S-21-Tunneldurchbruch in Bad Cannstatt 560 Sprengungen für 2648 Meter Tunnel

Von Ralf Recklies 

Der Durchbruch der Weströhre des S-21-Tunnels Bad Cannstatt zwischen dem Rosensteinpark und dem künftigen Tiefbahnhof ist am Dienstag gefeiert worden. Bei der Stadt Stuttgart nehmen derweil die Planungen für das künftige Rosensteinviertel konkretere Formen an.

Polier Günther Weilharter, Manfred Leger, Chef der DB Projekt Stuttgart–Ulm, und Tunnelpatin Simone Herrmann freuen sich über den  Tunneldurchbruch. Foto: Lichtgut/Jan Reich
Polier Günther Weilharter, Manfred Leger, Chef der DB Projekt Stuttgart–Ulm, und Tunnelpatin Simone Herrmann freuen sich über den Tunneldurchbruch. Foto: Lichtgut/Jan Reich

Stuttgart - Der Durchbruch der zweiten Tunnelröhre Bad Cannstatt zwischen dem künftigen Tiefbahnhof der Landeshauptstadt und dem Zwischenangriff Rosenstein ist geschafft. Angeführt vom Polier Günther Weilharter haben Mineure am Dienstag um 10.49 Uhr die zwei bislang durch eine Wand getrennten Abschnitte der in bergmännischer Tradition gegrabenen Röhre miteinander verbunden. Sie wurde – wie die am 19. Dezember 2016 durchbrochene Oströhre – im Verfahren der Neuen ­Österreichischen Tunnelbauweise hergestellt. Dafür waren laut dem Hochtief-Niederlassungsleiter Andreas ­Boett­cher 560 Sprengungen mit 48 Tonnen Sprengstoff sowie „unzählige Erkundungsbohrungen“ unter teils äußerst schwierigen geologischen Bedingungen erforderlich. „Das ist ein ganz besonderer Tag, ein ganz besonderes Event“, sagte Manfred Leger, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Gesellschaft DB Projekt Stuttgart– Ulm.

Die Arbeiten für den mehr als 3,5 Kilometer langen Tunnel wurden vor rund dreieinhalb Jahren begonnen. Der Durchschlag stelle einen Meilenstein bei der Neuordnung des Stuttgarter Bahnknotens dar, „weil wir bewegen uns hier in quellfähigem Gestein, dem Anhydrit“, sagte Leger.

80 Prozent der Anhydritlinsen ohne Quellungen durchfahren

80 Prozent der Anhydritlinsen in den zusammenhängenden Tunneln Bad Cannstatt und Feuerbach sind laut der Bahn ­ ohne Probleme durchfahren. „Und so soll es auch im restlichen Anhydrit weitergehen“, sagte Manfred Leger. Als Nächstes steht der Innenausbau der Tunnelröhren an. Dass man „im Vortrieb den Anhydrit bezwungen“ hat, erfüllt nicht zuletzt den ­österreichischen Tunnelbauexperten Christoph Lienhart mit Stolz. Man habe es zudem geschafft, die Gäubahn sicher zu unterfahren und Probleme im Bereich des Kriegsberg zu meistern.

Von dem 3507 Meter langen Tunnel Bad Cannstatt muss nun noch die etwa ein Kilometer lange Röhre zum Neckar gegraben werden. Laut Manfred Leger sind inzwischen 33 der 59 Tunnelkilometer in Stuttgart gegraben sowie 34 von 61 Kilometern der Neubaustrecke Stuttgart–Ulm. Der Tunnel Bad Cannstatt hat nach Auskunft der Bahn einen Auftragswert von rund 285 Millionen Euro. Die Tunnelpatin Simone Herrmann betonte, dass durch die Arbeit der Mineure im Untergrund „Neues oberirdisch möglich wird“. Stuttgart erhalte die Chance „einer neuen Stadtentwicklung“.

OB kann sich Kulturquartier vorstellen

Bei der Stadt Stuttgart nehmen derweil die Planungen für das künftige Rosensteinviertel konkretere Formen an. So soll für das frei werdende Areal auf den heutigen Gleisflächen hinter dem Hauptbahnhof Anfang 2018 ein internationaler Ideenwettbewerb ausgelobt werden. Dabei soll auch das Gelände hinter dem künftigen Straßburger Platz am Bahnhof im Fokus stehen. Dieses ist als „Kulturquartier“ im Gespräch, wo ein Konzerthaus, ein Kongresszentrum oder ein Neubau des Linden-Museums entstehen könnte. OB Fritz Kuhn (Grüne) kann sich gut vorstellen „dass dort alle drei Einrichtungen integrierbar sind“. Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) hob im Ratsausschuss Stuttgart 21 die Bedeutung des ersten großen Grundstücks im Anschluss an den Hauptbahnhof hervor. „Das wird der Auftakt zu dem neuen Quartier sein.“ Das vorgesehene Kulturquartier solle deshalb ein „Highlight“ werden. Das Gelände mit einer Fläche von rund 15 000 Quadratmetern biete Raum für alle drei Kulturinstitutionen. OB Kuhn betonte, wie wichtig ein weiteres Konzerthaus für Stuttgart mit seinen international anerkannten Orchestern sei. Für ein neues Kongresszentrum gebe es einen großen Bedarf. Das bestehende Gebäude des Linden-Museums am Hegelplatz könne „nur mit massiven Kosten saniert werden“. Dieses würde am neuen Standort zum „Haus der Kulturen der Welt“.

