Restaurant-Test: Alte Vogtei in Köngen Modernste Küche im ältesten Haus

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Egal ob der Stern irgendwann kommt oder nicht: Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist bereits spitze, denn vier hochwertige Gänge für 58 Euro kann man sonst lange suchen.

Nadine und Lars Volbrecht machen die Alte Vogtei zu einer Topadresse. Foto: Horst Rudel
Nadine und Lars Volbrecht machen die Alte Vogtei zu einer Topadresse. Foto: Horst Rudel

Köngen - Wird aus Köngen ein kleines Gourmetmekka wie Fellbach mit seinen drei Sternerestaurants? Mit dem Tafelhaus und dem Schwanen gibt es immerhin schon zwei Adressen mit einem Bib Gourmand des „Guide Michelin“. Vielleicht könnte irgendwann sogar ein Stern folgen, denn im ältesten Haus im Ort werkeln seit Ende Juli einige Köche mit Erfahrung in ausgezeichneten Häusern. Allen voran Lars Volbrecht, der mit seiner Frau Nadine jetzt erstmals Inhaber ist und zuvor zum Beispiel bei Jan Hartwig im Zweisternerestaurant des Bayerischen Hofs war. Außerdem im Team der neuen Alten Vogtei: Aaron Turner von der Krone Waldenbuch und der Patissier-des-Jahres-Finalist Alexander Huber aus dem Top Air.

Hochkarätige Besetzung also, was man schon bei der Sellerie-Panna-Cotta mit Staudensellerie und Steinpilz-Crumble als Gruß aus der Küche merkt. Zuvor haben wir ausgiebig den schönen Garten zwischen der Holzterrasse und dem hübsch verwinkelten Haus (mit seinen nur 28 Plätzen), Baujahr 1458, bewundert und die DIN-A3-Karte studiert. Die listet Vorspeisen, Zwischengänge, Hauptgänge und Desserts zwischen zwölf und 29 Euro. Wir bestellen vier Gänge für 58 Euro und drei für 42 Euro plus 20 Euro Weinreise.

Komplexe Kunstwerke auf dem Teller

Schon die Vorspeise ist ein komplexes Kunstwerk auf dem Teller: mit Rote Bete gefärbtes Forellenfilet, dazu Räucheraal, vakuumierte und dadurch intensivierte Wassermelone – und ringsherum kräftig eingelegtes und gerolltes Gemüse. Auch die zweite Vorspeise mit Zwetschgen-Variationen, Fenchel, Schafsjoghurt und Pumpernickel fordert die Sensorik und bietet alles von süß, sauer, frisch bis würzig. Puristischer ist die zweite Runde mit Jakobsmuscheln, Erbsen und Möhren auf der einen und geröstetem Butternusskürbis, Blutwurst und Pfirsichen auf der anderen Seite. Dann aber sehen wir, dass wir uns etwas verbestellt haben, denn als nächstes haben wir wieder Blutwurstgeschmack – nur ohne Wurst, sondern als Blutpudding mit Pastinaken, Äpfeln und Pfifferlingen. Interessante Erfahrung. Gefälliger ist der gebratene Seeteufel, der durch eine Curry-Beigabe sanft exotisiert wird. Finalement: Karottenkuchen, der neben Ananas als Chip, Gelee und Sorbet von gesalzenen Möhren begleitet wird; sehr harmonisch ist das zweite Dessert rund um die Birne.

Die Weinreise beinhaltete einen schönen Mosel-Riesling, einen Grünen Veltliner und einen „Lemberger in lecker“, so der Chef ketzerisch zum Blaufränkisch vom Weingut Hufnagel. Also? Wir rücken perspektivisch fünf Sterne raus: für den Service sowieso, denn die Gerichte werden freundlich-kompetent vom Küchenteam selbst an den Tisch gebracht. Und obwohl manche Komposition noch runder sein und etwas zurückhaltender mit Säure gearbeitet werden könnte: Wir haben für doppelt so viel Geld schon schlechter gegessen. Das zählt.