Rolf Thieringer wird 85 Jahre alt Keine Angst vor kaltem Wasser

Thomas Borgmann, 21.12.2012 11:20 Uhr

Stuttgart - Es ist in diesen Zeiten kein Vergnügen, ein Christdemokrat zu sein, schon gar nicht in der Landeshauptstadt. „Da gehört Courage dazu“, sagt Rolf Thieringer. „Ich leide sehr nach fast sechzig Jahren Mitgliedschaft in der CDU. Diese Niederlagen tun mir weh.“ Als da wären: die verlorene Kommunalwahl von 2009, die verlorene Landtagswahl von 2011, die Affäre um Stefan Mappus, vor allem aber die verlorene OB-Wahl am 21. Oktober.

Knapp dreißig Jahre seines Berufslebens verbrachte Rolf Thieringer als Bürgermeister für Soziales und Gesundheit, später sogar als Erster Bürgermeister auf der Chefetage des Stuttgarter Rathauses. Stets war die CDU die prägende Partei in dieser Stadt. Warum hat sich das geändert? „Es liegt an de Leut’“, sagt Thieringer. „Ich glaube an die Kraft von Persönlichkeiten.“

Was er damit meint: den hiesigen Christdemokraten mangelt es heutzutage an profilierten Köpfen, an mutigen Querdenkern, an glaubwürdigen Charakteren, an politischen Talenten, die nicht herumschwadronieren, die Lebensklugheit be­sitzen, den Menschen reinen Wein einschenken. „Ich habe unseren Kandidaten Se­bastian Turner unterstützt“, erzählt Thieringer, weil der ein Klassenkamerad meines Sohnes Stefan war.“ Dazu stehe er auch im Nachhinein. Offen und ehrlich, wie es immer seine Art war, fügt er hinzu: „Unser OB-Kandidat ist im Wahlkampf entmystifiziert worden.“

Flakhelfer in Zuffenhausen

Rolf Thieringer, der am zweiten Weihnachtstag seinen 85. Geburtstag feiert, sagt über sich: „Ich bin ein wandelndes Stück Zeitgeschichte, habe in meinem langen Leben historische Höhen und Tiefen erlebt.“ Thieringer stammt aus dem Flecken Höchstberg bei Heilbronn, unweit der Grenze zwischen Baden und Württemberg, „aber ich bin mit meinen Eltern schon 1928 nach Stuttgart gekommen, hier aufgewachsen – ich fühle mich als Stuttgarter“. Als Jugendlicher hat er den Zweiten Weltkrieg erlebt und erlitten, war Flakhelfer auf einem Geschütz mitten in Zuffenhausen. Nach dem Zusammenbruch 1945 ging der junge Mann aufs renommierte Karlsgymnasium. Thieringer weist mit erhobenem Zeigefinger darauf hin, dass man damals „Karls-Oberschule“ sagte – die Betonung auf „Ober“. Eine bürgerliche Bildungsanstalt. Es folgte das Studium: Staatswissenschaft, Philosophie, Geschichte, Geografie; Thieringer nennt es „mein Studium generale“, erinnert sich, dass er „eigentlich Diplomat oder etwas im Sozialen werden wollte“.

Dann war da noch das Religiöse, sein Katholizismus, die Suche nach persönlicher Orientierung angesichts der Katastrophe der Nazizeit und des Krieges. Also entschied er sich nach dem Abitur in Stuttgart zunächst für die Jesuiten, für deren Kolleg in Pullach bei München. Das Dogmatische der Jesuiten passte indes so gar nicht zu seinem liberalen Geist. Schon nach anderthalb Jahren verließ er Pullach wieder, denn eine heitere Weisheit hatte ihm die Augen geöffnet: „Fürchte das Wildschwein von vorn, den Esel von hinten und die Frömmler von allen Seiten!“ Thieringer lacht, zitiert’s gleich noch einmal und ist froh, diese Entscheidung fürs Leben getroffen zu haben.

Also kam alles anders – wie so oft für die jungen Männer seiner Generation. An der Philosophischen Fakultät der Uni Tübingen riet man dem Doktoranden zu einer Arbeit über „Das Verhältnis der Gewerkschaften zu Staat und Parteien in der Weimarer Republik“. Die Gewerkschaft ließ damals diese Arbeit vielfach drucken; noch heute kann man sie im Antiquariat erwerben. Um über sein Thema zu recherchieren, ging der junge Academicus in den frühen Fünfzigern nach Bonn, mietete sich im kleinen Rhöndorf ein und hatte, morgens auf der Fähre über den Rhein, eine schicksalhafte Begegnung: „Auch Konrad Adenauer, der bekanntlich in Rhöndorf wohnte, musste mit seinem Dienst-Mercedes über den Fluss, um nach Bonn zu kommen. Da hab ich ihn angesprochen, was kein Problem war, denn Sicherheitsleute hatte der Bundeskanzler nicht.“ Thieringer trat in die CDU ein. „Der Alte“, wie man Adenauer nannte, hatte ihn beeindruckt.