Robert-Bosch-Krankenhaus Naturheilkunde in der Krebstherapie

Von ury 

Das Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus geht neue Wege in der Krebstherapie. Neben der schulmedizinischen Behandlung von Patienten wendet man auf dem Burgholzhof auch Naturheilkunde und andere Methoden der integrativen Onkologie an.

Das Entree des  neuen Bereichs für integrative Medizin des RBK Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Das Entree des neuen Bereichs für integrative Medizin des RBKFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Robert Bosch ist als bedeutender Förderer der Homöopathie bekannt. Das erste nach ihm benannte Krankenhaus an der Hahnemannstraße war der bisher ambitionierteste Versuch, der alternativen Heilmethode zum Durchbruch zu verhelfen. Seit dem Umzug des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK) vom Pragsattel auf den Burgholzhof 1973 gilt dieser Versuch allerdings als gescheitert. Nun knüpfen die heute Verantwortlichen auf eine andere Weise an das Engagement des großen Unternehmers an. In einem neu geschaffenen Bereich Naturheilkunde und integrative Medizin werden Krebspatienten der Hämatologie und der Gynäkologie ergänzend zur Schulmedizin behandelt.

„Rund 70 Prozent aller Krebspatienten wenden alternative Heilmethoden an“, sagt Mark Dominik Alscher, der ärztliche Direktor des RBK. Insbesondere Frauen mit der Diagnose Brustkrebs sind dabei sehr aktiv. Alscher fragt: „Ignoriert man das – oder nimmt man es positiv auf?“Auf dem Burgholzhof hat man sich für Letzteres entschieden. „Eine moderne Medizin, bei welcher der Patient im Mittelpunkt steht, muss auf diese Bedürfnisse eingehen“, nennt der ärztliche Direktor einen Grund für die neue Einrichtung im RBK. Und natürlich habe bei dem Schritt auch die durch Robert Bosch begründete Tradition eine wichtige Rolle gespielt. Bis heute sei „Offenheit für alternative Methoden und ganzheitliche Medizin“ ein Bestandteil des Leitbilds, sagt Alscher. „Das gehört zur DNA des Hauses.“

Viele Krebspatienten wollen selbst aktiv werden

Doch wie beginnen? „Wir wollten das Rad nicht neu erfinden“, sagt Geschäftsführer Ulrich Hipp. Und klar war: Der Nutzen einer alternativen Behandlung muss wissenschaftlich auch belegbar sein. Vor bald zwei Jahren haben die Verantwortlichen deshalb Kontakt zu Gustav Dobos aufgenommen. Der Direktor der Klinik für Naturheilkunde und integrative Medizin in Essen gilt als Experte, er hat an der dortigen Universität den republikweit einzigen Lehrstuhl auf diesem Gebiet.

Bei der Behandlung von Krebspatienten in der sogenannten „integrativen Onkologie“ gehe es insbesondere darum, die teils heftigen Nebenwirkungen der schulmedizinischen Behandlung zu vermindern, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und bei diesen „Selbstheilungskräfte anzuregen“, sagt Gustav Dobos. Dazu gehöre auch, dass die Menschen selbst etwas tun können für ihr Befinden, dies entspreche dem Wunsch sehr vieler Betroffener. Und nicht zuletzt könne man durch diese Angebote auch vermeiden, dass Krebskranke, „die oft nach jedem Strohhalm greifen, nicht in die Hände von Quacksalbern geraten“, erklärt der Mediziner. So unterstützen Gustav Dobos und drei seiner Ärzte aus Essen seit geraumer Zeit das RBK beim Aufbau des neuen Angebots.

Das Kompaktprogramm dauert zehn Wochen

Auf der Fläche der ehemaligen wissenschaftlichen Bibliothek sind drei Behandlungszimmer mit Besprechungsräumen entstanden und ein ansprechender Wartebereich mit Blick auf einen lichten Innenhof. Seit Dezember werden die ersten Patientinnen behandelt, man befindet sich aber noch in den Anfängen. Zunächst hat man das Angebot auf zehn bis zwölf Personen ausgelegt, will dieses aber Schritt für Schritt ausbauen und auch durch eine ambulante Behandlung erweitern.