Streit mit der Fraktion SÖS/Linke-plus

CDU und SPD begrüßten die Pläne grundsätzlich. Dem CDU-Fraktionschef Alexander Kotz liegt neben der Kultur das Kongresszentrum am Herzen. SPD-Fraktionschef Martin Körner legt Wert darauf, dass im Rosensteinviertel viele Wohnungen für alle Einkommensschichten entstehen. Deshalb sei „eine gewisse Dichte“ der Bebauung nötig. „Wir sind eine Großstadt, kein Dorf.“ Damit Wohnen an der Stelle auch für Familien mit geringeren Einkommen möglich sei, müsse die Stadt verhindern, dass mit den Flächen spekuliert werde. Darüber herrscht Einigkeit.

Ein Streit entbrannte mit der Fraktion von SÖS/Linke-plus. Hannes Rockenbauch warf dem OB einen „Tunnelblick“ vor. In die Pläne für die Überbauung müsse eine einjährige Testphase eingerechnet werden, um zu sehen, ob der Bahnhof überhaupt funktioniere. Und Rockenbauch kritisierte eine dichte Bebauung der „hochklimarelevanten Fläche“. Darauf warf Martin Körner Rockenbauch angesichts des eklatanten Wohnungsmangels ein „skandalöses“ und „widersprüchliches“ Verhalten vor.

Ende 2019 soll der Ideenwettbewerb abgeschlossen sein, Ende 2021 die Bebauungspläne fertig sein. Nach wie vor will die Bahn den Tiefbahnhof 2021 in Betrieb nehmen. Die Angabe löste bei den S-21-Gegnern auf der Zuhörerbank Gelächter aus.

Zehn Fakten zu Stuttgart 21 sehen Sie in unserem Video:

22 Kommentare Kommentar schreiben

Laut: SPD-Fraktionschef Martin Körner sei „eine gewisse Dichte“ der Bebauung nötig. Damit ist wohl endgültig bewiesen, wobei es bei S21 geht: Ums Zuklotzen jeden Zentimeters zu Lasten der Bahninfrastruktur zu Gunsten der Baulobby. Der Bahnverkehr wird hierzu mit immensem Aufwand und wiederum Gewinn für die Baulobby unter den Boden gedrückt, und man schaut, dass das evtl. so einigermaßen funktioniert (mit milliardenschwerem nachträglichem Zusatzaufwand zu Lasten der Steuerzahler, außerhalb der offiziellen S21-Baukostenrechnung, versteht sich). Wie hat die Stuttgarter SPD bei den Wahlen doch gleich abgeschnitten?

Wer: ...ist Martin Körner?

Seltsam...: man erfährt in der StZ gar nichts über das Förmliche Ermittlungsverfahren, das die Berliner Staatsanwaltschaft wegen Untreue gegen die Herrschaften der Bahn, Grube, Kefer, Lutz, Pofalla und Felcht eingeleitet hat. Das Projekt hätte angesichts der nachweislich gerissenen Wirtschaftlichkeitsgrenze nicht weiter geführt werden dürfen. Liebe Online-Redaktion, vielleicht liest man in der StZ doch noch etwas zum dem vermuteten Straftatbestand?

