Rotlichtviertel Stuttgart „Wir wollen keine Herbertstraße haben“

Von Jörg Nauke 

Keine Ausweitung des Rotlichtquartiers: Im Leonhardsviertel sollen künftig keine weiteren Bordelle genehmigt werden, wenn es nach Bezirksbeirat und Technikausschuss geht.

  Foto: Heinz Heiss
 Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Die Stuttgarter Innenstadt ist ein starker Anziehungspunkt für Dienstleister aller Art: Wettbüros, Spielhallen und Bordelle, aber auch Discotheken und Tanzlokale werden von der Stadt schwerpunktmäßig dort konzentriert, damit die Bürger in den Vororten verschont bleiben. Die Vermehrung solcher Einrichtungen wird im Stadtbezirk Mitte immer kritischer gesehen, denn auch dort leben Menschen, die sich nach Ordnung sehnen und die Einhaltung von Lärmgrenzwerten fordern. Die Stadtverwaltung versucht dem Wildwuchs mit einer neuen Vergnügungsstättenkonzeption Rechnung zu tragen. Nun werden in den betroffenen Stadtbezirken Bebauungspläne aufgestellt, um diese Konzepte in verbindliches Recht umzusetzen.

Im Technikausschuss des Gemeinderats ist am Dienstag das Verfahren speziell für den Bezirk Mitte in Gang gebracht worden. Die Fraktionen sowie der Bezirksbeirat auf der einen und die Stadtverwaltung auf der anderen Seite liegen in der Ausgestaltung allerdings auseinander.

Der Wildwuchs an Diskotheken sei nicht länger hinnehmbar

Das betrifft nicht die Steuerungsmöglichkeiten für die Zulässigkeit von Spielhallen und Wettbüros, die demnach nicht im Erdgeschoss eingerichtet werden dürfen und deren Eingänge mindestens 105 Meter voneinander entfernt liegen müssen. Die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) machte aber deutlich, dass der Wildwuchs an Discotheken und Tanzlokalen rund um den Josef-Hirn-Platz an der Eber­hardstraße nicht länger hinnehmbar sei.

Dort hat sich eine Gruppe von 50 Anwohnern zusammengeschlossen, die den Lärm durch nächtliche Musik und nachträglich eingebaute Lüftungsanlagen nicht länger hinzunehmen bereit sind. Diese Nutzung in Gebäuden aus der Gründerzeit zu gestatten, die nachweislich dafür nicht geeignet seien, hält Kienzle für inakzeptabel: „Rock im Barock geht gar nicht.“ Während die Grünen der Bezirksvorsteherin zustimmen, hält es der CDU-Fraktionschef Alexander Kotz für nötig, im „Ausgeh- und Veranstaltungsquartier“ nicht alle Nutzungen auszuschließen. Wie die Verwaltung will er sich die Möglichkeit für Ausnahmegenehmigungen offenhalten.

Der Straßenstrich hat sich in die Olgastraße ausgedehnt

Unklar ist die langfristige Perspektive für den Sonderfall Leonhardsviertel, das nicht nur ein Rotlichtquartier ist, sondern auch ein mit historischer Bausubstanz aufwartendes Wohngebiet mit Schule, Kita und Kirche. Dort finden sich neben wenigen genehmigten Bordellen und Animierlokalen viele illegale Vergnügungsstätten. Der (verbotene) Straßenstrich hat sich in die Olgastraße ausgedehnt, dort prostituieren sich die Ärmsten der Armen – meist von der Verwandtschaft unter Druck gesetzte junge Frauen aus Rumänien, die für zehn Euro in teuer angemieteten Zimmern umliegender „Hotels“ zu Diensten sind. „Wir wollen aber keine Herbertstraße wie auf der Reeperbahn haben“, sagt Veronika Kienzle.

Die Behörden und die Polizei erwecken aus Sicht mancher Stadträte trotz eines Runden Tischs, einem eigenen Unterausschuss und gelegentlichen Razzien bislang nicht den Eindruck, alles dafür zu tun, illegales Treiben einzudämmen und dem Viertel durch den Ankauf alter Gebäude und die Vermietung an Gewerbetreibende ein anderes Gesicht zu geben. Sowohl der Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD) als auch der ­Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) betonen, es sei sehr schwer, konkrete Verstöße nachzuweisen.

Das Stadtplanungsamt hat sich mit seinem Ansinnen, im Leonhardsviertel eine Mischung aus Wohnen, Kleingewerbe, Gaststätten und Sexläden zu zementieren, zumindest vorerst nicht durchgesetzt. Wie im Bezirksbeirat ist auch im Ausschuss festgestellt worden, im Leonhardsviertel sollten weitere Einrichtungen wie Bordelle vorerst nicht „ausnahmsweise zulässig“ sein, sondern „nicht zulässig“. Bürgermeister Dirk Thürnau (SPD) sagte, falls dies Beschlusslage bliebe, dürfte ein Betrieb nicht mehr übertragen werden. Das wäre nicht im Sinne der CDU, erklärte Kotz, der dem Angebot auch aus touristischer Sicht etwas abgewinnen kann. Veronika Kienzle hält dagegen. Sie verstehe nicht, dass Gewerbegebiete in Randbezirken stärker geschützt werden als die Altstadt. Und ihr ist auch nicht klar, wie die „menschenverachtende Armutsprostitution“ helfen könne, die Anziehungskraft Stuttgarts zu steigern.

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8 KommentareKommentar schreiben

Kommentare: Ich hoffe Frau Kienzle bekommt die ganzen Kommentare hier zu lesen!!

Eberhardstr./josef-Hirn-Platz: 50 Anwohner der Eberhardstr bzw. des Josef-Hirn-Platzes . Ganz ehrlich, ich bezweifle das dort jemand wohnt und wenn dann muß er nicht ganz zurechnungsfähig sein. Dort ist schon seit meiner Jugendzeit, Disco (Baghwan !) an Kebap an Kneipe an Cafe usw. Dort wohnt man einfach nicht, dort arbeitet man oder vergnügt sich. Wer dort wohnt sollte sich schnellstens nach Sillenbuch verkrümeln, denn dort wohnen die Korinthenkacker und Ruhebedürftigen. Während der Woche sind die Bürgersteige doch eh schon früh genug hoch geklappt in Stuttgart, peinlich für eine Großstadt. Wieso will man denn jetzt mit Gewalt die einzige Ecke, in der noch etwas Leben des nächtens existiert noch weiter beruhigen. Will Frau Kienzle dort einen Kräutergarten anlegen? oder grünen Tee anbauen. Holy Mother, wie weit ist es mit Stuttgart gekommen.

Tanzlokale?: Diskos und Tanzlokale am Hirnplatz und in der Eberhardstrasse? Die Grossdisko 'Zap' im Schwabenzentrum ist doch schon lange geschlossen. Das 'Rumors' ist dagegen richtig klein. Das 'Delilah' gibts schon seit vielen, vielen Jahren, auch das 'Rock Cafe'.

Quatsch: @ V wie Vendetta, das ist Blödsinn, im Leonhardsviretel findet seit geraumer Zeit nur noch die allermieseste Elendsprostitution statt. Die gehobenere Prostituion, über die sich sicher streiten lässt findet doch schon lange in Privatwohnungen und Häusern statt. Das Leonhardsviertel aber ist ein Trauerspiel.

Mir graut: Es ist erschreckend, was in den Koepfen von Freunden des Straßenstrichs vorgeht. Menschenverachtend und christlich schon gar nicht.

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