Stuttgart - Thilo Sarrazin treibt einen Keil in die SPD und ihre Basis: In der Berliner Parteizentrale häufen sich Tausende von Mails und Briefen, die entweder für oder gegen einen Ausschluss des umstrittenen Finanzpolitikers plädieren. Die Parteiführung strebt für Montag einen offiziellen Beschluss des Bundesvorstands an. Doch warnen immer mehr Altvordere wie Hans-Ulrich Klose vor dem eiligen Rauswurf. Klaus von Dohnanyi hat gar angeboten, Sarrazin vor der Schiedskommission zu verteidigen. Beide betonen, dass dieser kein Rassist sei.
Im Südwesten wird die Debatte im sozialdemokratischen Lager von Stuttgart 21 überlagert. Dennoch nimmt der Landesvorsitzende Nils Schmid viel Empörung wahr. Diese werde vor allem von Migranten geäußert, die sich an den Rand gestellt fühlen, sagte er der Stuttgarter Zeitung. Die grundsätzliche Unvereinbarkeit des Zusammenlebens mit Ausländern zu behaupten sei ein Rückfall in alte Denkmuster, wonach Deutschland kein Einwanderungsland sei. "Wir hatten geglaubt, dass diese Diskussion überwunden ist."
"Völlig indiskutabel" nennt Schmid gar Sarrazins Theorie, wonach Intelligenz vererbbar sei. Diese sei ein "Rückfall in unselige Zeiten". Die Thesen seien mit dem sozialdemokratischen Bild von Menschenwürde und freier Entfaltung der Persönlichkeit nicht vereinbar. Die SPD stehe auf dem Standpunkt, dass der Weg des Menschen durchs Leben offen und nicht genetisch vorherbestimmt sei. Sarrazin argumentiere "quasi rassistisch" und zeige, "dass er mit der Parteiprogrammatik nichts am Hut hat". Daher ist Schmid froh, dass der Bundesvorstand den Ausschluss einleiten will, weil sonst andere Parteigliederungen, etwa der baden-württembergische Landesverband, dies anstrengen müssten. "Es gibt Aufforderungen an uns als Landespartei, das zu unterstützen", sagt er. Der Berliner SPD-Landesvorstand hatte am Montag ein Parteiordnungsverfahren beschlossen.