|
|
Bild 1 von 4 |
|
Stuttgart - Es ist der Albtraum jeder Jungschauspielerin. Stell dir vor, du schaust in den Spiegel – und wer zwinkert dir zu? Eine Frau, die deine Mutter sein könnte. Das Haar: eisgrau. Die Haut: verwelkt. Die Augen: trübe. Der Körper: ein schlaffer Sack. Man kann sich denken, was Yvonne Catterfeld durch den Kopf ging, als sie im Spiegel zum ersten Mal jene apfelbäckige Omi erblickte, die sie für die Sat-1-Komödie „Plötzlich 70“ spielt. „Es gab Momente, in denen ich kurz erschrocken war, wenn mein Blick zufällig einen Spiegel traf“, sagt die 32-Jährige. „Von mir als Yvonne blieb eigentlich nicht viel mehr übrig als meine Augen und meine Unterlippe.
Hat Sat 1 jetzt die Großmütter als Zielgruppe entdeckt? Nein, die wundersame Verwandlung der Yvonne Catterfeld in ein Golden Girl ist nur ein dramaturgischer Trick. Er soll der Hauptdarstellerin die Augen dafür öffnen, dass das Leben auf der Überholspur einen hohen Preis kostet: Man schaut nur noch geradeaus und verliert den Blick für das, was wirklich wichtig im Leben ist.
Und im Fall der von Yvonne Catterfeld gespielten Modedesignerin Melanie ist das eben nicht das Dasein als kreative Sklavin in einer Agentur, sondern die Beziehung zu ihrem Freund Mark (Steffen Groth). Der ist schwer enttäuscht, weil sie den schon lange geplanten Bali-Urlaub wieder einmal abgesagt hat: Sie darf ihre erste eigene Kollektion entwerfen.
Schildkröten sehen mehr als Hasen
Eine thailändische Masseurin, der sie davon erzählt, durchkreuzt ihre Pläne. Um ihr eine Lektion zu erteilen, massiert sie Melanie mit dem Öl von Schildkröten. Diese Spezies, erfährt die nichtsahnende Karrierefrau da, „sieht mehr vom Weg als der Hase“. Tatsächlich? Catterfelds Oma braucht dringend einen Schluck Biovital. Ihre Lider hängen auf halbmast. Bis zu vier Stunden täglich habe sie vor den Dreharbeiten in der Maske verbracht, sagt sie. „Manchmal war ich allein schon vom Stillhalten müde, bevor ich überhaupt angefangen habe zu drehen.“
Keine Frage: wohl fühlte sie sich nicht unter ihrer Silikonmaske und in dem Bodysuit. Die Botschaft des Films bleibt bloße Behauptung: Alt ist das neue Cool. Das Sat-1-Publikum dürfte das jedoch nicht irritieren. Es liebt solche Bodyswitch-Komödien. Das hat 2011 schon der Erfolg von „Plötzlich fett“ gezeigt – mit Diana Amft in der Rolle als Pfundsfrau.
Mit Yvonne Catterfeld als gnädig verknitterter Großmutter-to-go kann der Sender nichts falsch machen. Den Durchbruch im Fernsehen schaffte die Popsängerin in der Daily Soap „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten.“ Und obwohl sie gerade im Begriff ist, sich als ernst zu nehmende Darstellerin freizuspielen, trägt sie immer noch den Stempel des Teenie-Idols. Die Fallhöhe könnte kaum größer sein. Nicht einmal ihr Freund erkennt Melanie in ihrer Verkleidung wieder. Ihr dabei zuzusehen, wie sie es schafft, faltenfrei aus dieser Nummer wieder herauszukommen, das ist tatsächlich komisch – wenn auch unfreiwillig.
Der Charakter hinter den Runzeln
Es gibt sogar eine Pointe. Es ist die Tatsache, dass sich ausgerechnet Sat 1 an diesen Stoff gewagt hat. Denn alleine die Maske sprengte schon den Rahmen des Budgets einer durchschnittlichen TV-Produktion. Die Berliner Maskenbildner Jörn Seifert und Tamar Aviv, wissen das zu schätzen. Seit sie 2005 ihre Firma Twilight Creations gegründet haben, haben sie sich weltweit einen Namen als Experten für Special Effects gemacht. „Menschen alt zu schminken, ist eine Königsdisziplin“, sagt Jörn Seifert. Erstens müsse man den Charakter hinter den Runzeln noch wiedererkennen. Zweitens stehe man vor dem Problem, dass der alte Mensch zwar kleiner werde, eine Maske sein Gesicht aber vergrößere.
Im Kino gehören solche Metamorphosen zum Tagesgeschäft. Zuletzt haben Jörn Seifert und Tamar Aviv Hand an die Goblins gelegt, die Gnome aus dem Harry-Potter-Film „Die Heiligtümer des Todes“. Das Fernsehen, sagen sie, habe sie jedoch erst einmal gebucht. Das war 2006. Für die ARD-Show „Wie alt bist du wirklich?“ durften sie Jörg Pilawa „auf 75 tunen“. Dem Moderator dürfte sein Spiegelbild gefallen haben. Er sah aus wie der junge Einstein.
Sat 1, 20.15 Uhr


23 Mal Stuttgart – wir stellen Ihnen alle 23 Stadtbezirke vor >>