Das zehnwöchige Kompaktprogramm, bei dem die Patienten einen Tag pro Woche behandelt, beraten und in Gruppen angeleitet werden, enthält verschiedene Elemente. Diese reichen etwa von der Achtsamkeitsmeditation über Yoga, Tai Chi, Chi Gong zu Akupunktur und chinesischer Massage, es findet eine Ernährungsberatung statt, es gibt Bewegungsangebote im Fitnessraum oder im Bewegungsbad. Schon vor einer Chemotherapie geht man die Nebenwirkungen mit pflanzlichen Mitteln an. Durch sogenannte Ordnungstherapie und Mind-Body-Medizin werden die Patienten unterstützt, im ihrem Alltag einen gesunden Lebensstil zu entwickeln und dadurch ihr seelisches Wohlbefinden wiederzugewinnen.

Ein stabile Psyche ist gut für die Therapie

„Bewegung und richtige Ernährung verbessert bei Brustkrebs nachweislich die Prognose“, sagt Gustav Dobos. Mark Dominik Alscher hält den Abbau von Ängste bei den Betroffenen für sehr wichtig. „Wenn die Psyche stabil ist, hat das gute Auswirkungen auf das Immunsystem, mit messbaren Erfolgen für die Therapie.“

Derzeit handle es sich bei dem Angebot noch um ein „zartes Pflänzlein“, gibt Geschäftsführer Ulrich Hipp zu, das nur dank einer großzügigen Anschubfinanzierung der Robert-Bosch-Stiftung wachsen könne. Verhandlungen mit einem Mediziner, der speziell für diesen Bereich eingestellt werden soll, laufen. In absehbarer Zeit will man das Behandlungsprogramm auch auf andere medizinische Fachgebiete in dem Krankenhaus ausdehnen.

Verhandlung mit den Krankenkassen

Im Geiste von Robert Bosch lege die Stiftung Wert darauf, dass das neue Angebot nicht nur Privatpatienten und Selbstzahlern vorbehalten bleibt, sondern auch gesetzlich Versicherten zugute kommt, sagt Ulrich Hipp. Das wird in der Anfangsphase durch die Stiftungsmittel ermöglicht. Man habe wegen einer Kostenübernahme aber bereits Kontakt mit den Krankenkassen. Das Thema sei freilich „nicht trivial“, räumt der Geschäftsführer ein.

Nach einem Jahrhundert: der etwas andere Neuanfang

Geschichte
Mit der Gründung der Homöopathisches Krankenhaus Stuttgart GmbH begann 1915 die Stiftungsinitiative von Robert Bosch dem Älteren. Ein Jahr später stellte er dafür drei Millionen Mark zur Verfügung. 1936, zu seinem 75. Geburtstag, stiftete Robert Bosch das nach ihm benannte Krankenhaus. Es wurde 1940 auf dem Pragsattel eröffnet, an der Hahnemannstraße, die benannt ist nach Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie. In dem Gebäude ist heute das Polizeipräsidium untergebracht. 1973 zog das RBK in den Neubau auf den Burgholzhof und schloss mit diesem Schritt gleichzeitig das Kapitel Homöopathie.

Buch
Der StZ-Lokalredakteur Thomas Faltin hat diese Geschichte, ihr Scheitern und ihren historischen Kontext in seinem Buch „Homöopathie in der Klinik“ umfassend dargestellt. Das 453 Seiten zählende Werk ist im Stuttgarter Haug-Verlag erschienen.

Experte
Gustav Dobos ist Inhaber des Lehrstuhls für Naturheilkunde und integrative Medizin an der Universität Duisburg-Essen. Er leitet die gleichnamige Klinik an den Kliniken Essen-Mitte und gilt als der Experte in Deutschland auf dem Gebiet der naturheilkundlich erweiterten Krebstherapie. Zusammen mit Sherko Kümmel hat er das Buch „Gemeinsam gegen Krebs. Naturheilkunde und Onkologie“ im Verlag Zabert Sandmann geschrieben.