S21-Protest Menschenkette mit 20.000 Demonstranten
Jörg Nauke, Fotos: Rothe, vom 14.08.2010 00:49 Uhr
Stuttgart - "Mit forschreitender Bautätigkeit wird der Protest nachlassen", glaubt der CDU-Fraktionschef im baden-württembergischen Landtag, Peter Hauk. Über die Demonstranten gegen das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm sagte er gestern Vormittag: "Am Ende werden die, die protestieren, erkennen, dass sie Jahre zu spät kommen". Dieser Personenkreis umfasste am Abend zwischen rund 18.000 (Polizeischätzung) und 21.000 (Angaben des Veranstalters) Bürgern – und die skandierten "Wahltag ist Zahltag".
Die bisher größte Kundgebung gegen Stuttgart 21 fand dieses Mal als Menschenkette statt. Der Schutzwall um dem Hauptbahnhof, "gebildet von einem repräsentativen Querschnitt der Wählerschaft in Stuttgart und in der Region", wie Matthias von Hermann von den Stuttgarter Parkschützern attestierte, reichte vom Nordflügel des Bonatzbaus, der in den nächsten Wochen abgerissen werden soll, über die Eingangsfront bis in den Schlossgarten. "Und am nächsten Freitag werden wir noch mehr", verspricht die Grünen-Kreisvorsitzende Irmela Neipp-Gereke. "Herr Hauk wird sich noch wundern."
Eine bunte Mischung aus Alt und Jung, aus Familien, Rentnern und Paaren hatte sich um 20.30 Uhr an den Händen gefasst und die Menschenkette um den Hauptbahnhof geschlossen. Es waren so viele Bürger, dass es gleich für mehrere Reihen reichte. Eine Minute lang wurde geschwiegen, nur einzelne Vuvuzelas und Trillerpfeifen ertönten. Darauf folgte unbeschreiblicher Lärm und der Zug zum sogenannten Widerstandsbaum im Schlossgarten. Tausende hielten Kerzen in den Händen und verwandelten den dunklen Park in ein Lichtermeer. Hunderte genossen auf dem Ferdinand-Leitner-Steg über der Schillerstraße den Ausblick. Gegen 21.30 Uhr begann der Protestmarsch durch die Stadt, der reichlich chaotisch geplant war, aber friedlich blieb, wie Polizeipressesprecher Olef Petersen betonte.
"Keine Gewalt gegen Demonstranten, gegen Parkbäume und Polizisten", stand denn auch auf einem Plakat. Der Lindwurm zog über die Schiller- und die Theodor-Heuss-Straße über den Schlossplatz vor das Rathaus, wo sich auf dem Marktplatz laut Polizeiangaben immerhin noch rund 15-000 Demonstranten versammelten. "Oben bleiben", riefen sie und versprachen, nicht zuzulassen, "dass man uns den Bahnhof klaut".
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hatte seine Heimreise aus Frankreich in Stuttgart unterbrochen, um ein Glied der Menschenkette zu sein. Es sei unfassbar, wie viele Bürger sich mittlerweile dem Protest angeschlossen hätten, so Palmer. Man müsse als Politiker "schon sehr borniert sein, um dies zu ignorieren". Palmer, der als erster vor einem halben Jahr ein Moratorium gefordert hatte, das nun in aller Munde ist, sagte: "Es ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, am den sich die Projektverantwortlichen fragen müssen, ob es eine Möglichkeit gibt, eine Eskalation des Streits zu verhindern." Palmer, der sich 2004 in Stuttgart um das OB-Amt beworben hatte, aber gegen Wolfgang Schuster unterlegen war, forderte Bahnchef Rüdiger Grube sowie Bund, Land und Stadt auf, sich mit den Projektgegnern an einen Tisch zu setzen. Bis zu diesem Gespräch müssten die Bauarbeiten am Nordflügel zwingend ausgesetzt werden.
Am Freitagmorgen hatten am Nordflügel des Hauptbahnhofs erstmals offensichtlich die Abbrucharbeiten begonnen. Ein Bagger entfernte das Vordach im Postbereich des Gebäudes, das im Inneren bereits weitgehend entkernt sei, wie eine Sprecherin von Stuttgart 21 sagte. Die Polizei hatte am Vormittag vier Demonstranten, die die Arbeiten mit einer Sitzblockade behindern wollten, einen Platzverweis erteilt. 20 Aktivisten machten mit Kunststoffrohren Lärm. Mehrere Demonstranten beschimpften laut Polizei die Arbeiter auf dem Gelände. In drei Monaten soll der Seitenflügel abgerissen sein.
So lange können der Parktplatz und der Nordeingang noch genutzt werden, hieß es. Unterdessen warnte die Landesverkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) erneut vor einem Baustopp. Stuttgart21 sei "ein für die Zukunft des Landes ganz entscheidendes Infrastrukturprojekt". Deshalb werde die Landesregierung trotz anhaltender Proteste auch nicht umfallen.