Schon alte Gerlinger spielten mit Murmeln

Von "Strohgäu Extra" 

Gerlingen Das Landesdenkmalamt hat in der Stadtmitte mit großen Grabungen begonnen. Erste Funde belegen die frühe Besiedlung derGegend. An den Kosten werden die späteren Bauträger mit beteiligt, deren Vorhaben um Monate verzögert. Von Klaus Wagner

Gerlingen Das Landesdenkmalamt hat in der Stadtmitte mit großen Grabungen begonnen. Erste Funde belegen die frühe Besiedlung derGegend. An den Kosten werden die späteren Bauträger mit beteiligt, deren Vorhaben um Monate verzögert. Von Klaus Wagner

Wo wir in Gerlingen a Loch aufmach"n, find"n mr was." Susanne Arnold vom Landesdenkmalamt und ihre Kollegen mit den Schäufelchen machen in Gerlingen zurzeit eine Menge Löcher auf: An der Ecke Hauptstraße/Bachstraße sind die Archäologen seit kurzem dabei, Zeugnisse der frühen Gerlinger Geschichte auszugraben. An der Jakobstraße/Lammstraße hat sich beim ersten Erkunden einer anderen Baustelle ein weiterer Ansatz für eine Grabung ergeben. Und das Träubleareal schräg gegenüber soll im Sommer geplant auf mittelalterliche Besiedlung hin erforscht werden. Diese wissenschaftlichen Ausgrabungen werden auch von Firmen finanziert.

Mit roten Bindfäden sind metergroße Rechtecke markiert, dort wird verschieden gefärbtes Erdreich Millimeter um Millimeter mit dem Handkratzer entfernt und untersucht, Vermessen und Dokumentieren ist selbstverständlich. Der Grabungstechniker Thomas Freyer und die Archäologin Corinna Eberth arbeiten an einer Ecke des 1000 Quadratmeter großen Areals Hand in Hand, ein paar Meter weiter grubeln Ulrike Pohle und Werner Schmidt unter einem Zelt in der Erde herum. "Landesamt für Denkmalpflege" steht auf der Plane - sie bietet Schutz vor Regen und Sonnenstrahlen, die die Erde austrocknen. Pohle und Schmidt sind ehrenamtliche Mitarbeiter des Denkmalamtes; beide haben im August 2010 nur unweit entfernt, in der Bachstraße, das Skelett eines etwa 3000 Jahre alten Menschen ausgegraben.

So alt sind die Funde nicht, die man an der Hauptstraße in diesem Monat schon machte. Im 19. Jahrhundert seien in Gerlingens Stadtmitte auch alamannische Gräber gefunden worden, berichtet Jonathan Scheschkewitz vom Fachbereich Mittelalter- und Neuzeitarchäologie des LDA. Im 20. Jahrhundert habe man "immer wieder Spuren hochmittelalterlicher Besiedlung gefunden" - also aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Für die Regionalgeschichte seien diese Funde bedeutsam, aus dem Mittelalter gebe es nur wenige schriftliche Quellen. Damals sei Gerlingen kein geschlossener Ort gewesen, sondern habe vermutlich aus "lockeren Hofstellen" bestanden.

Ein halbrundes Loch von 30 Zentimetern Durchmesser erzählt den Fachleuten ganze Geschichten: Darin stand einstmals ein baumstammdicker Pfahl - und der trug ein Haus. In einer blauen Plastikkiste vereint sich ein Konvolut aus Kleinfunden. Unter angetrockneter Erde entdeckt man Eisenteile, Scherben runder Keramikteile und Überreste von Tieren, wie ein Teil eines Schweinekiefers mit Zähnen. Aber auch Spielzeug: eine Glasmurmel zum Beispiel, gefunden zwischen Schlacken. "Dieses Material umfasst eine Zeitspanne von rund 500 Jahren", sagt Freyer. Spätestens im Juli wollen die Archäologen fertig sein, dann werden sie umziehen auf die andere Straßenseite, auf das Träubleareal.

Bis dahin muss Wolfgang Schweizer die Bauarbeiter noch zurückhalten, die ein neues Wohn- und Geschäftshaus an dieser Stelle errichten werden. Rund 90 000 Euro muss der Geschäftsmann für die Grabung berappen. Das seien "mehr oder weniger gesetzlich fixierte unvorhergesehene Baukosten", meint Schweizer. Dafür entstünden beim Aushub mit den Schäufelchen weder Abgase noch Lärm, sagt er lächelnd. Das Projekt werde durch die Grabung um mehrere Monate verzögert.