Roger Cicero in der Porsche-Arena Perfekte Dramaturgie
Matthias Ring, 08.02.2010 08:24 Uhr
vorherige Bild 1 von 2 nächste
Mehr als eine Million verkaufte Platten und 3500 Besucher in der Porsche-Arena: Foto: dpa
Mehr als eine Million verkaufte Platten und 3500 Besucher in der Porsche-Arena: Foto: dpa
Stuttgart - Die schlechte Nachricht zuerst: obwohl Stefan Raabs Suche nach "unserem Star für Oslo" vielversprechend begonnen hat, darf man nicht vergessen, dass der Eurovision Song Contest seine eigenen Gesetze hat. Das musste 2007 auch der überaus talentierte Roger Cicero erfahren, der in Helsinki auf dem 19. Platz landete. Die gute Nachricht: es hat ihm nicht geschadet, wie mehr als eine Million verkaufter Platten und 3500 Besucher in der Porsche-Arena zeigen.

Also bitte schön: "Meine Damen und Herren, begrüßen Sie Roger Cicero!" - ertönt es nach der in sattes Licht getauchten Ouvertüre der Big Band. Da steht er, oben auf der einen Seite der Showtreppe, die auf der anderen in einem Halbrund zum Laufsteg abfällt. Glänzender Anzug, Lackschuhe an den Füßen und natürlich ein Trilby auf dem Kopf, den Fans als "Roger Cicero Trilby Hut" erstehen können. Und er breitet schon in der ersten Gesangsnummer sein Stimmvermögen aus, das unten samtig, in den höheren Lagen schneidig und auch im Falsett sicher ist.

Aber ach, was ist das? "Wie komm ich raus aus der Boutique ohne Krieg? Wie komm ich raus aus dem Laden ohne Schaden?" Diese Texte, in denen auch das Frauenbild in der Swing-Ära stehengeblieben zu sein scheint, sind ein Problem. Schon für sein gut gemeintes "Frauen regieren die Welt", in Stuttgart die erste Zugabe, wurde Cicero von der "Emma" zum "Pascha des Monats" gekürt. Dabei ist eigentlich der Texter Frank Ramond schuld, der in seinen Alltagsgeschichtchen vermeintlich zeitgemäße Phrasen aneinanderreiht, die im nächsten Moment wieder passé sind. Da zweifelt man schon fast an der Poptauglichkeit der deutschen Sprache, wünscht sich einen Michael Bublé her, an dem man Roger Cicero durchaus messen kann - und dann zeigt er mit "Geboren", einer raffinierten Coverversion der Fantastischen Vier, dass es auch anders gehen könnte.

Cicero wächst als Entertainer fast über sich hinaus


Konzentrieren wir uns also auf die Musik. Der Arrangeur Lutz Krajenski weiß, wie man die dreizehn Mann effektvoll einsetzt. Das Schlagzeugsolo von Matthias Meusel zeigt zwar , dass der sich nicht aus dem stampfenden Funkgerüst befreien kann, aber der neu zur Band gestoßene Percussionist Robbie Smith entlockt seinen Congas kleine Melodien. Und Cicero? Wächst im Laufe des Abends als Entertainer fast über sich hinaus, bittet die per Aufruf gefundene Tamara zum Duett auf die Bühne, macht mit "Du willst es doch auch" das Publikum an und verzaubert mit seiner "Anna" in einer "MTV-unplugged-Version".

Die Dramaturgie ist perfekt, der Druck wird permanent erhöht, bis die Hammondorgel reingerollt und die Porsche-Arena zur Gospelkirche wird - mit "Murphys Gesetz", in dem hier nichts schiefgeht, wenn es heißt: je lauter die Musik, desto unverständlicher der Text. Gott sei Dank!

Klicken Sie sich durch die Bildergalerie von Ciceros Auftritt in der Porsche-Arena »
Kommentare (3)
Anzeigen
FEB
09
Michael A. Gluhf, 05:47 Uhr

RING hat RECHT .

Die Texte sind für denkende Menschen eine ziemliche Zumutung. Beisoiel : "Ein lasziver Blick Und schon ändert sich deine Politik Kein Boss und kein Actionheld Kein Staat und kein Mafiageld Frauen regier'n die Welt" Singt sich schön, ist aber ohne jeglichen Sinn zusammengestümpert. Hauptsache, es reimt sich auf Welt. JA, ich weiss der Text ist NICHT von Cicero. Frank Ramond ist nichts besseres eingefallen.

FEB
08
M. Pfeffer, 10:00 Uhr

Sehr geehrter Herr Ring,

Texte kann man mögen oder eben nicht. Wenn Sie was am Können auszusetzen hätten... . Na ja, für uns war es jedenfalls ein toller Abend. PS: Waren Sie der Herr in der dritten Reihe, der das ganze Konzert regungslos mit verschränkten Armen dagesessen hat? Tut mir sehr leid, dass Sie so gelitten haben.

FEB
08
Michael A. Gluhf, 09:29 Uhr

Endlich eine intelligente Kritik

Herr Ring scheint der einzige Kritiker zu sein, der durchblickt. Wer liest schon aufmerlsam die Nachberichte über ein Konzert ? Derjenige, der dort war. Wer war dort ? Die Fans des Behüteten ( ich finde ja, Roger sieht ziemlich deppert aus mit seinem Hütle - degustibus ...... ) . Und was wollen die Fans lesen ? Sie wollen sich jedenfalls nicht nachträglich den teuer bezahlten Abend mies machen lassen. M. Ring hat das kapiert. DANKE dafür. Verwurschtelt hat Ring den letzten Absatz mit dem Gesetz von Murphy. Und was ein Funkgerüst ist, weiss wohl nur derjenige, der vor Ort war. Vielleicht ging es um Aufbauten zur Übertragung der Funksignale ???