Richard III. Das Skelett vom Parkplatz ist ein König

Peter Nonnenmacher, 04.02.2013 18:42 Uhr

Leicester - Als Philippa Langley vor drei Jahren auf einem städtischen Parkplatz in der englischen Stadt Leicester ein weißes „R“ auf den Asphalt gemalt sah, war sie sich sicher, am Ziel einer langen Reise angelangt zu sein. Die Drehbuch­autorin, die auch Leiterin der schottischen Abteilung der „Richard III. Society“ war, hatte keinen Zweifel daran, worauf ­dieses „R“ hinwies: Nämlich auf die seit Jahrhunderten vergebens gesuchte Grabstätte des letzten Königs des Hauses York – auf das Grab Richards III., der 1485 bei der Schlacht von Bosworth, keine 25 Kilometer von Leicester entfernt, getötet worden war.

Natürlich wusste auch Langley, dass das „R“ auf dem Parkplatz zunächst einmal nur „Reserviert“ bedeutete. Aber mit ihrem Riecher fürs Royale, und angespornt vom Historiker und Richard-III.-Experten John Ashdown-Hill, lag sie mit ihrer Vermutung gar nicht so falsch. Gestern bestätigten Archäologen der Universität von Leicester, dass sie tatsächlich die Überreste des letzten Plantagenet-Monarchen gefunden und identifiziert hatten. Und zwar fast unmittelbar unter dem „R“, das Philippa Langley seinerzeit „so ein unheimlich starkes Gefühl“ eingeflößt hatte, am richtigen Platz zu sein.

Der Fund ist ein wahrhaft historisches Ereignis für England. König Richard III. war neben James II. der einzige König der britischen Geschichte, über dessen Grabstätte man nichts wusste. Richard war in Bosworth von den Truppen Henry Tudors, des Herzogs von Richmond, besiegt worden. Der Sieger bestieg nach diesem Sieg als Heinrich VII. den Thron. Er begründete die lange Dynastie der Tudors. Die Linie der Anjou-Plantagenets starb mit Richard aus.

Auch im Netz ist der Fund ein Thema. Unter dem Stichwort #RichardIII äußern sich viele Nutzer zu dem längst verstorbenen englischen König. Und ein eigenes Twitter-Profil hat Richard III auch schon.

Die Experten sind sicher: Es ist der König

Das schmähliche Ende Richards III. haben Chronisten eindringlich geschildert. Der in Bosworth getötete König soll entkleidet über ein Pferd geworfen und in Leicester zur Schau gestellt worden sein. Nach seinem Tod wurde Richards Leiche in aller Stille in Leicesters franziskanischer Greyfriars-Abtei beigesetzt. Die Abtei aber wurde später zerstört und überbaut. Hundert Jahre nach der Schlacht von Bosworth wusste schon niemand mehr, wo Richard III. begraben lag. Zudem gab es Überlieferungen, die behaupteten, man habe die Überreste des Königs in einen Fluss geworfen. Erst als sich der Historiker Ashdown-Hill, die „Richard III. Society“ und die Archäologische Abteilung der Universität Leicester zusammentaten, um auf den Pfaden neuen Kartenwerks der Sache auf den Grund zu gehen, begann sich plötzlich ein uraltes Rätsel zu entwirren.

Die Stadt erlaubte den Archäologen, auf dem Parkplatz zu graben. Und die Forscher stießen prompt auf die Mauern der Abtei – und auf ein gut erhaltenes Skelett in einem separaten Grab nahe dem Chorgestühl. Der Fund vom vorigen September ließ englische Royalisten-Herzen schneller schlagen. Das Skelett wies ein gekrümmtes Rückgrat auf, wie es Richard III. hatte. Am Schädel waren offenkundige Schlachtverletzungen festzustellen. Und auch die Lokalität des Fundes war ein klares Indiz.

Inzwischen sind sich die Experten einig, dass es sich wirklich um Richard III. handelt. In viermonatigen Tests kamen sie zu dem Schluss, dass dieses Skelett, das des verschollenen Königs ist. Nach Aussagen der Wissenschaftler gehören die gefundenen Knochen einem „Mann mit ungewöhnlich schlankem, fast femininem Körperbau“. Von insgesamt zehn Wunden waren dem Erschlagenen einige erst nach dem Tode beigebracht worden. Ein Lanzenhieb zum Beispiel soll post mortem eine Hinterbacke des Königs getroffen haben: Was mit dem überlieferten Bericht von der übers Pferd geworfenen Leiche übereinstimmen würde.

Eine Drehbuchautorin will Richards Image aufbessern

Zudem gelang es den Forschern auch noch einige Abkömmlinge Richards aufzutreiben – darunter einen in London lebenden kanadischen Möbelschreiner namens Michael Ibsen, dessen verstorbene Mutter Joy in 16. Generation und in direkter weiblicher Linie von Richards Schwester Anne of York abstammte. Die DNA von Ibsen entsprach der DNA, die sich noch an dem unter dem Parkplatz ausgegrabenen Skelett entnehmen ließ. Damit habe man „mit hinreichender Sicherheit“ die Identität des Königs nachgewiesen, sagte der Leiter des Forscherteams, Professor Richard Buckley.

Für Philippa Langley und die „Richard III. Society“ bietet der Sensationsfund Anlass zu großem Jubel. Als nächstes wollen die Richard-Fans nachweisen, dass ihr Held keineswegs der bucklige Bösewicht war, den Shakespeare aus Richard III. machte. Die Drehbuchautorin Langley denkt bereits an einen Hollywood-Film über den lang vermissten König, um „das ihm von den Tudors verpasste negative Image“ eines Prinzenmörders und grausamen Intriganten aufzubessern.

Derweil bereitet sich die Stadt, in der Richard III. nun mehr als 500 Jahre lang anonym begraben lag, auf ein feierliches neues Königs-Begräbnis vor. Die Überreste Richard III. sollen in der Kathedrale von Leicester beigesetzt werden. Außerdem will man ihm und seinem Leben ein spezielles Besucherzentrum widmen. Eine Stadt wie Leicester weiß schließlich, was sie ihrem legendären König schuldig ist. Und all den Touristen, die man sich nun in Leicester neuerdings erhofft.