Schreibkunst aus Ludwigsburg Die Botschaften der Kalligrafin

Von Sandra Dambacher-Schopf 

„Stopp: erst mal stehen bleiben und nachdenken“ ist das Motto von Sigrid Artmann. Die Künstlerin regt mit ihren in Schönschrift festgehaltenen Worten auch andere Menschen zum Stehenbleiben und Grübeln an.

Mut, Bruch und Reflexion gehören zu Sigrid Artmanns Kunst  und Leben. Foto: factum/Granville 16 Bilder
Mut, Bruch und Reflexion gehören zu Sigrid Artmanns Kunst und Leben. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Ein klassisches Schiller-Gedicht in Schönschrift ist nicht ihre Leidenschaft. Die Kalligrafin Sigrid Artmann will provozieren und aufwecken. Sie setzt auf die Kraft der Worte in einer Hingucker-Schrift. „Denk mal“ hat sie schon einmal vor Ludwigsburger Denkmäler geschrieben und die Menschen damit nicht nur zum Anhalten und Nachdenken gebracht. „Viele haben sich auch aufgeregt“, sagt sie. „Da können Sie doch nicht einfach rumschmieren“, habe ein Vorwurf gelautet.

Mit Neon-Tüten Farbe auf den Rathausplatz gebracht

Gerne erklärt die Künstlerin dann, dass sie mit abwaschbarerer Kreide arbeitet. Nach dem nächsten Regen ist der Boden wieder rein. Auch ihre neonfarbenen Tüten mit der Aufschrift „Moment Macht“, mit denen sie Farbe auf den grauen Rathausplatz gebracht hat, haben vorbeieilende Passanten zum Stoppen veranlasst. „Wir glauben immer, wenn wir uns jetzt noch dies oder das kaufen, sind wir glücklich“, sagt sie. Diesen Moment, wenn der Drang zum Konsum Macht ergreife, will sie bewusst machen. Aber nicht mit erhobenem Zeigefinger. Ihre Buchstaben haben etwas Leichtes, Fröhliches, das Veränderungen und Reflexionen liebt – so wie sie selbst. Ihr wilder blonder Lockenkopf ragt aus einem Arbeitsoverall, dessen Hosenbeine in Doc-Martens-Schuhen stecken.

Mehr als 20 Jahre in Anzügen gesteckt

Das war nicht immer so. Mehr als 20 Jahre lang trug Sigrid Artmann Anzüge. Das Einzige, was heute noch gleich ist, ist ihre Leidenschaft für die Schürstiefel, das schöne Schreiben – und ihren Mann.

Aber von vorne: „Schon als ich ein kleines Kind war, hat mich die Schrift meiner Oma fasziniert“, sagt sie über ihre Anfänge. „Meine erste Erinnerung ist, wie ich versucht habe, ihre Einkaufsliste nachzumalen.“ Als die heute 50-Jährige damals als Teenager bei der Berufsberatung sagte, dass sie einmal Künstlerin werden wolle, habe sie der Herr vom Arbeitsamt schallend ausgelacht. „Das hat mich sehr geprägt. Also bin ich Industriekauffrau geworden.“ Der Job hat die gebürtige Bayerin nach Ludwigsburg geführt. „Damals war ich 33, da habe ich auch den Alexander kennengelernt.“ Gemeint ist Alexander Friedrich, der damals den bekannten Spirituosen-Laden mit rundem Schaufenstereck in der Myliusstraße betrieb. „Bei mir waren alle, vom Penner bis zum Sparkassendirektor“, sagt er. Und er kannte alle, was dem Paar später noch nutzen sollte. In dieser Zeit kam die Künstlerin zum ersten Mal in Berührung mit Kalligrafie. „Und er hatte ja nie Zeit, um Urlaub zu machen. Also bin ich alleine weg und habe mich in ganz Europa fortgebildet“, bei in der Szene hoch angesehen Dozenten. Heute unterrichtet sie selbst in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien. Das hat sie sich lange nicht träumen lassen. „Der Anfang war schwer.“ Ein Jahr, nachdem sie mit 42 Jahren ihren festen Job gekündigt hatte, kamen ihr Zweifel. „Ich habe mich wieder beworben.“ Ein Gespräch sei aber so schrecklich gewesen, „dass ich danach mein Sakko angemalt habe und es heute noch zum Arbeiten trage“.

Durchbruch mit dem internationalen Kalligrafiepreis

Der künstlerische Durchbruch kam 2014. Artmann gewann den „Internationalen Großen Preis der Kalligrafie“ in Belgien. Plötzlich war sie in der Szene bekannt und wurde für Dozentenstellen angefragt. Ihr Buch „SchreibART“ gibt es in der zweiten Auflage. Gleichzeitig verkauften sich ihre opulenten Buchstaben, zarten Handschriften und Wortspielereien bei Ausstellungen in der Umgebung gut. Geschäfte fragten bei ihr an.

Ausstellungen in Hamburg und Möglingen

Inzwischen arbeitet sie zum Beispiel für die Kochschule Andrea Lange oder die neue Bar Grävenitz. Und obwohl sie eine Ausstellung in der renommierten Hamburger Galerie Chaco hat, bleibt sie bodenständig. Vom 30. Juni an zeigt sie in der Möglinger Zehntscheuer bei der Ausstellung zu Ehren Bob Dylans besondere Doc-Martens-Schuhe. Der britische Hersteller ist bereits auf sie aufmerksam geworden. Bei Kundenaktionen individualisiert Artmann Lieblingstücke von Fans. Bei allem, was sie tut, ist ihr Mann an ihrer Seite. Auch er gab vor sieben Jahren seinen festen Job auf.

Aus der Wohnung ist Atelier, Werkstatt und Museum geworden

Der gelernte Restaurator geht wieder seiner eigentlichen Passion nach und zimmert die Rahmen für die Werke seiner Frau. Aus der gemeinsamen Wohnung in der Schlossstraße ist Atelier, Werkstatt und Museum geworden. Einmal im Jahr lädt das Paar alle Freunde und Bekannte ein, ihren gelebten Traum mit ihnen zu teilen. Dann gibt’s eine Ausstellung zu Hause unter dem schwäbischen Titel „dohande“, also hier. Freilich in Schönschrift.