Nicht aufgepasst: Herr Haller, Sie haben wieder einmal nicht aufgepasst. Die StZ hat am 15.9.17 folgenden Artikel über das Ermittlungsverfahren veröffentlicht: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.s-21-verfahren-ermittlungen-gegen-bahn-spitze-ziehen-sich-hin.d959c27e-674c-4568-af00-12ce63b21102.html _______________________________________ Sie haben sicherlich auch meinen Kommentar vom 22.9.17 übersehen: "Kleinigkeit, was Kinder freut. _________________ Die StZ schreibt: „Im laufenden Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Berlin gegen fünf amtierende und frühere Topmanager …. ist nicht so bald mit einer Entscheidung zu rechnen, ob es zur Einstellung oder Anklage kommt. Das Prüfverfahren sei noch nicht abgeschlossen, DER AUSGANG OFFEN, sagte der Sprecher der Ermittlungsbehörde, Martin Steltner, unserer Zeitung.“ _________________ Unabhängig davon: was würde es bedeuten, wenn Herr Dr. Grube und/oder Herr Dr. Kefer zu irgendetwas verurteilt würden? Die beiden Personen sind nicht mehr bei der DB angestellt und haben keinerlei Weisungsbefugnis was diesen Konzern anbelangt. __________ Demgegenüber führen Herr Lutz und Herr Pofalla ein bestehendes Projekt weiter, das sie übernommen haben, nichts weiter. _____________ Im Falle einer Anklage können nach einem Urteil sämtliche Rechtsmittel eingelegt werden (z.B. Berufung, Revision, etc.); bis dahin ist S21 fertiggestellt. __________Ein Abbruch von S21 kann so nicht (und auch auf keine andere Weise) erreicht werden. __________Was also soll die Prozesshanselei? Wer verdient daran? Das ist doch wohl eindeutig. _____________ Der Ausgang ist offen und die Wutbürger jubeln." http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.winfried-hermann-havarie-bei-rheintalbahn-sollte-fuer-s21-bauherren-weckruf-sein.04ecc9fc-2d88-44fe-a48b-3e4c4b3c9952.html

Paul Peter: "…ob es zur Einstellung oder Anklage kommt. Das Prüfverfahren sei noch nicht abgeschlossen, DER AUSGANG OFFEN, sagte der Sprecher der Ermittlungsbehörde" Na also, das ist doch schon mal was. Es wurde also ein Anfangsverdacht gegen Grube, Kefer, Lutz, Felcht und Pofalla wegen Veruntreuung festgestellt. Da findet man es doch wunderlich, wie die Bahnspitze und diese "Zeitung" (und Sie) die ganze Zeit suggerieren wollen, S21 sei wie selbstverständlich etwas legales, und überhaupt, bald "fertig". ------ "was würde es bedeuten, wenn Herr Dr. Grube und/oder Herr Dr. Kefer zu irgendetwas verurteilt würden" Das würde bedeuten, dass die beiden nach einem Strafprozess wegen Gesetzesverstoßes und wegen Veruntreuung von Steuergeldern vorbestraft wären, und der Akt der Entscheidung zum S21-Weiterbau illegal war, d.h. S21 illegal gebaut wird. ----- "Demgegenüber führen Herr Lutz und Herr Pofalla ein bestehendes Projekt weiter, das sie übernommen haben, nichts weiter." Falsch, sie haben die bewusste Entscheidung getroffen weiter zu bauen (Felcht sogar "finster entschlossen"), und beide wären dann auch vorbestraft. Und S21….siehe oben. ----- " bis dahin ist S21 fertiggestellt" Bis wann? Darf ich lachen? Danke übrigens für die Offenbarung der Strategie,einfach schnell drauf los zu bauen und Fakten zu schaffen, auch gegen geltendes Gesetz. Deutlicher kann man es nicht aussprechen, Herr Peter.

Dafür, dass das Betrugsprojekt seit 2008 hätte fertig sein sollen: meinen großen Respekt an die S21-Drahtzieher und -Lobbyisten. Bereits 9 (in Worten: neun) Jahre später ein Tunneldurchbruch... das ist schon der Wahnsinn :-)

Online-Redaktion: Sehr geehrte Online-Redaktion, wenn man auf einen Fehler aufmerksam gemacht wird, sollte man ihn berichtigen - finden Sie nicht auch? Ich möchte nochmals anmahnen, dass dieser Artikel in die Rubrik S21 gehört. Sie wollen doch sicherlich nicht, dass es so aussieht, als ob Sie die Erfolge der Bahn irgendwo anders verstecken müssen. ___________ Auch das Foto der Demo hat, wie gesagt, mit dem Lenkungskreis überhaupt nichts zu tun oder wollen Sie damit andeuten, dass dieser kleine Haufen ("Tausende werden erwartet....") zum Lenkungskreis - Abteilung Unterhaltung - gehört?

Vielleicht: wäre S21 2008 fertig geworden, wenn man den kleinen Haufen der Schaufel-Proler mal früher ran gelassen hätte. __________ http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.pro-s21-demo-mit-gelben-schaufeln-fuer-stuttgart-21.de323ba1-959d-45f4-a6ec-5ccbaecf5a63.html

Lügenpresse: Kann doch gar nicht sein! Jeden Montag Abend weisen die Experten von Umstieg21 logisch und schlüssig nach, dass S21 gar nicht gebaut werden kann!! Und hier wird mal wieder das Gegenteil behauptet! WO KANN ICH MEIN ABO KÜNDIGEN!!!

Goldig: Herr Heine, wirklich goldig. Mit Ihrem Lügenpresse-Vorwurf müssen Sie sich allerdings zu Ihren besorgten Mitstreitern nach Dresden gesellen. Frage an Sie als Werbefachmann: glauben Sie denn, dass die vielen Werbeversprechen zu diesem Deppenbahnhöfle eingehalten werden?

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