Roboter in Bietigheim-Bissingen Hightech-Bub tanzt Gangnam Style

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Die Ellentalgymnasien haben zwei hochkarätige Roboter angeschafft, um ihre Schüler für Technik zu begeistern. Damit sind sie Vorreiter im Land – und überholen selbst das Regierungspräsidium.

Nao (links) und Birdie sehen niedlich aus, sind aber mit Hochtechnologie  vom Feinsten vollgestopft. Foto: factum/Bach
Nao (links) und Birdie sehen niedlich aus, sind aber mit Hochtechnologie vom Feinsten vollgestopft.Foto: factum/Bach

Bietigheim-Bissingen - Nao ist ein cooler Typ. Wenn er zum Tophit „Gangnam Style“ von Psy abtanzt, seine Arme in die Höhe reißt und locker mit den Hüften kreist, verzückt er so manches Mädchen. Und seine Schwester Birdie lässt wohl kaum einen Jungen kalt, wenn sie sich beim Aufstehen verschlafen rekelt und mit zuckersüßer Stimme nach der Uhrzeit fragt. Auch den 64-jährigen Heinz Pohl haben die beiden schon um den Finger gewickelt: „Ich habe mich in sie verliebt“, gesteht der Informatik-Lehrer, der alles daran gesetzt hat, die zwei an die Ellentalgymnasien zu holen. Es dürfte eine einseitige Liebe bleiben.

Denn Nao und Birdie haben zwar erstaunliche Fähigkeiten – ein Herz aber haben sie nicht. Stattdessen sind die Roboter, die von einer Pariser Firma hergestellt werden, vollgestopft mit Hochtechnologie. Sie haben Ultraschall-, Berührungs- und Drucksensoren, sie sind mit Infrarot, mit hochauflösenden Digitalkameras, Lautsprechern und Mikrofonen ausgestattet und können in acht verschiedenen Sprachen kommunizieren.

Roboter sind für Schulen unerschwinglich

Dementsprechend teuer sind die knapp 60 Zentimeter großen Männchen auch. Wie viel sie gekostet haben, will Pohl nicht preis geben, aber sie seien „definitiv unerschwinglich für eine Schule“. Deshalb hat sich der Lehrer hinter den Schreibtisch geklemmt und 60 Bittbriefe an Wirtschaftsunternehmen in der Nähe geschrieben. Knapp ein Dutzend Firmen ließen sich überzeugen, auch die Stadt unterstützte die Anschaffung. Seit April ist das elektronische Geschwisterpaar in Bietigheim – doch damit ging die Arbeit erst los.

Denn bislang gebe es noch kein pädagogisches Konzept und keinerlei Handbücher für den Unterricht mit solchen Robotern, sagt Heinz Pohl. Zusammen mit Matthias Makowsky, dem Ansprechpartner für Informatik im Regierungspräsidium Stuttgart, erarbeite er derzeit ein Unterrichtsprogramm. Dessen Umsetzung ist dann vom kommenden Schuljahr an an den Ellentalgymnasien in Bietigheim-Bissingen sowie am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach geplant, wo Makowsky als Informatik-Lehrer zwei der Roboter angeschafft hat. Künftig wollen die beiden Vorreiter ihren Entwurf auch anderen Lehrkräften zur Verfügung stellen.

Tanzeinlage statt abstrakter Formeln

Oberstes Ziel dabei sei es, die Schüler – vor allem die Mädchen – für Technik zu begeistern. „Das ist wichtig, denn die Gesellschaft braucht Ingenieure“, sagt Pohl. Am Beispiel von Nao und Birdie könnten die Mädchen und Jungen hautnah erleben, wozu es gut sei, Mathe, Physik und Informatik zu lernen. „Das ist etwas anderes, als wenn ich abstrakte Formeln an die Tafel schreibe.“ In der Tat sind die Schüler kaum zu halten, als Heinz Pohl ihnen seine elektronischen Freunde vorstellt, die er selbst programmiert hat. Gebannt hören sie zu, wenn Nao seine Schwester mit dem Song „I sing a Liad für di“ von Andreas Gabalier samt Tanzeinlage weckt, wenn Birdie sich zu „Morgens immer müde“ von Laing aus den Federn quält oder wenn einer von beiden seinen Schulalltag szenisch darstellt und auf Deutsch und Englisch kommentiert.

Doch das sind nur die Spaßeinlagen. „Diese Roboter sehen nett und niedlich aus, aber sie sind mit Hightech vom Feinsten ausgestattet“, sagt Peer Johannsen. Er ist Professor für Informatik an der Hochschule Pforzheim und arbeitet dort intensiv mit den Nao-Robotern. Zehn Exemplare hat die Hochschule angeschafft – ein Traum für Johannsen. Denn mit den hochkomplexen Systemen dieser Ausbildungsroboter sei eine riesige Bandbreite an Themen abzudecken: von der Programmierung sprachlicher Interaktionen über komplexe Bewegungsabläufe bis hin zur Bildverarbeitung. Und im Labor könnten die Studierenden dann sofort praktisch umsetzen, was sie gelernt hätten.

Übung für Arbeit an Großmaschinen

Das sei ungewöhnlich. An anderen Hochschulen dürften oft nur Doktoranden und Forschungsteams mit solch sensibler Technik arbeiten. Das sei ein Problem, schließlich müssten die Studenten später im Beruf auch in der Lage sein, beispielsweise die Roboter am Fließband eines Autoherstellers zu programmieren. Üben konnten sie das bislang kaum, denn im laufenden Betrieb sei das zu gefährlich und die Roboter seien zu groß, um als Lehrobjekte in der Hochschule installiert werden zu können. Die Naos hingegen böten alle notwendigen technischen Anwendungen, um die Studenten für die Arbeit an den Großmaschinen auszubilden.

Eine Schule brauche zwar sicherlich nicht zwingend schon derartige Hightech-Objekte, so Johannsen. Doch wenn man die Schüler damit für Technik interessieren könne, sei das ein großer Gewinn: „Unser Alltag ist schließlich voll von Technik“, so Johannsen. Mit Mikrowelle, Spülmaschine und elektronischen Geräten sei fast jeder Haushalt quasi mit zig Robotern ausgestattet. Es könne nur gut sein, besser zu verstehen, was einen tagtäglich umgibt. Und eine gute Voraussetzung für ein technisches Studium sei es allemal, wenn man sich schon zuvor mit Robotern auseinander gesetzt habe.

Regierungspräsidium will auch Lust auf Technik wecken

Das sieht man auch beim Regierungspräsidium Stuttgart (RP) so. Angesichts des Fachkräftemangels sei es sehr wichtig, die Begeisterung der Schüler für Technik zu wecken, heißt es. „Wir freuen uns, wenn sich Lehrer so engagieren wie Herr Pohl und Herr Makowsky“, sagt Nadine Hilber, Sprecherin des RP. Aber die Behörde habe das Thema auch selbst schon auf dem Schirm. Das zeige allein schon die Tatsache, dass es einen Fachmann für Informatik gebe, so Hilber. Ein großes Problem sei jedoch bislang die Finanzierung der teuren Ausstattung. „Aber es gibt erste Finanzierungskonzepte, um diesen Bereich interessanter zu machen“, sagt die Sprecherin. Nao und Birdie dürfte diese Nachricht nicht weiter kratzen. Aber wenn Heinz Pohl wollte, dann würden sie auch dazu einen kleinen Freudentanz vollführen.