Schachgenie Von einem anderen Planeten

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Magnus Carlsen spielt das beste Schach aller Zeiten. Dabei ist der Norweger erst 22 Jahre alt. Seine Landsleute werden gerade erst mit ihm warm.

Magnus Carlsen macht auch Werbung für ein Modelabel. Foto: EFE
Magnus Carlsen macht auch Werbung für ein Modelabel.Foto: EFE

Oslo - Sechzig Züge lang setzt Magnus Carlsen den Weltmeister unter Druck, dann streckt er die Hand vor und bietet ein Remis an. Viswanathan Anand schlägt ein. Der indische Schachchampion weiß, dass er diesmal keine Chance hat. Auch Carlsen ist zufrieden. Das Unentschieden sichert ihm nicht nur den Sieg im bestens besetzten London Chess Classics. Sie bringt ihn auch in der Weltrangliste in noch nie erklommene Höhen.

Wenn im Januar die neuen „Elo-Zahlen“ erscheinen, die exakt die Leistungsstärke der Schachspieler beschreiben, wird der Norweger nicht nur das Ranking anführen. Das tut er mit kurzen Unterbrechungen seit drei Jahren. Diesmal wird seine Punktezahl einen neuen Allzeitrekord bedeuten, besser als Bobby Fishers Marke, die in den siebziger Jahren als unschlagbar galt, besser auch als Garri Kasparow, dessen 2851 Punkte bisher als Maß aller Dinge galten. Künftig heißt dieses 2857, aufgestellt von Magnus Carlsen, 22 Jahre alt.

Er war fünf, als ihm sein Vater das erste Schachbrett schenkte. Seither hat er es jeden Tag benutzt. Erst wollte er seine große Schwester Ellen schlagen, dann den Vater, und als es in der Familie keine Herausforderer mehr gab, meldete er sich im Schachclub an. Mit acht spielte er sein erstes Turnier, mit 13 war er Großmeister, mit 14 trat der Knirps erstmals gegen Kasparow an und hielt ein Remis. Mit seinem schnellen aggressiven Stil begeistert er das Publikum. Blitzschach ist eine seiner besonderen Stärken. Das jüngste Turnier in London gewann er überlegen mit fünf Siegen und drei Remis. Die Gegner huldigen ihm. Nur der Russe Vladimir Kramnik sagt, er selbst sei der beste Spieler der Erde: „Carlsen stammt von einem anderen Planeten.“

Ein Schach-Nerd also, aber einer mit Cool-Faktor. Eine Modefirma machte den klein gewachsenen jungen Mann mit dem starken Kinn und den breiten Backenknochen zum Posterboy ihrer Casual-Linie und stellte ihm Filmstar Liv Tyler zur Seite.

Die „Firma Carlsen“ ist ein umsatzträchtiges Unternehmen geworden, auch wenn sich die Prämien und Werbeverträge der Schachspieler nicht mit denen von Golfern oder Fußballern vergleichen lassen. Carlsen wird als Zugpferd für Konferenzen gebucht, er zieht mit Rapper Jay-Z und den Red Hot Chilli Peppers um die Häuser. Dann fährt er wieder zum Auftanken heim nach Lommedalen. Er ist nicht scheu, aber auf Abstand bedacht. „Konflikte mag ich nicht“, sagte er und brach die Zusammenarbeit mit Garri Kasparow ab, um den es wegen seines politischen Engagements ständig Wirbel gibt.

Für die Norweger soll ein Sportheld zwar am liebsten auf Skiern siegen, aber auch seine Landsleute entdecken langsam Carlsens Starqualität. In der Kandidatenliste für den „Sportler des Jahres“ steht er weit oben. Eigentlich müsste er die Wahl gewinnen, sagt der Manager Espen Agdestein. „Schach spielen 500 Millionen Menschen, und es werden tausend Jahre vergehen, ehe Norwegen wieder auf Platz eins steht.“

„Er spielt das beste Schach aller Zeiten“

Ist Magnus Carlsen der beste Schachspieler aller Zeiten? „Er spielt das beste Schach aller Zeiten“, erwidert Agdestein, denn die heutigen Hilfsmittel lassen den Vergleich mit alten Größen schwer zu. Schachprogramme und Internetplattformen heben das Niveau ständig. Kasparow beherrschte die Schachwelt 20 Jahre lang.

Eines fehlt Carlsen noch: der Weltmeistertitel. Früher hat er sich geweigert, am Kandidatenturnier teilzunehmen, in dem der Herausforderer des Titelträgers bestimmt wird. Er wollte seinen Kalender lieber selbst gestalten. „Die Weltrangliste ist wichtiger als der WM-Titel“, sagt er, „sie sagt mehr über die Spielstärke aus.“

Doch beim nächsten Mal ist er dabei. Das Preisgeld wurde auf 2,6 Millionen Dollar aufgestockt. Gewinnt er 2013 die Ausscheidung, säße er 2014 im WM-Duell wieder Anand gegenüber. Zwar haben nur der Inder und Kramnik gegen Carlsen eine positive Bilanz, aber Anand siegte zuletzt 2011 gegen Carlsen, und der sagt: „Seither habe ich ihn stets beherrscht.“