Stuttgart - Viele haben es im Kreuz: Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten und teuersten Krankheiten in Deutschland. Vor allem sind sie einer der häufigsten Gründe für Krankheitstage und Arbeitsunfähigkeit. Dabei muss das gar nicht sein: "Rückenprobleme können zwar viele Ursachen haben, weshalb sie oft schwer zu diagnostizieren und zu behandeln sind", sagt Barbara Tödte von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland in Saarbrücken (UPD). "Aber wer sich darauf einlässt, dass in vielen Fällen psychische Faktoren eine Rolle spielen, kann eher auf Heilung hoffen.
"Weil dies von vielen Patienten unterschätzt wird, heißt das Motto des diesjährigen Tages der Rückengesundheit, des 15. März: "Der Rücken beginnt im Kopf". Vor allem darf man sich bei Kreuzweh nicht schonen, wie jahrelang empfohlen wurde. "Bettruhe ist kontraproduktiv", warnt Hans-Joachim Wilke von der Universität Ulm, der Präsident der Europäischen Wirbelsäulengesellschaft (Eurospine). "Die Muskulatur baut sich ab, was in einen Teufelskreis aus Schmerzen und Verspannung führen kann." Dass viele Krankschreibungen vermieden werden könnten, ergab auch der gerade vorgestellte "Fit-for-Work"-Bericht der britischen "Work Foundation". "Rückenschmerzen", sagt Barbara Tödte, "darf man nicht beim Arzt abgeben. Man muss selbst aktiv werden."
Unübersichtlich viele Behandlungsmöglichkeiten
Das Problem ist derzeit die Frage der richtigen Behandlung. Es gibt eine unüberschaubare Fülle von Therapie- und Operationsmöglichkeiten, aber kaum gesicherte Erkenntnisse, was davon in welchem Krankheitsfall richtig ist. Standard sind mikrochirurgische Eingriffe, die auch bei komplizierten Bandscheibenvorfällen eingesetzt werden können. Seit Jahren steigt der Anteil der minimal-invasiven Therapien, die mit einem besonders kleinen Eingriff das Gewebe und den Patienten schonen sollen. Viele Kliniken werben offensiv mit besonders schonenden Methoden und hohen Erfolgsquoten. "Die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Verfahren ist aber meist nicht wissenschaftlich belegt", sagt Dagmar Lühmann vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Sie hat minimal-invasive Verfahren für das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) bewertet.
Gerade für Operationen gebe es keinen Anhaltspunkt dafür, welches die besten Behandlungsverfahren sein könnten, konstatiert Barbara Tödte. Denn an der Rückenbehandlung sind viele Fachärzte beteiligt, vom Orthopäden über den Neurochirurgen bis zum Spezialisten für Manuelle Medizin. Deshalb gibt es viele verschiedene Leitlinien; manche sind veraltet oder ungültig. Einen Konsens bringen soll die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz (NVL), die seit 2006 in Arbeit ist. Mehr als 20 Fachgesellschaften sind daran beteiligt. Demnächst soll sie in einer Konsultationsfassung veröffentlicht werden.
Ohnehin aber sind Operationen bei Rückenschmerzen oft unnötig. Selbst Bandscheibenvorfälle müssen in fast 90 Prozent aller Fälle nicht operiert werden. "Richtig ist eine OP bei deutlichen Bewegungseinschränkungen, bei beginnenden Lähmungen oder Taubheitsgefühlen", sagt Werner Braunsdorf, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie am Klinikum Magdeburg. Wenn also im Rücken Nerven eingequetscht werden - Ärzte sprechen von einer Nervenkompression - und die Schmerzen bis in Arme, Hände oder Beine und Füße ausstrahlen, sollte operiert werden. Doch der Erfolg ist nicht garantiert: Bis zu 15 Prozent aller Bandscheiben-Operationen führen laut Dimdi-Bericht nicht zu guten Ergebnissen.