Rosensteinquartier Stuttgart „Kleine Parzellen statt riesiger Klötze“

Exklusiv Die Bürger sollen entscheiden, wie sie in Stuttgart leben wollen. Auf dieser Frage will Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) die Planung für das Rosensteinquartier auf den S-21-Gleisflächen nördlich des Bahnhofs aufbauen.

OB Fritz Kuhn hält eine Internationale Bauausstellung für möglich. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
OB Fritz Kuhn hält eine Internationale Bauausstellung für möglich.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die Bürger sollen entscheiden, wie sie in Stuttgart leben wollen. Auf dieser Basis will Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) die Planung für das Rosensteinquartier auf den S-21-Gleisflächen nördlich des Bahnhofs aufbauen.

Herr Kuhn, Sie haben im Sommer angekündigt, demnächst mit den Planungen für das Rosensteinquartier beginnen zu wollen. Was ist daraus geworden?
Ich will im ersten Quartal 2015 mit einer informellen Bürgerbeteiligung für das Rosensteinquartier beginnen – und diese noch im selben Jahr abschließen. Informell bedeutet, dass die Bürger sagen, was für ein Viertel sie sich vorstellen. Informell heißt auch, dass es nicht um einen Plan geht, zu dem die Bürger nur Ja oder Nein sagen dürfen. Im Kern geht es darum, wie wir in Stuttgart leben wollen.
Das ist ein hoher Anspruch.
Stimmt. Es geht bei dem Projekt ja auch um den Umgang mit der knappsten Ressource, die Stuttgart hat, nämlich Fläche. Eine solche Möglichkeit haben wir in dieser Größenordnung in den kommenden Jahrzehnten, vielleicht sogar in hundert Jahren nicht noch einmal. Das ist schon von großer Bedeutung.
Das hätte Ihr Vorgänger Wolfgang Schuster nicht schöner sagen können.
Falls Sie darauf anspielen, dass ich kein Befürworter von Stuttgart 21 war, dann kann ich Ihnen sagen: Ich hoffe selbstverständlich darauf, dass sich auch Menschen, die den Tiefbahnhof kritisch sehen, an der Diskussion um die bestmögliche Nutzung der frei werdenden Flächen beteiligen. Die Chance, 100 Hektar zu gestalten und zu bepflanzen, ist bei der Enge dieser Stadt die letzte Aktion dieser Art.
Trotzdem haben Sie lange gezögert mit dem Beginn dieses Planungsprozesses, den SPD, CDU und andere S-21-Befürworter schon lange fordern. Warum wollen Sie sich ausgerechnet jetzt an die Spitze der Bewegung setzen?
Ich sehe nach wie vor keinen Grund für übergroße Hektik. Aber jetzt ist klar und offensichtlich, dass Stuttgart 21 definitiv gebaut wird. Dann nicht anzufangen mit den Planungen, wäre verkehrt und eine unnötige Verzögerung. Ich denke, das sieht auch der Gemeinderat so. Außerdem sehen wir jetzt in natura, wie sich das Europaviertel entwickelt. Da existieren teilweise recht monumentale Vorgaben, die man in echte Urbanität auflösen muss.
Die Vorschläge könnten weit reichen: der eine will mehr Wald in der Stadt, der andere kleine, bezahlbare Wohnungen.
Ich bin für alle Vorschläge offen. Doch ich will auch davor warnen, alles, was in der Stadt nicht zufriedenstellend läuft oder fehlt, auf diese Fläche zu projizieren. Es wäre nicht richtig, dort 11 000 Sozialwohnungen zu bauen, weil es daran in Stuttgart mangelt. Genauso falsch wäre es, dort alle Kultureinrichtungen zu platzieren, die anderswo aus den Nähten platzen.
Welche Ideen haben Sie?
Es gibt ein paar Punkte, die für mich klar sind. Wir werden es nicht Großinvestoren überlassen, uns zu sagen, was auf den Flächen geschieht. Die Stadt muss definieren, was sie haben will. Es geht um die Repolitisierung von Immobilienentscheidungen. Die Richtung heißt: kleine Parzellen und Konzeptvergaben statt riesiger Klötze. Außerdem werde ich eine Frage einbringen, die für manche vielleicht erstaunlich klingen mag: Ist es nachhaltig, in wenigen Jahren die ganze Fläche auf einmal zu bebauen? Darf eine Generation, die zufällig im Bau- und Planungsalter ist, über das gesamte Areal entscheiden? Und diejenigen, die später kommen, haben diese Chance nicht? Wäre es nicht klüger, jetzt vielleicht nur die Hälfte zu machen und mit dem Rest zu warten? Auch über solche Fragen muss sich unsere Stadt verständigen. Klar ist, dass Städte, die wir in Europa bewundern, nicht auf einen Streich gebaut worden, sondern Schicht für Schicht gewachsen sind.
Und was halten Sie davon, eine Internationale Bauausstellung auszurichten?
Grundsätzlich halte ich eine Internationale Bauausstellung für möglich oder sogar wünschenswert. Ich kann mir gut vorstellen, dass am Ende der Bürgerbeteiligung zwei oder drei Szenarien stehen, die man durch eine Internationale Bauausstellung umsetzen und vertiefen kann. Internationale Bauausstellungen brauchen aber eine neue thematische Fragestellung; das war einst schon am Weißenhof so und auch jetzt zuletzt in Hamburg nicht anders. Dieses Grundthema zu definieren, könnte ein Ziel der informellen Bürgerbeteiligung sein. Aber nur zu sagen, wir wollen ein nachhaltiges Quartier in Bezug auf Energie und mit wenig Verkehr, wäre zu wenig. Das ist schlicht Stand der Technik. Wir wollen doch für morgen und übermorgen bauen!
Was wäre Ihr Thema?
Ich will nicht vorweggreifen, aber ich kann Ihnen ein Beispiel geben: „Arm und Reich“. Schaffen wir es, Bauformen zu entwickeln, die die sozialen Schranken überwinden können? Zunächst aber will ich daran appellieren, dass alle, die jetzt nach einer Internationalen Bauausstellung rufen, sich um gute Themen kümmern. Noch mal, ich will nichts vorgeben, aber ich habe viele Ideen.
Zu diesem Areal gab es bereits eine Bürgerbeteiligung und es existiert ein Entwurf, der noch im August 2014 als Grundlage der Planung beschrieben wurde. Soll das alles weggewischt werden?
Die bisherigen Beteiligungen – auch der wichtige städtebauliche Entwurf von Herrn Pesch aus dem Jahr 2005 – gehen natürlich als Material in diese Bürgerbeteiligung ein. Die Debatte bezieht sich aber nicht allein darauf. Wenn wir jetzt wollen, dass die Bürger wieder zusammenkommen, dann müssen wir einen neuen Start machen.