „Es hat sich nichts geändert. Das Problem wird tradiert.“

„Alltagsrassismus – was tun“ war die Frage, mit der sich eine vom Autor Wolfgang Schorlau moderierte Diskussionsrunde im Rahmen der Jugendkulturwoche „Bunt statt braun“ auseinandergesetzt hat. Auf dem Podium des Waiblinger Kulturhauses Schwanen saßen am Donnerstagabend neben Kurt Möller der evangelische Dekan Eberhard Gröner, der Weinstädter Stadtjugendreferent Kurt Meyer, die Autorin Jagoda Marinic sowie für einige Zeit die Integrationsministerin Bilkay Öney. Letztere bestätigte Möllers Erfahrungen. „Nur ein geringer Teil der Menschen bekennt sich offen zu rassistischen Gesinnungen und gehört rechten Parteien an.“ Doch das bedeute nicht, dass die Mehrheit frei von rassistischen Einstellungen sei. „Zum Teil ist den Menschen nicht einmal bewusst, dass ihre Haltung rassistisch ist.“ Allein ein ausländisch klingender Name könne dazu führen, dass man bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche benachteiligt werde. Da sei Präventionsarbeit im Kindesalter nötig.

Der Ansicht ist auch Kurt Meyer, der in der Jugendarbeit zwar „nicht wirklich offensichtlichen Rassismus“ erlebt, wohl aber unterschwelligen, was sich etwa durch „abfällige, gedankenlose Kommentare“ zeige. Meyer sprach im Hinblick auf die Bekämpfung von Rassismus von „Aktionismus, bei dem viel Geld und Energie verbraten, aber das Kernproblem nicht angegangen wird“. Bestimmte Verhaltensweisen dürfe man nicht tolerieren, müsse man korrigieren. Eine Strategie gegen den Alltagsrassismus sei „hinsehen, thematisieren, ansprechen“ und „ein Bewusstsein schaffen, dass man sich nicht über einen anderen Menschen erhebt, weil er zufällig in Südeuropa geboren ist“. Das sei eine große Aufgabe für die Schulen und die Jugendarbeit. Jagoda Marinic widersprach: „Man kann nicht alles den Schulen und den Kindern überlassen. Die Strukturen sind der Punkt, den wir aushebeln müssen.“

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9 KommentareKommentar schreiben

@Pantisano: Leute wie Sie mag ich ganz besonders, und danke für die Einladung, aber nein danke, das wäre nur eine gigantische Zeitverschwendung!

Kommentare: Liebe Kommentierende, ihre Beiträge sind der Beweis, dass solche Veranstaltungen wie die 'Jugendkulturwoche für Vielfalt und gegen Rassismus' verdammt wichtig ist. Aufklärung tut not, gerade bei Ihrer Meinung die sie hier vertreten. Nächstes Jahr findet Bunt statt Braun zum 9. Mal statt. Sie sind herzlich Eingeladen.

statistische Grundlagen?: ehem, auf welche statistische Grundlagen beruft sich der Herr? 40% (!) heißt fast jeder 2. Jugendliche. Das entspricht NICHTmeiner persönlichen Wahrnehmung! Und auch nicht die in meinem Familien- und Freundeskreis. Auch die aktuelle Studie der Friedrich Ebert-Stiftung wartet nicht mit solchen Zahlen auf. Zudem ist Rassisms nicht nur ein deutsches Problem; man sehe nur einmal das Antisemitismus-Problem unter der muslimischen Community -Prozentzahlen maße ich mir nicht an: Aber es ist ein interkulturelles Problem. Das wär doch auch mal ein Betätigungsfeld für Herrn Möller. Schade, dass er da 30 Jahre nicht dran gedacht hat.

Rassismus/Rechtsextremismus: Den folgenden Beitrag habe ich zu einem ähnlichen Thema gelesen. Ich kann dem nur voll bepflichten, daher gebe ich in 1:1 wider: Ich denke auch, dass es da ganz viele Nuancen der Haltung zur Migrationspolitik gibt und daher diese rechtsextreme Bezeichnung nicht so pauschal vorgenommen werden sollte. Bin ich dafür, dass Kriminelle (Kapitalverbrechen!) Ausländer konsequent abgeschoben werden sollten? Ja! Sollte man Zuwanderern zu Sprachkursen verpflichten? Ja! Sollte man Zuwanderern die Migration in den Sozialstaat erlauben? Nein! Ist das Kopftuchverbot für Angestellte des öffentlichen Dienstes gerechtfertig? Ja! Nun könnte man mir sicherlich einen latenten Rechtsextremismus vorwerfen, da das ja alles so furchtbar ausländerfeindlich klingt. Tatsächlich aber, wollte ich für nix auf der Welt Murat, den Obst- und Gemüsehändler meines Vertrauens missen, der vor über 20 Jahren nach Deutschland gekommen ist, die Sprache spricht und fleissig arbeitet. Genauso wenig, wie Maurizios herzlichen italienischen Akzent und die vielen Rotwein und Pizzaabende bei ihm, nach Geschäftsschluss. Wenn ich aber die Zuwanderer anschaue, die hier sich einen Lenz machen, nach 40 Jahren immer noch keinen geraden Satz hinkriegen und für 5 Kinder Stütze beziehen, oh ja dann werd ich zur Wildsau und würd die am Liebsten aus dem Land werfen. Ausländerfeindlich ist das trotzdem nicht, denn die entsprechenden deutschen Staatsbürger, würde ich am liebsten gleich hinterherwerfen. Nur leider geht das nicht! Solange man nicht ethnisch diskriminiert, ist man (nicht zwingend) rechtsextrem!

Noch was!: Der ewige Rassismus-Vorwurf an die ach so bösen Deutschen, der uns vor allem von den eigenen Landsleuten ständig an den Kopf geknallt wird, ist einfach unerträglich! Napoleon, der sinngemäß sagte, dass die Deutschen sich selbst auf´s Erbittertste bekämpfen und denunzieren, hatte absolut Recht! Was für eine abscheuliche Verhaltensweise!

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