Rückengesundheit Auch mit 80 noch auf Kreuzfahrt

Von Christine Pander 

Beim Stuttgarter Wirbelsäulenkongress diskutieren Ärzte über neue Ansätze gegen das Rückenleiden. Experten zufolge kneift und zwickt es bei 80 Prozent der Deutschen.

Beim Stuttgarter Wirbelsäulenkongress dreht sich alles um die Kehrseite Foto: pa
Beim Stuttgarter Wirbelsäulenkongress dreht sich alles um die KehrseiteFoto: pa

Stuttgart - Nicht nur Hape Kerkeling als Horst Schlämmer hat „Rücken“. Experten zufolge kneift und zwickt es rund 80 Prozent der Deutschen zumindest ab und zu auf der Kehrseite. Die Gründe können vielfältig sein – genetisch, psychisch, ein ungesunder Lebenswandel.

Die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft beobachtet seit einigen Jahren eine Zunahme der Operationszahlen, wie ihre Vertreter zu Beginn des 7. Deutschen Wirbelsäulenkongresses in Stuttgart betonten. Wie hoch die Zahlen sind, lässt sich noch nicht genau sagen. „Wir haben deshalb ein nationales Wirbelsäulenregister ins Leben gerufen, das eine flächendeckende Erfassung und Dokumentation der operativen Prozeduren und Ergebnisse ermöglichen soll“, sagt Michael Ruf, der Präsident der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft.

Aus seinem Berufsalltag als Chefarzt des Zentrums für Wirbelsäulenchirurgie, Orthopädie und Traumatologie des SRH-Zentralklinikums Suhl weiß er, dass der Anstieg der Operationen zum einen dem demografischen Wandel geschuldet ist, zum anderen den neuen minimalinvasiven Techniken bei den Eingriffen. Viele Operationen, die bei älteren Patienten aufgrund des Narkoserisikos früher nicht durchgeführt werden konnten, seien heute machbar. Deshalb landen auch Patienten jenseits der 80 auf dem Operationstisch.

Kein Alterslimit für Operationen

Der Wirbelsäulenexperte Ulf Liljenqvist vom St.-Franziskus-Hospital in Münster kennt den Grund dafür: „Auch 80-Jährige wollen heute runter vom Sofa und lieber auf Kreuzfahrt gehen; sie wollen lange mobil sein.“ Meist werden bei älteren Patienten Stenosen behandelt – darunter verstehen Mediziner eine Wirbelkanalverengung, wie sie im Alter auftritt. Die Betroffenen klagen über Mobilitätseinschränkungen, die nur durch eine OP zu beheben sind. Die Wirbelsäule badet somit den Fortschritt des Älterwerdens aus, sagt der Bad Homburger Neurochirurg Daniel Rosenthal. Früher seien die Patienten mit Herzproblemen beschäftigt gewesen; die Krankheitsbilder hätten sich dem demografischen Wandel angepasst. Deshalb gibt es auch kein Alterslimit für eine OP. Die Fitness des Patienten spiele beim Abwägen eine weit größere Rolle.

Schwerpunktthemen des dreitägigen Kongresses werden neben der minimal­invasiven Behandlung von Bandscheibenvorfällen und Knochenabbauten an der Wirbelsäule auch Operationen nach Unfällen und Entzündungen sowie Deformitäten der Wirbelsäule sein. Man rechnet mit 1200 Medizinern.

Gerade Bandscheibenvorfälle kommen den Experten zufolge meist bei 30- bis 40-Jährigen vor; Sportler seien ebenso betroffen wie Couchpotatoes. Die genetische Veranlagung spiele genauso eine Rolle wie andere Faktoren. „Stress und die Psychosomatik kann hineinspielen oder ein ungesunder Lebensstil“, sagt Daniel Rosenthal. Auf dem Kongress werden die Mediziner auch kontrovers über den Sinn einer Operation bei Bandscheibenvorfällen diskutieren. „Wir wissen, dass 50 Prozent der Operierten nach einem Jahr denselben gesundheitlichen Zustand haben wie Nichtoperierte“, sagt Liljenqvist. Wer sich nicht operieren lasse, gehe aber oft durch „ein Tal der Tränen“. Betroffene fallen länger am Arbeitsplatz aus und steuern mit Physiotherapie gegen – ein langwieriger Prozess. Was aber tun, wenn ein Experte zur OP rät und der andere nicht? Die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft rät, die neutralen und kostenfreien Zweitmeinungsportale der Krankenkassen in Anspruch zu nehmen.

Nicht jedes zwicken ist ein Bandscheibenvorfall

Bandscheibenvorfälle scheinen manchen zur Volkskrankheit geworden zu sein. So ist es laut Rosenthal aber nicht. „Das muss aus den Köpfen: nicht jeder Rückenschmerz ist ein Bandscheibenvorfall. Wir Mediziner können das sehr genau diagnostizieren.“ Um beschwerdefrei zu bleiben, kann es Michael Ruf zufolge helfen, bei sitzender Tätigkeit nach einer Stunde jeweils für fünf Minuten die Position zu wechseln. „Oder wenigstens alle zwei Stunden zehn Minuten durch den Raum zu gehen.“

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