Rot-Kreuzler im Dauereinsatz „Wir sind stolz auf das, was wir tun“

Egal ob Hochhausbrand oder Bombenalarm: In Notfällen sind die Helfer des Deutschen Roten Kreuzes binnen weniger Minuten zur Stelle. Sie arbeiten alle ehrenamtlich, auch Birgit Bux, die als Einsatzchefin in der Stadt und im Kreis einen unbezahlten Zweitjob hat.

Auch  bei den Leichtathletikfestivals im Glaspalast ist Birgit  Bux mit ihrer Gruppe vor Ort, um sich um Verletzte zu kümmern. Foto: factum/Granville
Auch bei den Leichtathletikfestivals im Glaspalast ist Birgit Bux mit ihrer Gruppe vor Ort, um sich um Verletzte zu kümmern.Foto: factum/Granville

Sindelfingen - Zurzeit herrscht Hochsaison für die Rot-Kreuz-Helfer. Dreimal mussten sie innerhalb einer Woche abends zu stundenlangen Einsätzen ausrücken, weil nach Bombenfunden in Sindelfingen und Böblingen der Ausnahmezustand herrschte. Die Mitglieder der DRK-Ortsvereine halfen bei der Evakuierung und bei der Unterbringung der Bewohner, die für die Bombenentschärfung ihre Häuser verlassen mussten – wie immer ganz ohne Entlohnung. Birgit Bux, die Einsatzchefin des Sanitätsdienstes in Sindelfingen und im Kreis erzählt, wie ein solcher Einsatz organisiert wird und warum er den Freiwilligen trotz aller Belastung Spaß macht.

