Schiedsrichteraffäre Schlüpfriges und zu viel Geschwätz
Marko Schumacher, vom 05.03.2010 09:16 Uhr
München - Nach zwei Stunden des Wartens gerät Bewegung in den Pulk der Kameraleute, da steht er vor Dutzenden von Reportern in der Tür: Manfred Amerell, blau-gelb-gestreifte Krawatte, dunkler Anzug, mittelbraun gefärbte Haare, der ehemalige Schiedsrichter, der seine Funktion als Schiedsrichterbetreuer ausgenutzt und mindestens fünf junge Unparteiische belästigt haben soll. Das jedenfalls wirft der Deutsche Fußball-Bund (DFB) dem 63-Jährigen vor und hat es in einer Pressemitteilung verbreitet - und genau dagegen wehrt sich Manfred Amerell.
Saal 212, den größten der Säle im altehrwürdigen Justizpalast in der Prielmayerstraße hat das Landgericht München I reserviert, das Aktenzeichen lautet 25 O 3245/10. Es ist nur ein einstweiliges Verfügungsverfahren - doch das Interesse der Öffentlichkeit könnte größer kaum sein. Und so mischt sich leise Enttäuschung in die Gesichter der Gerichtsbesucher, die auf eine Fortsetzung der Schlammschlacht gehofft haben und sich nun mit einem Vergleich begnügen müssen.
Stundenlang haben beide Parteien zuvor im Richterzimmer verhandelt und sind am Ende zu einer Einigung gekommen. Die sieht vor, dass der DFB auch weiterhin behaupten darf, Amerell habe Schiedsrichter belästigt. Im Gegenzug hat der Verband dem Kläger Akteneinsicht gewährt und die Namen jener vier Schiedsrichter neben dem bereits bekannten Michael Kempter genannt, die Vorwürfe gegen ihn erheben. "Wir haben unsere Ziele zu 100 Prozent erreicht", sagt Christian Schertz, der DFB-Anwalt. Doch auch die Seite Amerells, die sich durch die Hintertür verabschiedet, wird den Vergleich als Sieg interpretieren. Schließlich kennt sie nun Ross und Reiter und hat die Möglichkeit, juristisch gegen die Vorwürfe vorzugehen. Gut möglich, dass Amerell eine Strafanzeige gegen die Belastungszeugen stellen wird.
Schiedsrichterskandal wird zum DFB-Skandal
Sicher ist schon jetzt: die Affäre ist mit diesem Vergleich nicht beendet, und sie wird nur Verlierer zurücklassen. Das betrifft Amerell selbst, den zweifachen Familienvater und Betreiber eines Hotels in Augsburg, aber auch Michael Kempter, den 27 Jahre alten Schiedsrichter, mit dem Amerell intim geworden sein soll und dessen Zukunft als Unparteiischer ungewiss ist. Und immer stärker zieht es auch den DFB und dessen machtbewussten Präsidenten Theo Zwanziger in diesen Sumpf aus Sex und Lügen. Der Schiedsrichterskandal wird zum DFB-Skandal.
Seinen Anfang nahm das Desaster beim DFB, dem größten Sportfachverband der Welt, vor Weihnachten. Da offenbarte sich Kempter dem DFB-Schiedsrichterchef Volker Roth in dessen Firma in Salzgitter und berichtete von sexuellen Belästigungen Amerells. Der Inhalt des Gesprächs hätte einer raschen Weiterleitung bedurft. Doch wochenlang passierte in der DFB-Zentrale an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt gar nichts. In einem Artikel unter dem Titel "Vorwürfe gegen Amerell" machte die "Frankfurter Rundschau" am 10. Februar die Vorgänge publik und brachte den Stein ins Rollen.
