Rückblick auf die Saison (III) Anstoß erregen, Anstöße geben
Roland Müller, 09.08.2010 14:44 Uhr
Der Angriff der Killerbrote – Volker Löschs "Nachtasyl Stuttgart" markierte den starken Beginn der jetzt abgelaufenen Spielzeit. Foto: Sonja Rothweiler
Der Angriff der Killerbrote – Volker Löschs "Nachtasyl Stuttgart" markierte den starken Beginn der jetzt abgelaufenen Spielzeit. Foto: Sonja Rothweiler


Ähnlich rabiat wie Lösch verfolgte etwa Thomas Dannemann diese politische Dramaturgie. In Ibsens "Volksfeind", einem Stück über korrupte Kleinstädter, baute er Anspielungen auf das verdorbene Stuttgart ein. Weniger rabiat, kraftstrotzend und laut gingen freilich andere Regisseure ans Werk. Sie arbeiteten leiser, subtiler und auch ästhetisch differenzierter. Der Intendant selbst, Hasko Weber, entdeckte in Sybille Bergs "Hauptsache Arbeit!" ein kleines Bestiarium kaputter Angestellter; Michael Thalheimer weissagte dem Landvolk in Tschechows "Kirschgarten" den Tod durch Resignation; und Sebastian Baumgarten spürte in Bulgakows "Flucht" der Entwurzelung von Menschen nach, die mit der Heimat auch ihre Moral verlieren. So stilistisch unterschiedlich die einzelnen Regiezugriffe auch waren, eines hatten sie doch gemeinsam: sie formten aus den Texten runde, stringente und, besonders im Fall der selten aufgeführten "Flucht", auch ästhetisch große Inszenierungen.

Schauspieler maßgeblich am Erfolg der Stücke beteiligt


Zu den Höhepunkten der Saison kam es aber nicht im Schauspielhaus, sondern - mit zwei Uraufführungen - im Depot. Gleichermaßen unprätentiös, alltagsnah und beglückend waren dabei jeweils Stück und Regie. Annette Pullen zeigte "Kein Schiff wird kommen" von Nis-Momme Stockmann, dem Autor der Saison: eine aus dem Alltag geschöpfte Familientragödie, behutsam aufgerollt und bei aller Schwere doch wunderbar zum Schweben gebracht von dem Spielertrio Jens Winterstein, Matthias Kelle und Lisa Wildmann. Und Schauspieler waren es auch, die über das präzis unverkrampfte Bühnenspiel hinaus maßgeblich am zweiten Glanzstück der Saison beteiligt waren. Zusammen mit Stephanie Schönfeld, Sebastian Röhrle, Bijan Zamani und - auch hier wirkten sie wieder mit - Kelle und Wildmann entwickelte Jan Neumann das "Fundament": eine Folge prägnanter, ungemein tragikomischer Szenen vom Leben im Stuttgart, die sich, wenn's ans Sterben geht, überlagern und zu einem nervösen Stadtporträt verdichten. Toll!

Als Hasko Weber 2005/06 in Stuttgart antrat, wurde sein Schauspielhaus zum Theater des Jahres gewählt. Damals legte der Neuintendant aus dem Stand heraus eine starke Eröffnungssaison hin, an die er jetzt fast wieder anschließen konnte. Der Abstand zur Spitze ist nur gering.
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