Rotlichtviertel Die Freude am Fröhlich ist getrübt

Von  

Christina Beutler betreibt seit 1988 im Rotlichtbezirk ihre Weinstube Fröhlich. Das Haus gehört der Stadt. Von der fühlt die Wirtin sich inzwischen allein gelassen.

Die Probleme draußen reichen eigentlich für zwei Frauen, die inmitten des Rotlichtviertels eine grundsolide Gaststätte betreiben. Foto: Achim Zweygarth
Die Probleme draußen reichen eigentlich für zwei Frauen, die inmitten des Rotlichtviertels eine grundsolide Gaststätte betreiben. Foto: Achim Zweygarth

S-Mitte - Wer wissen will, was sich verändert hat im Viertel, fragt Christina Beutler. Seit 1988 ist sie Inhaberin – inzwischen Mitinhaberin – der Weinstube Fröhlich, gelegen an der Leonhardstraße, mitten im Rotlichtviertel. Zuvor schon arbeitete sie in der gutbürgerlichen Gaststätte, die im übrigen Hans Fröhlich gegründet hatte. Der empfand bemerkenswerterweise den Beruf des Wirtes reizvoller als seinen erlernten: den des Redakteurs, in seinem Fall bei den Stuttgarter Nachrichten.

Was also hat sich geändert im Viertel, Frau Beutler?

Die Antwort dauert dann eine Weile. Die kürzeste Zusammenfassung lautet: eigentlich alles – aber nichts zum Besseren. Sie enthält mehrfach das Adjektiv katastrophal, ein paarmal die Aggression und gelegentlich die Angst. Schon ein Mann braucht Mumm, um in dieser Umgebung ein Geschäft zu betreiben, das mit der Prostitution rein gar nichts zu tun hat. Hier erledigen das zwei Frauen, Beutler und ihre Geschäftspartnerin. Der Satz dazu, der einen vagen Eindruck gibt, lautet: „Morgens verscheuche ich immer die Drei, die gerade in die Einfahrt pinkeln.“ Dann holt sie den Gartenschlauch.

Einerseits ist der Stillstand Konzept, andererseits ein Problem

Drinnen hingegen, im Lokal, hat sich nichts geändert seit 1988 und schier nichts seit 50 Jahren. Eröffnet wurde das heutige Fröhlich im Jahr 1963. Einerseits ist der Stillstand Konzept. Andererseits ist er eines der Probleme, das Beutler zusätzlich zu denen draußen hat. Das Haus gehört der Stadt. Und die „tut einfach nichts mehr“, sagt Beutler. „Alles verfällt.“ Die Zeichen, dass sie mit dieser Klage nicht ganz Unrecht hat, sind allenthalben unübersehbar: Löcher im Putz, bröckelnde Farbe, der zigfach abgezogene Parkettboden. Immerhin hat sie jüngst Ersatz für die zerschlagenen Fliesen in der Küche bekommen. „Es ist nicht so, dass gar nichts mehr passiert“, sagt Beutler. „Aber es ist alles immer zäh.“

Es geht ihr nicht ums Große, es geht um nervende Kleinigkeiten. Schönheitsreparaturen erledigte einst ein Hausmeister sofort, Größeres umgehend. Seit seinem Abgang sind wechselnde Rathaus-Mitarbeiter für die städtischen Häuser im Quartier zuständig. Abgesehen davon, dass Beutler unter ihnen schon Ansprechpartner hatte, die sich nicht ins Leonhardsviertel trauten, „sind die auch engagiert“, sagt die Wirtin. „Ich glaube, das sind die Amtsmühlen.“

Unabhängig von Schuldigen oder Schuldigkeit scheint es schier so, als sei im Rathaus unerwünscht, dass inmitten des Rotlichtbetriebs zwei Frauen eine grundsolide Gaststätte betreiben. Ein Beispiel dafür sind ein paar Sack Kies. Die sollten aufgeschüttet werden und helfen, Ratten und Tauben aus dem Biergarten im Hinterhof fernzuhalten. Einst musste Beutler den Hof für ein paar Wochen schließen, weil die Nager sich bis ins Treppenhaus vorwagten – und gelegentlich sprintete eine Katze hinterher.

Einer Rattenplage folgte eine Taubenplage

Die Ratten gingen, die Tauben kamen. Die Stadt schickte einen Mitarbeiter, der ein Konzept entwarf, wie der Vogelplage Herr zu werden sei. Das war im vergangenen Herbst. Am Ende kam ein Putztrupp und scheuerte den Vogelkot weg. Viel mehr geschah nicht. Die Tauben waren nicht sonderlich verschreckt. Oben, wo über dem Lokal Mieter wohnen, huschten auch schon Mäuse über den Flur des zweiten Stocks. „Wir haben dann alle Löcher verstopft“, sagt Beutler.

Die Selbsthilfe gegen den Zustand des Hauses ist kein Einzelfall. Die Wirtin bestellt und bezahlt auch immer wieder selbst den Maler oder einen anderen Handwerker für Ausbesserungen. Seit ein paar Jahren ist derlei aber zum Risiko geworden. Das Symbol dafür ist eine Lücke in der Farbe des Treppenhauses in der Form eines auf den Kopf gestellten L. „Das war eine Mitarbeiterin der Stadt“, sagt Beutler. Die Dame kratzte die Farbschichten von der Wand, um die ursprüngliche zu ermitteln. Der Denkmalschutz hatte das Haus entdeckt. Seither wagt Beutler kaum mehr, etwas ausbessern zu lassen.

Dabei war die Liebe zum Historischen im Rathaus offensichtlich lange Zeit vergessen. Auf der Rückseite des Hauses ist das geschichtsträchtige Gemäuer sorgsam überdeckt. Statt auf Fachwerk blicken die Gäste im Biergarten auf schnöde Styropor-Dämmplatten.

Sonderthemen