Was folgte, waren Enthüllungen fast im Stundentakt, während der DFB seine Medienmaschinerie anwarf und hilflos versuchte, die Affäre unter Kontrolle zu bringen. Dilettantisches Krisenmanagement führte dazu, dass sie ihm aus den Händen glitt. Nach Bekanntwerden des Falles erhob Zwanziger zunächst forsch und in aggressivem Ton schwere Vorwürfe gegen Amerell und erklärte den Fall wenig später für beendet. Als er merkte, dass es so einfach nicht geht, legte er nach, weitete die Anschuldigungen gegenüber Amerell in vielen Interviews aus. Nicht nur Kempter, sondern auch vier weitere Schiedsrichter seien belästigt worden und hätten eidesstattliche Versicherungen abgegeben. Eine Akteneinsicht jedoch verweigerte Zwanziger der Gegenseite.
Junger Schiedsrichter unglaubwürdig
Auch Kempter ging auf Anraten des DFB in die Offensive. In vom Verband vermittelten Interviews mit ausgewählten Medien berichtete er in peinlicher Genauigkeit von seinem Verhältnis zu Amerell, den schlüpfrigen Details und davon, "nicht homosexuell" zu sein. Kempter wollte damit Ruhe haben - doch die Angelegenheit wurde immer bizarrer.
Denn kurz darauf meldete sich ein junger Schiedsrichter und gab an, seinerseits von Kempter belästigt worden zu sein. Im Anschluss an ein Bundesligaspiel und das Leeren einer Minibar sei er von Kempter gegen seinen Willen "berührt" worden. Kempter bestritt, der DFB tat die Sache als Privatsache ab, was nichts daran änderte, dass die Glaubwürdigkeit des jungen Schiedsrichters Schaden nahm.
Denn schon vorher hatte sich Kempter wegen einer SMS an Amerell ("Ich brauch dich doch auch") rechtfertigen müssen. Und am Donnerstag wurde eine vertraute E-Mail von 2008 publik, in der Kempter für Amerell die Anrede "Schatz" wählte. All dies stützt Amerells These vom beiderseitigen Einverständnis ihrer Beziehung. Er sagt: "Ich unterstelle Kempter, dass er in einer Dreistigkeit lügt, wie ich es in meinem Leben noch nicht gehört habe." Nun ist der DFB ins Taumeln geraten. Erst die spektakulär geplatzte Vertragsverlängerung des Bundestrainers Joachim Löw, die Theo Zwanziger Wochen vorher als beschlossen erklärt hatte. Und dann der Skandal um Amerell, der Zwanziger in die schwerste Krise seiner sechsjährigen Amtszeit gestürzt hat.
Zwanziger Mitschuld an der Ausuferung des Skandals?
Die freie Rede zählt Zwanziger zu seinen großen Stärken - in diesem Fall jedoch könnte sie ihm zum Verhängnis werden. Wo maßvolles Vorgehen angebracht gewesen wäre, verdribbelte er sich verbal ein ums andere Mal. "Man wäre besser beraten gewesen zu schweigen", sagt Zwanzigers Vorgänger, Gerhard Mayer-Vorfelder, "Ich bin der Meinung, dass jemand unschuldig ist, so lange nicht das Gegenteil bewiesen ist."
Längst geht es also nicht nur um Amerell, sondern um die Frage, welchen Anteil der Präsident daran trägt, dass der Skandal so ausgeufert ist. "Vielleicht ist das erst der Anfang einer Lawine", sagt Franz Beckenbauer, den das Fachmagazin "Kicker" bereits als möglichen Nachfolger Zwanzigers ins Gespräch gebracht hat. Aufgewühlt stand Zwanziger am Tag vor dem Gerichtstermin in den Katakomben der Münchner Arena beim Länderspiel gegen Argentinien.
Über "primitive Respektlosigkeiten gegenüber meiner Person" erregte er sich und darüber, dass Amerells vermeintliche Taten "keine Versehen, sondern Verbrechen" gewesen seien. Und wenn sich am Ende herausstellt, dass doch alles ganz anders war? "Dann muss ich selbstverständlich von meinem Amt zurücktreten."