Schorlau zum „Schwarzen Donnerstag“ Die Nachwirkungen der Wasserwerfer

Von Wolfgang Schorlau 

Vor zwei Jahren wurden bei einem Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Demonstranten im Schlossgarten mehr als hundert Menschen verletzt. Der Schriftsteller Wolfgang Schorlau, ein strikter Gegner des Bahnprojekts, war am 30. September 2010 zufällig vor Ort. Nun blickt er auf den schwarzen Donnerstag zurück – und zieht Schlüsse.

Viele Menschen wurden beim Einsatz der Wasserwerfer am 30. September 2010 verletzt. Foto: dpa
Viele Menschen wurden beim Einsatz der Wasserwerfer am 30. September 2010 verletzt. Foto: dpa

Stuttgart - Die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman untersuchte in einer Aufsehen erregenden Studie über „Die Torheiten der Regierenden“, warum Regierungen und Regierende immer wieder eine Politik betreiben, die ihren eigenen Interessen zuwiderläuft – und, so muss man hinzufügen, oft ihren Sturz beschleunigt. Wahrscheinlich hätte Tuchman, würde sie noch leben, in dem Polizeieinsatz vom 30. September 2010 im Stuttgarter Schlossgarten eine Bestätigung ihrer Thesen gesehen. Dieser in seiner Härte und Rücksichtslosigkeit in Baden-Württemberg einmalige Einsatz war einer der zahlreichen Gründe, die zum Sturz des damaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus und zum Machtverlust der CDU in ihrem bisher als uneinnehmbar geltenden Stammland führten.

Ich wurde zufällig Zeuge dieses Einsatzes und beobachtete ihn von morgens zehn Uhr bis in die Nacht. Eigentlich wollte ich an diesem Tag Material für eine Romanfigur sammeln. Georg Dengler, der Held meiner Kriminalromane, ist Vater von Jakob, einem siebzehnjährigen Stuttgarter Jungen. Oft genug wurde mir auf Lesungen von Schülern vorgehalten, Dengler sei ein schlechter Vater, weil er in meinen Büchern selten etwas gemeinsam mit seinem Sohn unternehme. Diesen Vorwurf wollte ich bei meinem neuen Buch nicht länger auf meiner Figur sitzen lassen. In der Zeitung las ich von einem Schülerstreik unter dem Motto „Bildung statt Prestigebahnhof“, und so fuhr ich an jenem 30. September morgens um zehn Uhr zur Kundgebung Stuttgarter Schüler, in der Hoffnung auf Inspiration für meine Romanfigur Jakob – und geriet in ein Inferno.

Auch beim ersten Wasserwerfereinsatz dabei

Merkwürdigerweise fiel mir erst lange danach ein, dass ich nicht nur bei diesem letzten Wasserwerfereinsatz in Baden-Württemberg dabei war, sondern auch beim ersten. Damals war ich gerade siebzehn Jahre alt geworden, Lehrling im zweiten Lehrjahr, passable Noten in der Berufsschule. Vor mir lag ein überschaubares Leben als kaufmännischer Angestellter. Da beschloss der Freiburger Gemeinderat eine Fahrpreiserhöhung von 40 Prozent. Ich erinnere mich noch, wie damals jeder Schüler, jeder Student und jeder Lehrling rechnete – und fluchte.

Was man heute manchmal vergisst: Die alten Nazis lebten noch. Alte Männer zogen mich auf offener Straße an den Haaren, wenn ihnen meine Frisur nicht passte. Sie beschimpften mich und meine Freunde als Gammler und Schlimmeres. Es war die Zeit, in der es gesetzlich verboten war, dass unverheiratete Paare zusammen irgendwo übernachteten, Frauen ohne Einwilligung des Ehemanns keine Arbeit annehmen konnten und Homosexualität eine Straftat war. Deutsche Talibanzeit, wenn man so will, die Hochzeit eines Konservatismus, dessen Vorurteile die Gesellschaft erdrückten und uns Jungen die Luft zum Atmen nahmen. Und Freiburg war seinerzeit besonders eng und konservativ.