Frau Bux, wie viele Leute von Ihnen waren bei den Bombenfunden im Einsatz?
Beim ersten Sindelfinger Fall waren wir 94 Rot-Kreuz-Leute, beim zweiten Mal 110. Dabei hatten wir Unterstützung von vielen anderen DRK-Ortsvereinen aus dem Landkreis sowie den Versorgungsgruppen aus Steinenbronn und Rutesheim.
Wie werden die Leute alarmiert?
Zunächst werde ich als Einsatzleiterin informiert. Ich bin dann zur Besprechung, vor Ort und habe mit den Vertretern der Stadtverwaltung, der Feuerwehr, der Polizei und dem Kampfmittelbeseitigungsdienst beraten, wie wir das organisieren. Das war ja ein planbarer Einsatz. Dann habe ich unsere Mitglieder per Whatsapp informiert. Bei Bränden, bei denen wir schnell vor Ort sein müssen, funken wir die Leute per Piepser zusammen.
Und wenn die Leute gerade im Kino sitzen?
Dann stehen sie auf, setzen sich in ihr Auto und fahren los. Die Einsatzkleidung liegt im Kofferraum. Schwierig ist es dann eher für die Begleiter, die alleine im Kino zurückbleiben. Abends ist das weniger ein Problem. Aber tagsüber kann nicht jeder von der Arbeit weg. Deshalb erhält nur der einen Piepser, der auch flexibel ist und innerhalb von 15 Minuten vor Ort sein kann.
Machen da die Arbeitgeber mit?
Ich habe Glück. Ich arbeite bei der Volksbank und habe eine Vereinbarung, dass ich jederzeit ausrücken kann. Allerdings gibt es natürlich auch bei mir berufliche Termine, die ich einhalten muss. Auch ich kann nicht immer weg. Insgesamt ist die Situation schwierig. Viele arbeiten außerhalb, in Stuttgart oder Pforzheim. Auch Lehrer oder Pflegekräfte können nicht einfach ihren Arbeitsplatz verlassen. Deshalb haben im Sindelfinger Ortsverein nur 23 Leute ein Alarmgerät. Die anderen kommen dazu, wenn sie Zeit haben oder sind nur bei planbaren Veranstaltungen dabei.
Wie belastend sind dieses Notfalleinsätze?
Als stressig empfinde ich Situationen wie den Sindelfinger Hochhausbrand vor zwei Jahren. Auch da wurden Wohnungen evakuiert und es waren sehr viele Menschen betroffen und die Lage war anfangs sehr unübersichtlich. Wir brauchten lange, bis wir alle notwendigen Informationen beisammen hatten. Aber wir werden für unsere Aufgaben gut geschult. Jeder absolviert zumindest die Grundausbildung, bevor er an Einsätzen teilnehmen darf. Ich habe es in all den Jahren noch nie erlebt, dass es für jemanden zu belastend war.
Gibt es gefährliche Situationen? Werden Sie zum Beispiel manchmal von Betrunkenen angegriffen?
Vor jedem Einsatz wägen wir die Gefahren ab. Und wenn wir zum Beispiel bei einem VfB-Spiel im gegnerischen Fanblock stehen und die Stimmung aggressiv wird, haben wir die Anweisung, uns zurückzuziehen. Bei uns ist noch nie etwas passiert.
Schützt Sie die Uniform?
Sie weist uns für die Leute als kompetent aus. Wir werden bei Veranstaltungen alles Mögliche gefragt.
Gibt es für Ihre Arbeit eine Aufwandsentschädigung?
Nein, wir arbeiten komplett ehrenamtlich. Unsere Leute erhalten ihre Ausbildung umsonst und können sich, wenn sie wollen, kontinuierlich weiterbilden. Für aktive Mitglieder erheben wir keinen Mitgliedsbeitrag, aber wir bezahlen auch nicht für Einsätze. Nur für Routinedienste erhalten die Mitglieder ihre Aufwendungen ersetzt. Das Deutsche Rote Kreuz bekommt für solche Dienste wie Konzerte oder Sportevents natürlich Geld. Das brauchen wir, um unsere Arbeit zu finanzieren. Unterstützt werden wir auch durch unsere Fördermitglieder, deren Beiträge unsere ehrenamtliche Arbeit erst möglich machen. Viele Menschen denken, wir sind eine staatliche Organisation. Das stimmt nicht. Tatsächlich arbeiten wir in den Ortsvereinen neben unserem Hauptberuf ehrenamtlich. Und ohne uns würde vieles nicht funktionieren. Niemand wäre dagewesen, um sich um die Menschen aus den evakuierten Häusern bei den Bombenfunden zu kümmern. Das wissen viele nicht.
Wie viel Zeit nimmt der Rot-Kreuz-Job in Anspruch?
Für mich als Einsatzleitung ist es ein zweiter Job, im Moment habe ich täglich irgendetwas zu tun. Mein Mann ist auch beim Roten Kreuz. Der hat dafür Verständnis.
Was reizt Sie und Ihre Kollegen am Engagement?
Das gemeinsame Tun in der Gruppe macht Spaß. Und wir können auch stolz sein auf das, was wir leisten. Interessante Erlebnisse garantieren auch die Veranstaltungen, zum Beispiel das Fanta-4-Konzert vor zwei Jahren. Es motiviert, wenn man mit zum Organisationsteam gehört und mal hinter die Kulissen schauen kann.
Brauchen Sie noch Nachwuchs?
Wir in Sindelfingen sind durch unsere Beteiligung am städtischen Leben ganz gut aufgestellt. Aber wir müssen ständig dran bleiben. Junge Leute gehen zum Studium und sind dann weg. Und es gibt auch Ortsvereine, die suchen dringend Ehrenamtliche, weil sie zu wenige sind. Anfangen kann man übrigens bei uns auch im fortgeschrittenen Alter. Wir haben im Moment viele Anfänger so um die 40 Jahre.

Fast 2000 Menschen im Kreis engagieren sich ehrenamtlich für das DRK

Chefin
Birgit Bux trat bereits mit 19 Jahren in das Rote Kreuz ein. Sie ist Bereitschaftsleiterin im Sanitätsbereitschaftsdienst in Sindelfingen und war zwölf Jahre lang stellvertretende Einsatzleiterin im DRK-Kreisverband. Seit Juni 2016 ist sie auch dort eine von zwei Chefs. Im Hauptberuf ist die 54-Jährige Bankkauffrau und arbeitet in der Organisationsentwicklung der Böblinger Volksbank.

Ortsverband
Der Sindelfinger Ortsverband hat 80 aktive Mitglieder. Im vergangenen Jahr leisteten diese bei 231 Festen und Veranstaltungen Sanitätsdienste, 36 mal waren sie im Freibad im Einsatz. Sie rückten 25 mal zu Notfalleinsätzen wie Bränden aus und organisierten vier Blutspendeaktionen. Hinzu kommen die wöchentlichen Bereitschaftsabende sowie Aus- und Fortbildungen.

Kreisverband
Im Landkreis Böblingen gibt es 24 DRK-Ortsvereine mit 1840 aktiven Mitgliedern. In 25 Bereitschaften engagieren sich 1185 Menschen ehrenamtlich. Zudem gibt es 33 Jugendrotkreuzgruppen und 56 Schulsanitätsgruppen. Das DRK betreibt auch elf Altenpflegeheime im Kreis. Dort sowie im Rettungssanitätsdienst und in der Verwaltung arbeiten 966 Hauptamtliche.