Remseck Ein Refugium gefühlter Jugend

Von bur 

Die Zukunft des Purple Haze in Remseck ist vorerst gesichert: der Förderverein der Rockkneipe hat 10 000 Euro von der Kreissparkasse bekommen.

Die Rock-Ikone Jimi Hendrix steht symbolhaft für die Musik im Purple Haze. Foto: ddp
Die Rock-Ikone Jimi Hendrix steht symbolhaft für die Musik im Purple Haze.Foto: ddp

Remseck - Jimi Hendrix füllt überlebensgroß die Wand hinter der Bühne, Plattencover von Bands wie T. Rex, Deep Purple oder Fleetwood Mac bilden einen umlaufenden Fries knapp unter der Decke. Die Deko der Kneipe Purple Haze signalisiert: hier werden nicht die aktuellen Charts gespielt, hier geht es schon gar nicht um Popmusiktrends von morgen, hier wird Rock von gestern zelebriert. Oder eher von vorgestern. Musik, die Leute unter 40 nicht einmal mehr vom Hören kennen, sondern bestenfalls vom Hörensagen. In solch ein Refugium der gefühlten Jugend Geld zu stecken klingt eigentlich nicht nach einer Zukunftsinvestition. Doch die Ludwigsburger Kreissparkasse hat jetzt 10 000 Euro für diese Remsecker Kneipe springen lassen.

Genauer: als Spende für einen Musik- und Kulturverein. Er hat sich vor einem Jahr gegründet und will die Nischenbühne retten. Auch wenn es schon geschmeichelt ist, das Publikum der Altersklasse 40 plus zuzurechnen. Auch wenn das Umfeld der Kneipe im Hochberger Gewerbegebiet am Neckar mit Sonnenstudio und Supermarkt in der Nachbarschaft nicht einladend wirkt. Die Vereinsgründer und die Stadtverwaltung sind von der Zukunft des Purple Haze überzeugt.

Das Rockcafé stand vor dem Aus

Dabei stand das Rockcafé im März vor dem Aus. Die Besitzer, der Gitarrist Viktor Kopitkow und seine Frau Renate, wollten aufgeben. Ihr Idealismus hatte sich verbraucht in vielen Nächten. Seit 16 Jahren betreiben sie die Kneipe an verschiedenen Orten, erst vor zwei Jahren sind sie in der Hochberger Neckaraue gelandet. Doch es wurde immer schwieriger. Rockfans sind konservativ und treue Gäste, doch sie werden älter und weniger. Und die Konkurrenz wird größer: Immer mehr Bands treten an immer mehr Orten auf, stellt Cherry Gehring fest, einer der Vereinsgründer.

Außerdem sei ein großer Teil der Jugend gar nicht mehr an Livemusik in Kneipen gewöhnt, man gehe eher in Clubs oder zu Partys, wo ein DJ für die Musik sorge, klagt der Musiker und Kassierer des Vereins, Alexander von Hubatius-Kottnow. Das ist billiger. Oder die Fans ziehen nach Ludwigsburg, wo es etwa in der Luke oder im Di Novi auch Livemusik gibt. Oder sie fahren gleich nach Stuttgart in Lokale wie das Zwölfzehn oder den Schocken, wo junge, angesagte Bands auftreten. Es ist nicht weit in die Großstadt, und es gibt die Stadtbahn. Da hat man es nicht einfach in Remseck.

Sessions sollen junge Musiker anziehen

Doch der Verein ist zuversichtlich, den Spagat zu schaffen: die alten Gäste zu halten und neue zu gewinnen. Die Vorsitzenden sind der Kneipier Volker Kopitkow und der Musiker, Ex-Stadtrat und Comedian Cherry Gehring. Sie versprechen, die Kneipe für junge Leute und Nachwuchsmusiker zu öffnen, das Programm über die Rockmusik hinaus auszuweiten und damit neues Publikum anzulocken. Sie setzen dabei auf regelmäßige Sessions, bei denen jeder Musiker auf die Bühne darf und spielen kann, was er möchte.

Mit dem Geld von der Sparkasse hat der Verein, der inzwischen laut Gehring 60 Mitglieder zählt, die Bühne mitsamt der Musikanlage, die Programmplanung und das finanzielle Risiko übernommen. Das Ehepaar Kopitkow ist jetzt nur noch für die Bewirtung zuständig.

Das Geld hätten sicher auch andere gerne gehabt

Die 10 000 Euro hat die Sparkasse der Stadt Remseck wie allen anderen Kommunen des Kreises aus Anlass ihres 160-jährigen Bestehens zukommen lassen, und die Stadt hat die Summe an den Kneipenverein weitergereicht. Das Geld hätten sicher auch andere gerne gehabt. Der Oberbürgermeister Karl-Heinz Schlumberger wollte es eigentlich an acht Initiativen verteilen, von der Ehrenamtsmesse bis zum Jugendleiterprojekt. Doch er stieß mit diesem Gießkannenprinzip bei den Sparkassenoberen nicht auf Gegenliebe.

Sie forderten ein singuläres Projekt, und zwar ein kulturelles. So ging der warme Regen auf das Rockbiotop Purple Haze nieder. Es sei eine Institution in Remseck, ein Teil der ländlichen Rockgeschichte und eine Auftrittsstätte für Bands, die es sich lohne zu erhalten, rechtfertigt dies Raphael Dahler, der im Remsecker Rathaus für Kultur zuständig ist.

Es sei das erste Mal, betont Schlumberger, dass die Kneipe Geld von der Stadt bekomme. Und er hofft, dass die Rechnung aufgeht: dass sich dort künftig die Kulturszene von Remseck und Umgebung trifft und nicht nur die Generation der Fans von Jimi Hendrix und Co. Im aktuellen Programm dominieren allerdings nach wie vor Rock, Hard Rock und Heavy Metal. Für den vergangenen Samstag zum Beispiel war die Gruppe Everlate angekündigt mit „langen Gitarrensoli, hart und direkt“ – ganz wie einst Jimi.

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1 KommentarKommentar schreiben

m oder y: Auch wenn's zur Zeit wirklich Wichtigeres in und um Stuttgart gibt: James Marshall Hendrix wurde 'Jimi' genannt. Jimmy oder Jimy-das war glaube ich Julios Gummipferd aus dem 'Stern'.

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