RTL-Dschungelcamp Der Ekel ist gesellschaftsfähig

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Ja, es ist befremdlich, wenn Menschen auf Befehl rohe Fischaugen essen, mit dem Ziel, „Dschungelkönig“ zu werden – doch nur wenige regen sich heute noch darüber auf. Das Dschungelcamp scheint in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.

Joey Heindle punktet bei den Dschungelcamp-Zuschauern mit seiner Naivität. Foto: RTL 30 Bilder
Joey Heindle punktet bei den Dschungelcamp-Zuschauern mit seiner Naivität.Foto: RTL

Stuttgart - Ja, es ist befremdlich. Wenn Menschen auf Befehl rohe Fischaugen essen, in dunkle Röhren klettern, um sich an Ratten und anderem Getier vorbeizuquetschen, mit dem Ziel, „Dschungelkönig“ zu werden. Ja, man darf das alles ausschalten, um nicht miterleben zu müssen, wie magersüchtige Frauen Ziel von gemeinen Lästerattacken werden. Oder man kann erst gar nicht einschalten, weil sich einem der Sinn des Gedöns in der australischen Hölle bei 48 Grad im Schatten verschließt. Man darf das.

Aber es gibt genügend Leute, die das Dschungelcamp, das am Samstag seinen König krönt, schauen. Die Show beschert RTL Traumquoten: Mit durchschnittlich 7,31 Millionen Zuschauern von Folge 1 bis 11 war „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ noch nie so zuschauerstark. Kürzlich verfolgten in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen fast viermal so viele Menschen das Dschungelcamp wie die „Tagesschau“. Die Szenen aus dem Busch laufen vortrefflich, während andere RTL-Formate wie das Casting „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) neuerdings beim Publikum durchfallen.

Die Zeit der Beschwerden beim Presserat ist vorbei

Was war das 2004 für ein Aufschrei, als RTL die erste Staffel aus Australien über die Mattscheibe schickte. Vom „Tiefpunkt der Fernsehunterhaltung“ war die Rede, „ehrverletzend“ und „schamlos“ waren die gängigen Attribute. Die damalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast wetterte: „Was hier gesendet wird, hat mit Unterhaltung nichts mehr zu tun.“

Aber auch die Berichterstattung über das Dschungelcamp ärgerte viele. Noch bis 2009 gingen beim Deutschen Presserat Beschwerden ein. „Heute haben die Leser offenbar keinen Anlass mehr, presseethische Grenzen verletzt zu sehen“, sagt Edda Kremer. Die Referentin des Deutschen Presserats hat auch in diesem Jahr keine Beschwerden zu verzeichnen. Also alles in Ordnung? Der Deutsche Journalistenverband (DJV) steht nahezu allein auf weiter Flur; er sieht die Berichterstattung aus der grünen Hölle weiterhin kritisch. „Es ist nicht die Aufgabe der Medien, Menschen vorzuführen“, sagt Eva Werner, stellvertretende DJV-Pressesprecherin. Natürlich sei die Teilnahme freiwillig, aber so mancher wisse offenbar immer noch nicht, worauf er sich einlasse.

Die übliche Inszenierung im heißen Busch

Dabei hat sich an der Inszenierung im heißen Busch nichts geändert: mehr oder weniger prominente Kandidaten werden in den Dschungel geschickt, rund um die Uhr von Kameras beobachtet, müssen zahlreiche Ekelprüfungen über sich ergehen lassen – aber kaum jemand regt sich noch groß darüber auf. Selbst wenn in der aktuellen Staffel Iris (die Mutter von TV-Sternchen Daniela Katzenberger) und Joey (ein Ex-DSDS-Kandidat) eine Horde schlammig eingesauter Ferkel einfangen, sie unter lautem Gequieke abschrubben, um auf ihrer Haut eine Zahl zu finden, regt sich kein Mensch mit einem Herz für Tiere so richtig auf. Die Bemerkung des Moderatorenpaars Sonja Zietlow und Daniel Hartwich – der Nachfolger des verstorbenen Dirk Bach –, jemand vom australischen Tierschutz sei da gewesen, reicht offenbar aus, ein Gemäkel an der einst heftig umstrittenen Ekelshow im Keim zu ersticken. Fazit: das Dschungelcamp scheint in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.

