Schorndorf Der Vogelhäuslebauer liefert bis nach Afrika

Von Annette Clauß 

Die Kundschaft der Firma Schwegler ist eigen: Sie zieht nur ein, wenn das Domizil perfekt passt. Die Nisthilfen aus Holzbeton werden jahrelang getestet, bevor sie marktreif sind.

Ein Mitarbeiter gibt dem Vogelhaus den letzten Schliff. Foto: Gottfried Stoppel
Ein Mitarbeiter gibt dem Vogelhaus den letzten Schliff.Foto: Gottfried Stoppel

Schorndorf - Florfliegen lieben die Farbe Rot, Igel mögen keine Zugluft, und Wanderfalken brauchen zu Hause reichlich Platz, um ihre Flügelmuskulatur trainieren zu können. Silke Weidler weiß genau Bescheid über die Gewohnheiten und Vorlieben von Lebewesen, die manch einer nur vom Namen her kennt. Aber Florfliege, Zaunkönig, Fledermaus und Co. sind nun mal die potenziellen Kunden der Firma Schwegler, die seit Jahrzehnten Nisthilfen für Vögel, Fledermäuse und Insekten herstellt. Die Bestellungen für Fledermaushöhlen, Schleiereulennistkästen und Ohrwurmschlafröhren, die geben allerdings Naturschutzverbände, Forstbehörden oder auch Privatleute bei dem Schorndorfer Traditionsbetrieb auf – und sie bezahlen dann auch die Rechnung.

Schon der Urgroßvater hat Nistkästen gebaut

Schon ihr Urgroßvater, der sein Geld als Lohndrescher verdiente, habe nebenbei Vogelnistkästen aus Holz gebaut, erzählt Silke Weidler, die für das Kundenmanagement zuständig ist. In den 1950er Jahren stiegen die Schorndorfer dann so richtig in den Wohnungsbau der besonderen Art ein und entwickelten für diesen Zweck ein spezielles Material: Holzbeton. Langlebig und atmungsaktiv, so charakterisiert Silke Weidler die hauseigene Erfindung, die aus mindestens 75 Prozent Sägespänen plus Zement und Ton zusammengemischt wird. „Die Herstellung ist aufwendig und eine ziemlich schmutzige Angelegenheit“, erklärt sie.

Die genaue Rezeptur ist geheim, und auch bei der Produktion lassen sich die Vogelhäuslebauer nicht gerne über die Schulter schauen. So viel aber ist klar: die zähe Holzbetonmasse streichen und stampfen die Mitarbeiter von Hand und Stück für Stück in Formen, danach muss die Behausung trocknen, bevor sie mit einer Spezialfarbe gestrichen und erneut getrocknet wird. Lack sei tabu, erklärt Silke Weidler: „Sonst bildet sich innen Schwitzwasser und Schimmel.“ Schnell mal etwas auf den Markt werfen – das sei nicht die Philosophie des Betriebs: „Wir bauen zuerst Muster und testen sie dann in bestimmten Gebieten. Das kann Monate, manchmal aber auch Jahre dauern“, sagt Weidler.

Rot ist die Lieblingsfarbe der Florfliegen

Bis beispielsweise das neue „Fledermausquartier mit temperierten Hangplätzen“, sprich einer Belüftung, marktreif war, hat es drei Jahre gebraucht. „Man lernt ständig dazu“, sagt Weidler. Und so ist die Vorderwand am Dohlendomizil mit speziellen Schrauben befestigt, die dem Spieltrieb der cleveren Vögel standhalten, und das Florfliegenquartier hat einen knallroten Anstrich, weil das die Lieblingsfarbe der fleißigen Läusevertilger ist.

Das größte und mit mehr als 250 Kilo Gewicht schwerste Haus aus Schwegler’scher Produktion nennt Silke Weidler „unsere Hundehütte“. Tatsächlich würde in den 1,30 Meter tiefen und 80 Zentimeter breiten Unterschlupf ein Hund im Jack-Russell-Terrier-Format bequem Platz finden. Gedacht ist der Koloss aber als Unterkunft für Wanderfalken. Die Taubenfresser bräuchten viel Freiraum, sagt Weidler, denn die Jungvögel, die in schwindelnden Höhen von 30 Metern aufwärts aufwachsen, brauchen Platz, um ihre Muskulatur zu trainieren, weil Flugübungen nur bedingt möglich sind. Kürzlich sei ein Wanderfalkenkasten in 80 Meter Höhe am Kamin des Kraftwerks in Stuttgart-Münster montiert worden, so Weidler: „Dort gab es Riesenprobleme, weil Tauben in die Lüftungskanäle fliegen und sie blockieren.“ Und so hat das Restmüllheizkraftwerk nun eine Gemeinsamkeit mit dem Roten Rathaus in Berlin: einen Wanderfalkenkasten aus Schorndorfer Herstellung.

Man habe schon afrikanische Eulen mit Nistkästen „made im Remstal“ beglückt und Nisthilfen nach Amerika geliefert, erzählt Silke Weidler. Letztere seien aber Spezialanfertigungen, denn die amerikanische Tierwelt hat andere Maße als die europäische. Dieser Tage hat sich ein Kunde aus Australien gemeldet: Er sucht Quartiere für Possums, australische Beutelsäuger. Weidler: „Da müssen wir jetzt mal schauen, ob das machbar ist.“

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