Schmerzmittel Alles andere als harmlose Pillen
Tanja Volz, 22.02.2012 07:18 Uhr
Sorgloser Umgang mit Schmerztabletten Foto: dpa-Zentralbild
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Stuttgart - Wer kennt das nicht: man hat zu wenig geschlafen oder zu viel getrunken, ist wetterfühlig oder hat eine Erkältung. Der Kopf brummt also, doch die Arbeit wartet und die Kinder wollen versorgt werden. Der Griff in das Medikamentekästchen liegt nahe, eine Schmerztablette hilft meist schnell. Und wenn man keine mehr im Haus hat, geht man kurz in die Apotheke und holt sich die rezeptfreien Pillen. Der deutsche Durchschnittsbürger nimmt im Jahr etwa 30 davon ein.

Gegen ein Schmerzmedikament ab und zu ist nichts einzuwenden. Doch diese Mittel, auch Analgetika genannt, sind nicht so harmlos wie der rezeptfreie Verkauf suggeriert. "Viele Menschen halten diese Mittel für unproblematisch, weil sie frei verkäuflich sind", sagt Maik Pommer, Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) in Bonn. Dies sei ein falsches Signal. Daher plädiert das Institut dafür, die Packungsgrößen frei verkäuflicher Mittel mit den bekannten Wirkstoffen Acetylsalicylsäure, Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen und den beiden eher unbekannten Stoffen Phenazon und Propyphenazon zu verkleinern. Die Anwendungsdauer soll auf vier Tage beschränkt werden.

Darüber soll der Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht beim Bfarm, der aus Ärzten und Industrievertretern besteht, auf seiner Sitzung am Montag beraten. Dies ist bereits der zweite Anlauf für das Gremium, das einen entsprechenden Antrag im vergangenen Jahr zunächst abgelehnt hatte. Nun sollen Daten, die bisher nicht ausreichend berücksichtigt wurden, den Antrag untermauern.

Erhebliche Nebenwirkungen auch ohne Rezeptpflicht

"Sicherlich müssen sich Patienten mit Kopf- oder Gliederschmerzen selbst behandeln können, ohne dass sie sofort einen Arzt aufsuchen", sagt Pommer. "Verschwinden die Schmerzen jedoch nach drei bis vier Tagen nicht, ist ein Arztbesuch schon angeraten." Werde ein Schmerzmittel weiterhin eingenommen, könne es zu gesundheitlichen Problemen kommen. Zudem steige die Gefahr einer möglichen Sucht und Überdosierung. Und nicht zuletzt sei es nach vier Tagen sinnvoll, die Ursache der Schmerzen medizinisch abzuklären. Die "Deutsche Apotheker Zeitung" wendet in einem Online-Beitrag ein, dies sei nicht neu, obwohl für den zweiten Anlauf im Sachverständigenausschuss neue Argumente angekündigt worden seien.

Dass Medikamente Nebenwirkungen haben, gilt auch für rezeptfreie Schmerzmittel. Sie können dem Körper sogar dauerhaft schaden, wenn sie zu lange oder überdosiert eingenommen werden - und kein Arzt die Einnahme überwacht. Die Nebenwirkungen reichen von Nieren- und Leberschäden über Magenbluten, allergische Reaktionen und Herzinfarkt bis hin zu chronischen Kopfschmerzen, die erst durch Schmerzmittel ausgelöst werden. Tablettenmissbrauch kann sogar tödlich enden. Doch diese Nebenwirkungen werden häufig unterschätzt, weil die Mittel so einfach zu bekommen sind.

Das Bfarm möchte daher das Bewusstsein der Menschen für die Risiken der scheinbar harmlosen Allerweltspillen schärfen und zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit diesen Medikamenten anregen. Den Einwand des Apothekenhoppings, bei dem viele Apotheken nacheinander abgeklappert werden, um auch bei kleineren Packungen zu einer stattlichen Zahl von Tabletten zu kommen, lässt Pommer nicht gelten: "Dafür muss man sich bewusst entscheiden, und kommt vielleicht doch ins Nachdenken."

Unstimmigkeiten bei Packungsgröße der Schmerzmittel

Auch zwei wichtige Apotherkergremien sehen in der Packungsverkleinerung eine sinnvolle Maßnahme. In einer gemeinsamen Stellungnahme haben sich die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker und die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft für die Festlegung maximaler Packungsgrößen ausgesprochen: Dies könne, so heißt es in der Stellungnahme, einem unkritischen Einsatz dieser Arzneistoffe und den damit verbundenen Gefahren vorbeugen.

"Da pro Schmerzperiode drei bis sechs Tabletten eingenommen werden, könnten bei Umsetzung der empfohlenen Packungsgrößenbegrenzung mit einer verschreibungsfreien Packung drei bis sechs Schmerzepisoden ausreichend behandelt werden", ist in dem Papier zu lesen.

Für Aspirin etwa wird empfohlen, die Packungen auf 20 Tabletten à 500 Milligramm Acetylsalicylsäure zu beschränken. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller sieht Medienberichten zufolge jedoch "keinen sachlichen Grund", die Packungsgrößen zu reduzieren.

Die Gefahren von Paracetamol

Für ein Mittel gibt es gibt es bereits eine Packungsbeschränkung: Paracetamol. Seit April 2009 dürfen nicht mehr als zehn Gramm - also 20 Tabletten - verkauft werden, falls der Kunde nicht ein ärztliches Rezept vorlegen kann. Doch auch dieses Medikament wird kommenden Montag im Sachverständigenausschuss diskutiert werden - auf Antrag eines Wissenschaftlers. Dieser fordert eine generelle Verschreibungspflicht für das gängige Schmerzmittel. Denn Paracetamol, so die Begründung, wirke in hoher Dosis toxisch auf die Leber, da beim Abbau des Wirkstoffs giftige Substanzen entstehen.

4200 Fälle von Paracetamolvergiftungen wurden den deutschen Giftinformationszentren im Jahr 2006 gemeldet. Die Gesellschaft für klinische Toxikologie schätzt, dass etwa zwei Drittel davon Suizidversuche waren. Schon zehn Gramm können einen Menschen töten, wenn sie mit viel Alkohol eingenommen werden. Und Alkoholiker sowie Patienten mit vorgeschädigter Leber vertragen noch weniger. Außerdem sei Paracetamol bei Kindern häufig das Mittel der Wahl und werde von den Eltern oft zu sorglos eingesetzt, warnen Experten immer wieder.

Wie auch immer sich das Gremium in den beiden Fällen entscheidet: endgültig ist dies nicht. Die Empfehlung geht an das Bundesgesundheitsministerium und hier wird schließlich die Entscheidung für oder gegen kleinere Packungen getroffen.

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