René Magritte in der Frankfurter Schirn Unordnung im Reich der Zeichen

Von Georg Leisten 

Früher hatte jeder die Bilder René Magrittes als Poster im Zimmer. Nun feiert die Frankfurter Schirn den belgischen Surrealisten als philosophischen Bilddenker.

In Frankfurt zu sehen: „Die Liebenden“ von René Magritte Foto: dpa
In Frankfurt zu sehen: „Die Liebenden“ von René Magritte Foto: dpa

Frankfurt - Er war keine Pfeife, er war ein Spaßkopf. Als virtuoser Bilderträumer und Realitätsverwirrer gehört René Magritte zu den bekanntesten Künstlern des letzten Jahrhunderts. Mit unlogischen Spiegelungen, fliegenden Felsenburgen oder versteinerten Menschen hat der belgische Surrealist die Malerei zur Bühne einer doppelten Wirklichkeit gemacht, auf der das Vertraute und das Fantastische mit jedem Augenaufschlag die Stellung wechseln.

Doch neben dem Magritte der verhexten Wälder und der blutigen Statuen gibt es auch den scheinbar unkomplizierten Leinwandblödler. Als ein solcher begrüßt der Maler die Besucher der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Auf einer Porträtgroteske aus dem Jahr 1936 verpasst der Meister aus Brüssel seinem eigenen verkappten Konterfei eine kühn gekrümmte Riesennase, die in einem Pfeifenkopf verschwindet wie ein Abflussrohr in der Wand.

Gleichwohl bietet auch dieser physiognomische Gelegenheitswitz wieder eine Ausfahrt zum Tiefsinn. Nach der bizarr gewundenen Kerze, die neben dem rauchenden Nasenbär auf einem Tisch brennt, heißt das Ganze „Die philosophische Lampe“. Ein wichtigeres Requisit als das flackernde Talglicht ist indes die Pfeife. Sie unterstreicht Magrittes Selbstinszenierung als gemütlicher Kleinbürger mit Vororthäuschen und kehrt in vielen seiner Werke wieder. Auch im vielleicht hinterlistigsten Angriff auf das Selbstverständnis der Malerei, den es je gegeben hat: Jenem 1929 entstandenen Gemälde namens „Der Verrat der Bilder“, das eine Pfeife zeigt und darunter den Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe“. Damit war der große Repräsentationstraum der abendländischen Kunst, falls es ihn denn je gegeben hat, geplatzt. Das Bild einer Pfeife ist keine Pfeife, Punkt. Pinsel und Farbe hatten den geheimen ästhetischen Schlachtplan des Realismus, eine verlässlich wiedererkennbare Welt zu schaffen, ans Museumspublikum verpfiffen.

Magritte als Illustrator einer Darstellungsskepsis

„Verrat der Bilder“ lautet auch der Titel der Frankfurter Ausstellung. In Kooperation mit dem Centre Pompidou in Paris wird Magritte als Illustrator einer philosophisch reflektierten Darstellungsskepsis gefeiert. Zuletzt eher als verschrobener Fantast wahrgenommen, erhält der Belgier durch die Schau seine intellektuelle Autorität zurück.

Korrespondierte er doch zu Lebzeiten mit namhaften Heidegger-Forschern, Logikern und dem Poststrukturalisten Michel Foucault, welcher dem Nicht-Pfeifenbild einen brillanten Essay widmete.

Die Begleit- und Katalogtexte des Kurators Didier Ottinger sind dagegen recht umständlich geraten, was aber zum Glück nicht auf die Schau selbst abfärbt. Belegen die Frankfurter doch schon vor dem Betreten der Ausstellungsräume, dass Magritte Bilder und Worte gegeneinander abgewogen hat und damit zum Ziehvater von Konzeptkünstlern wie Joseph Kosuth wurde.

An den Wänden des Treppenhauses stehen die Lehrsätze, die der Künstler für die Zeitschrift „La revolution surrealiste“ formulierte. Darunter auch folgende Beobachtung: „Ein Gegenstand hängt nicht so sehr an seinem Namen, dass man für ihn nicht einen anderen finden könnte.“ Das verweist auf die Arbitrarität des sprachlichen Zeichens, die Tatsache also, dass die meisten Dinge ihre Namen willkürlich bekommen haben und beispielsweise ein Haus nicht zwingend als „Haus“ bezeichnet werden muss.

