Boston - Das Problem kennen viele: das Hotel liegt an einer lauten Hauptverkehrsstraße, und mitten in der Nacht kommen die Zimmernachbarn laut palavernd zurück. Doch während der eine selbst bei größtem Lärm weiterschlummert, wird der andere bei jedem "Flohhuster" wach. Hohe Lärmempfindlichkeit ist aber mit Ein- und Durchschlafstörungen verbunden, von denen jeder dritte Erwachsene gelegentlich und jeder zehnte chronisch betroffen ist.
Obwohl Schlafforscher seit den 1950er Jahren den Schlafverlauf mit Hilfe von Elektroden am Kopf (EEG) aufzeichnen und dabei die Schlaftiefe bestimmen, gab es bisher keine Möglichkeit, eine erhöhte Geräuschempfindlichkeit im Schlaf zu messen. Doch nun hat ein Forscherteam um den Schlafmediziner Jeffrey Ellenbogen von der Harvard Medical School in Boston (USA) in der Fachzeitschrift "Current Biology" einen bisher unbekannten Zusammenhang beschrieben.
Schlafspindeln sorgen für ruhigeren Schlaf
Die Wissenschaftler untersuchten zwölf gesunde Probanden, die drei Nächte hintereinander in einem Schlaflabor verbrachten. Während in der ersten Nacht alles ruhig war, wurden die Teilnehmer in den nächsten beiden Nächten wiederholt gestört - zum Beispiel durch Straßenlärm, ein Telefonklingeln oder Geräusche von medizinischen Geräten, wie sie in Krankenhäusern zu finden sind. Die Lautstärke eines Geräusches nahm zu, bis das EEG anzeigte, dass der Proband aufgewacht war.
Dabei richteten Ellenbogen und sein Team ihr Augenmerk auf ein Charakteristikum des Schlafes, das zwar seit langem bekannt, jedoch kaum untersucht worden ist: die Schlafspindeln. Das sind kurze Phasen mit schneller Aktivität im ansonsten langsamen Wellenmuster der Schlafstadien zwei und drei. Die Forscher entdeckten einen überraschenden Zusammenhang: Probanden, die in der ruhigen Nacht mehr Schlafspindeln im EEG hatten, waren durch Geräusche deutlich schwerer zu wecken als Probanden mit weniger Schlafspindeln.
"Wir nehmen an, dass die Spindelrate ein stabiles Merkmal ist, aus dem sich die individuelle Lärmempfindlichkeit vorhersagen lässt", sagt Ellenbogen. Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass Sinnesreize auf ihrem Weg in die Großhirnrinde durch eine tiefer gelegene Hirnstruktur, den Thalamus, wandern. "Die bisherigen Ergebnisse weisen darauf hin, dass Schlafspindeln dann entstehen, wenn Reize auf ihrem Weg durch den Thalamus unterdrückt werden, so dass sie nicht ins Bewusstsein gelangen", erläutert Ellenbogen.