Rubrik „Glasers Perlen“ Andere nerven im globalen Maßstab

Von Peter Glaser 

Gefühlsbenebelte Debatten sind der Smog des Informationszeitalters. Je vernünftiger jemand Information aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag. Aber wie geht das?, fragt der StZ-Kolumnist Peter Glaser.

  Foto: Mauritius
 Foto: Mauritius

Stuttgart - Für die einen ist es die Große Sortiermaschine, die alles, was es zu wissen, zu kaufen, zu sehen und zu hören gibt, digital verflüssigt und einer Neuordnung unterzieht. Für sie ist Google der Schöpfer der neuen Weltordnung. Die vielen Hundert „Signale“, mit denen der Suchalgorithmus festlegt, was ins Töpfchen kommt und was ins Kröpfchen, werden ständig verfeinert, allerdings im Geheimen. Er ist die Coca-Cola-Formel des Internetzeitalters – und für manche eine sehr komfortable Entmündigung, die zusammen mit algorithmischen Empfehlungssystemen und Autokorrekturen zu einem virtuellen Vormund angewachsen ist, der seine Vollendung in Facebook findet, einem softwareüberwachten Erwachsenenkindergarten, in dem die Menschen brav miteinander spielen und sich die Werbung am Rand angucken sollen.

Wir erleben gerade, wie Massenmedien sich in Medienmassen verwandeln. Mancher hat noch nicht erkannt, dass es sich beim vormals Leser inzwischen um einen wichtigen Mitspieler und potenziellen Mitkämpfer handelt. Immer neue Kommunikationskanäle öffnen sich, durch die Menschen miteinander in Austausch treten können, aber die Überflutung mit Sinnhaftigkeiten ist nichts Neues. Als sich in den 80er Jahren das Usenet – eine Art anarchistisches Proto-Facebook – in Zehntausende von Newsgroups verzweigte, waren neben der sozialen Vision auch zunehmend Klagen über die ungefilterten Informationsmassen zu hören. Gern übersehen wird, dass schon damals abgestufte Mittel entwickelt wurden, um das Weiße Rauschen in den Griff zu bekommen: Moderatoren kümmerten sich um Debatten, und um Neulingen einen Eindruck von digitaler Gastfreundschaft zu geben, wurden die FAQs erfunden.

Nichts gegen Demokratie – aber ausgerechnet im Netz?!

Eine zwiespältige Form des virtuellen Müllproblems ist uns erhalten geblieben: Jeder darf nun überall seinen Senf dazugeben. Massenmedien funktionierten lange Zeit nach dem Broadcasting-Prinzip, es gab einen Sender und viele – passive – Empfänger. Dann kam das Internet, und zum ersten Mal gab es nicht mehr nur Frontalbeschallung, sondern jeder hatte plötzlich sein eigenes Äußerungsmedium in der Hand.

Jugendliche freuen sich seither über die Möglichkeit, erstmals in der Menschheitsgeschichte auch im globalen Maßstab nerven zu können. Rassistische oder extremistische Kommentare bringen die Menschen, die bekanntlich online leichter reizbar sind, umgehend aus der Fassung. Was bleibt, ist die Grundfrage: Wie gehen wir mit freier Meinungsäußerung um, wenn sie nun tatsächlich möglich ist? Im Netz findet nicht mehr nur repräsentative Meinungsäußerung statt – in Talkshows mit ausgewählten Gästen oder handverlesenen Auszügen aus Leserbriefen –, sondern auch die direkten, ungefilterten Formen des Äußerns. Manche reagieren nach dem Motto: „Ich habe nichts gegen Demokratie. Aber muss das ausgerechnet hier sein?“

Wir alle sind gerade erst dabei zu lernen, wie man online neue Umgangstöne finden kann, die gern kontrovers sein dürfen, aber zivilisiert bleiben müssen. Mit solcher Affektbezähmung aber scheinen sich ein paar Hundert Millionen Menschen noch nicht so recht angefreundet zu haben – vielleicht, weil sie einem den Spaß beim Ausprobieren der neuen Kommunikationsmittel verdirbt oder das Gefühl beeinträchtigt, jetzt endlich mal der Welt mitteilen zu können, was man ihr immer schon mal mitteilen wollte. Und dabei fällt auf dem Weg in eine zivilisiertere Zivilisation auch immer noch eine Menge Müll an.