Spiel mit Traumdeutungen

Magritte nun verpflanzt diese Beliebigkeit dorthin, wo es sie vor ihm nicht gab: ins Feld der visuellen Abbildung. Indem die Mottos der Gemälde beständig ins Leere zu laufen scheinen, stiftet er gehörig Unordnung im Reich der Dinge und der Zeichen. Ob nun der Schlüssel, der in einem gigantischen Schlüsselloch schwebt, „Das Lächeln des Teufels“ genannt wird, jemand das Wort „Himmel“ auf eine nackte, mörtelgraue Fläche schreibt oder der Werktitel eine Rose (Verzeihung, das Bild einer Rose) zur “Stimme des Absoluten“ erklärt.

Neben dem anarchischen Beschriftungsschabernack entwickelt Magritte auch eigene Bilderschriften, die mit Hieroglyphik und Traumdeutung spielen. In „Der kühne Schläfer“ etwa sortiert er Apfel, Melone, Kerze und andere Objekte zu einer vertrackten Rätselaufgabe. Dabei war der Künstler im Unterschied zu seinen französischen Mitsurrealisten nie ein überzeugter Parteigänger der Psychoanalyse. Auch von André Bretons Vergötterung des Zufalls hielt der Belgier nicht viel.

Ganz im Gegenteil, seine Paralleluniversen sind stets planvoll und klar strukturiert. Schließlich verdiente er sich sein Geld, ehe der finanzielle Erfolg kam, als Plakatmaler. Magrittes eingängig aufgeräumtes Kompositionsdenken beflügelte in den 70er Jahren auch seine postume Karriere als Motivgeber für Poster, die damals jeder Jugendliche in seinem Zimmer hängen hatte.

Obwohl sich die Werkauswahl im Gegensatz zur Erststation im Centre Pompidou etwas konzentriert hat und der „Verrat der Bilder“ nur in einer (englisch beschrifteten) Variante von 1935 zu sehen ist, befällt den Besucher der großzügig offen gehängten Schau sofort die magrittetypische Stimmung aus Langsamkeit und Unbehagen. Fast andächtig folgt man dem Genie der Irritation und der Augentäuschung durch eine Welt, deren Magie sich immer wieder als absurder Kulissenzauber enttarnt. Treppen enden vor der Wand, der pittoreske Wölkchenhimmel erweist sich als die Rückseite eines eingerollten Vorhangs. Wirklichkeit ist nichts als ein Stück Stoff, das man hoch- und runterlassen kann, das sich aufspannen und mit einer Landschaft bemalen lässt, die dann plötzlich zu Glas wird und der wahren Landschaft draußen vor der platonischen Höhle zum Verwechseln ähnlich sieht. Aber ähnlich heißt nicht identisch. Auch das lernen wir von Magritte, der Spaßkopf und Philosoph zugleich war. Und nein, eine Pfeife war er nicht.

Bis 5. Juni, Römerberg, Di-So 10-19, Mi, Do -22 Uhr.

INFO: Leben – René Magritte wird 1898 im wallonischen Lessines geboren und studiert an der Brüsseler Kunstakademie. 1927 zieht er nach Paris und nimmt Kontakt zu den Surrealisten um André Breton auf, kehrt jedoch schon 1930 in die belgische Hauptstadt zurück. Zu Weltruhm gelangt er erst nach 1945, als der Surrealismus bereits vorüber ist. 1967 stirbt Magritte in Brüssel.

Leihgaben – Die meisten der rund 70 Gemälde und Papierarbeiten stammen aus dem Ausland, etwa aus der Londoner Tate, dem Museum of Modern Art in New York oder den Musées royaux des beaux-arts in Brüssel. Zu sehen sind auch Filme und Briefdokumente wie etwa Magrittes Korrespondenz mit Michel Foucault oder dem belgischen Philosophen Alphonse de Waelhens.