S-Bahnen in der Region Stuttgart „Die Probleme für die S-Bahn sind gewaltig“

Von Florian Mader 

Klaus Wößner und Ulli Fetzer notieren in ihrem Blog alle S-Bahn-Verspätungen. Sie warnen: Mit der Hesse-Bahn könnten diese zunehmen.

Die S-Bahn muss auf den Schienen mit dem Regional- und Fernverkehr konkurrieren. Foto: dpa
Die S-Bahn muss auf den Schienen mit dem Regional- und Fernverkehr konkurrieren. Foto: dpa

Stuttgart - Mit der Taktverdichtung und ­Umleitungen wegen Stuttgart 21 wird die S-Bahn in den nächsten Jahren genug zu kämpfen haben. Daher sollte man mit dem Bundesverkehrsminister verhandeln, die Hesse-Bahn doch in Weil der Stadt enden zu lassen, fordern Klaus Wößner und Ulli Fetzer.

Wie geht es der S-Bahn zurzeit?
Fetzer: Die S-Bahn-Linien 1, 2 und 3 sind sehr verspätungsanfällig, weil sie Außen­äste haben, das heißt: Sie enden nicht in Stuttgart, sondern fahren von dort aus weiter. Die S 1 zum Beispiel fährt von Herrenberg aus über Stuttgart nach Kirchheim – das ist eine lange, verspätungsanfällige Strecke. Die S 6 von Weil der Stadt endet dagegen in Stuttgart, sie ist daher relativ pünktlich.
Wößner: Und jetzt soll ausgerechnet diejenige Linie, die am häufigsten pünktlich ist, auch noch Probleme bekommen.
Foto: factum/Granville
Sie meinen die Hermann-Hesse-Bahn, die von Calw kommend in Weil der Stadt auf die S-Bahn-Gleise einfahren und nach Renningen pendeln soll. Was ist das Problem?
Wößner: Niemand stört sich an einer Bahn zwischen Calw und Weil der Stadt. Aber ein   Parallelbetrieb von Hesse-Bahn und ­S-Bahn zwischen Weil der Stadt und Renningen wird Störungen mit sich bringen.
Fetzer: Mischverkehr von Güter- und Regionalzügen im S-Bahn-Netz bringen immer Verspätungen mit sich, das sehen wir zum Beispiel bei der Remsbahn zwischen Waiblingen und Schorndorf.
Wößner: Und man muss sehen: Verspätungen einzelner S-Bahn-Linien infizieren das   komplette S-Bahn-Netz. Wenn eine ­S-Bahn mit drei Minuten Verspätung auf der Stammstrecke in Stuttgart ankommt, verschiebt sie das gesamte Netz.
Es gibt ein Gutachten, demzufolge eine Bahn bis Weil der Stadt nicht wirtschaftlich sei.
Wößner: Diese Bewertung bei der Hesse-Bahn so starr anzuwenden, das geht doch gegen jedes ökonomische Gewissen! Daher müsste der Kreis Calw und die Landes­regierung hier mit dem Bundesverkehrsminister verhandeln, ob hier nicht eine Ausnahme denkbar ist – zumindest solange, bis klar ist, ob die S-Bahn nicht doch bis Calw verlängert wird. Denn welchen Sinn macht es, den Bahnhof Renningen jetzt für viele Millionen Euro für die Hesse-Bahn umzubauen, und hinterher braucht man das nicht mehr, weil die S-Bahn verlängert wird? Da sind jetzt auch die neu gewählten Bundestagsabgeordneten gefragt.
Und es gibt eine Vereinbarung, nach der die S-Bahn immer Vorfahrt hat.
Wößner: Ja, das Papier, auf der diese Dispositionsvereinbarung steht, ist geduldig. Da steckt der Teufel im Detail, da muss man sehr aufpassen, so etwas am grünen Tisch regeln zu wollen. Man muss wissen: In Weil der Stadt sitzt niemand auf einem Stellwerk, das erledigen Fahrdienstleiter in Renningen – die also keinen Sichtkontakt zu den Zügen in Weil der Stadt haben. Im Verspätungsfall müssten diese Fahrdienstleiter der Hesse-Bahn das grüne Signal wieder wegnehmen – da vergehen dann schon mal drei Minuten, bis alle Fragen der ­Sicherheit geklärt sind. Und schon hat die S-Bahn drei Minuten Verspätung.
Der Verkehrsminister Winfried Hermann hat jüngst mehr Solidarität für die Hesse-Bahn gefordert.
Fetzer: Da möchte ich entgegnen, dass wir mehr Solidarität für die S-Bahn brauchen. Vor einem Jahr haben wir uns daher auch an unsere Bundestagsabgeordneten aus der Region Stuttgart gewandt, mit der ­Bitte: Die S-Bahn braucht Ihre Unterstützung! Die Resonanz war leider sehr verhalten, jetzt setzen wir auf die neu gewählten Abgeordneten.
Wößner: Der Bund als Eigentümer des ­S-Bahn-Netzes muss dringend seinen Einfluss geltend machen, nachdem die Bahn das Netz jahrelang hat vergammeln lassen. Immer mehr Brücken und Weichen sind marode. Es scheint allen Beteiligten weithin überhaupt nicht klar zu sein, welche ernsten Herausforderungen in den nächsten Jahren auf die Stuttgarter S-Bahn zukommen werden.
Welche Herausforderungen sind das?
Fetzer: Nun, ab Ende des Jahres 2020 soll die S-Bahn werktags bis etwa 20.30 Uhr durchgehend im 15-Minutentakt fahren – mit Ausnahme der S 60. Damit entfällt die Möglichkeit, Verspätungen abzubauen. Noch gewaltiger sind die Herausforderungen aber durch Stuttgart 21.
Wößner: Ja, die zusätzliche S-Bahnstation „Mittnachtstraße“ wird beispielsweise eine schwierige Veränderung und Neuabstimmung der Fahrpläne aller S-Bahnlinien nach sich ziehen.
Was wird die Menschen hier treffen?
Wößner: Etwa ein Jahr vor Inbetriebnahme des Stuttgarter Tiefbahnhofs muss die Gäubahnstrecke – das Gleis zwischen Vaihingen und Stuttgart – unterbrochen werden, damit die neue S-Bahnstation Mittnachtstraße mit dem S-Bahn-Schienennetz verbunden werden kann. Dann müssen alle von Zürich und Singen kommenden Fernzüge ihren Weg von Böblingen über Renningen und Leonberg nach Stuttgart nehmen und konkurrieren somit direkt mit den S-Bahnlinien S 6 und S 60.
Wie lange dauert das?
Wößner: Nach meiner Einschätzung etwa drei bis vier Jahre. Wenn wir dazu noch die Güterzüge betrachten, die schon heute und auch in Zukunft ihren Weg aus dem Gäu ebenfalls über Renningen und Leonberg nehmen, wird die hohe Belastung deutlich, die auf die Bahnstrecken im Bereich Renningen/Leonberg zukommt. Es wäre für die S-Bahn wenig hilfreich, wenn dazu noch eine Problemstrecke Weil der Stadt – Renningen hinzukäme.