Zum einen haben die Medien selbst zu dieser Akzeptanz beigetragen. „Früher hat man das Format verurteilt, auf den ersten Blick sah es aus wie inhaltliche Anspruchslosigkeit“, sagt Franco Rota, Prorektor der Stuttgarter Hochschule der Medien. Man habe es in die Schublade Unterschichtenfernsehen gepackt, wo sich Dokusoaps und Reality-TV-Shows bereits tummelten. „Doch je näher man hinschaute, desto interessantere Aspekte zeigten sich“, meint der Kommunikationswissenschaftler. Outings, Lügen, Drogensucht, Gruppendynamik: mit einem Mal berichteten auch die großen Medien über das Geschehen im Camp, verfolgen es bis heute tagesaktuell. „Die Leser werden zwangsläufig mit dem Thema konfrontiert, das am Arbeitsplatz oder andernorts diskutiert wird“, erklärt Rota. Seiner Ansicht nach hat der Zuschauer etwas vom Dschungelcamp: „Weil er sich selbst wiedererkennt, weil er einen Nutzen davon hat. Er sieht, wie er sich nicht verhalten sollte, oder wie er sich im Extremfall verhalten könnte.“

Vielschichtiges Erfolgsrezept

Das Erfolgsrezept der einst verteufelten Show ist vielschichtig. Es ist nichts ernst oder alles anders gemeint. Wenn sich das Moderatorenduo Zietlow und Hartwich über die Dschungel-insassen, sich selbst und den eigenen Fernsehsender auslässt, ist die Ironie der Weg. Wenn Hartwich das Format selbst zum Schmuddel-TV erklärt und beteuert, er sehe nur Arte. Wenn Zietlow darauf herumreitet, dass die Bild.de-User sich in einer Umfrage Hartwichs Ablösung durch die Dschungelkandidatin und Dragqueen Olivia Jones wünschen.

Wenn sie dann noch ihre eigenen Zuschauer veralbern und grinsend erklären, dass der durchschnittliche RTL-Zuschauer bei der Nachtwache an das berühmte Bild von Rembrandt denke – dann ist das in seiner Selbstironie so erhaben über alle Kritik, dass sich wohl so mancher bei RTL diebisch freut und der Sender sich selbst als den wahren Dschungelkönig feiert. Selbst Kandidaten wie Olivia Jones treten sich selbst gern gegen das Schienbein: „Ich bin schon die Königin von St. Pauli, nun will ich noch Dschungelkönigin werden. Das sind die beklopptesten Titel, die man haben kann.“

Die Gags von Zietlow und Hartwich sind Geschmackssache. Wenn Klaus Baumgart (Sänger von Klaus & Klaus) seinen Hintern samt Gehänge zur Schau stellt und Moderator Hartwich ihn nach dessen Rauswahl mit den Worten „Wirf dir deinen Sack über die Schulter und geh“ verabschiedet, schlagen sich manche vermutlich vor Vergnügen auf die Schenkel, andere wenden sich angewidert ab. Die Frage, ob die Pointen auch witzig sind oder nur der Voyeurismus bedient wird, stellt sich längst nicht mehr, denn kein Mensch muss sich mehr für sein Dschungelfieber schämen. Das kollektive Ekeln liegt im Trend.

Alle bisher erschienenen Teile unserer Dschungelcamp-Kolumne „Mehlwurm, Kakerlake & Co.“ gibt es hier.

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7 KommentareKommentar schreiben

Fußballbundesliga: Hey ihr 18.00 Uhr Sportschau-Typen, Stadiongeher und Panini-Fußballbildchen-Sammler, erklärt mir den Unterschied zwischen eurem Volksport und diesem TV-Format. Sind wir 'Leserbrief-Leser' und 'Leserbrief-Beantworter' so weit von den anderen entfernt? Wen interessierte es, was mich interessiert? Grüße

Stehe ich jetzt am Rande der Gesellschaft ?: Nur weil einige Blätter mit Boulevardniveau meinen, jeden Tag über das Dschungelcamp schreiben zu müssen, ist dieses noch lange nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Man mag es kaum glauben, aber ich scheine zu der seltenen Spezies zu gehören, die noch nie eine Folge gesehen hat. Stehe ich jetzt am Rande der Gesellschaft ?

Scheinheiligkeit: Die Sendung hält der Gesellschaft einen Spiegel vor und wird deshalb wahrscheinlich gerade von denen abgelehnt, die das zu sehende an sich selbst hassen. Die Kommentare der Gegner sind oft einfach nur scheinheilig. Wie oft lästern sie selbst über ihre Mitmenschen oder tun unbemerkt eklige dinge?? Man weiß es nicht....

Wie bitte...: ...ist die Definition von 'Mitte der Gesellschaft'? Dieser unterirdische Ekelzinnober verursacht Fremdschämen. Das ganze Spektakel ist so was von peinlich, seine Protagonisten ebenfalls und erst recht die ausführliche Presseberichterstattung darüber. Wie war das mit dem 'Kulturvolk'?

Ekel: Ekel ist und bleibt Ekel. Das man für so etwas eigenes Zeit (Leben) opfärt um das zu gucken tut's mir leid. Pfui.

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