Schülerlabor Der Zauber der Chemie

Sören Stange, 13.03.2013 08:00 Uhr

Was Chemiker machen? „Die experimentieren“, antwortet eine Drittklässlerin der Pestalozzi-Waldschule in Gerlingen auf die Frage der Labormitarbeiterin. „Die experimentieren mit Säften“, ergänzt ein Klassenkamerad. „Das stimmt, sie benutzen aber auch andere Stoffe“, sagt die Mitarbeiterin. Die Atmosphäre ist gespannt während der Begrüßungsrunde im „Fehling-Lab“, einem Schülerlabor an der Universität Stuttgart. Ein Kind nach dem anderen wird namentlich aufgerufen und erhält eine Schutzbrille sowie einen Laborausweis – weiße Kittel wurden vorher schon verteilt; anschließend geht es an kleine Experimentierstationen. Jeder erhält einen eigenen Arbeitsplatz samt Petrischale und Pipette. Die Augen der Kinder leuchten.

„Chemie zum Mitmachen“ wolle man bieten, heißt es auf der Website des Schülerlabors. Seit 2002 führen die Mitarbeiter der Stuttgarter Einrichtung Grundschüler in die Welt der experimentellen Chemie ein. Der Andrang ist so groß, dass Neuanmeldungen zurzeit nicht möglich sind. „Die Wartezeit für Grundschulklassen beträgt sechs Jahre“, sagt der Leiter des Labors, Marco Spurk.

Interesse an der Chemie wecken

Das Konzept von Fehling-Lab erklärt der Laborgründer Peter Menzel, emeritierter Professor der Universität Hohenheim, so: „Die Einrichtung zielt darauf, das Interesse von Kindern und Jugendlichen an den Naturwissenschaften, speziell der Chemie, zu wecken. Dafür ist es sinnvoll, früh anzufangen, da Kinder noch ziemlich unvoreingenommen sind.“ Studien haben nachgewiesen, dass schon Drei- bis Fünfjährige die kognitiven Voraussetzungen für das Herumexperimentieren mitbringen. Spätestens mit der Pubertät sinkt hingegen das Interesse an Chemie und Physik, insbesondere bei Mädchen.

Im Stuttgarter Schülerlabor werden Kinder und Jugendliche aus allen Jahrgängen unterrichtet, allerdings dominieren Grundschüler. Sie werden klassenweise unterrichtet – damit man „nicht nur diejenigen erreicht, die sich sowieso für die Naturwissenschaften interessieren“, erklärt Spurk. Im Laufe eines Vormittags machen die Kinder an drei Stationen halt. Im Riechlabor erproben sie Aromen und Düfte, im Kristalllabor werden kristallisierte Stoffe unter die Lupe genommen und im Farblabor werden Tinte und Filzstiftfarben gemischt und getrennt. Der Drittklässlerin Amelie Hopp macht dabei vor allem das Experimentieren mit Farbe Spaß: „Das hier sieht schön aus, wie ein buntes Ei“, sagt sie.

Angeleitet werden die Kinder von Lehramtsstudenten der Universität Stuttgart, die auf diese Weise Praxiserfahrung sammeln. Einige schreiben auch ihre fachdidaktische Examensarbeit im Rahmen des Labors. Sie entwickeln neue Experimente – für Schüler verschiedener Altersgruppen.

Lehrer werden fortgebildet

Die Lehrer der besuchenden Schulklassen werden parallel fortgebildet. „Wir stellen den Lehrern Experimente vor, die nicht teuer, nicht gefährlich und leicht durchzuführen sind. Und wir erklären Ihnen, wie und wo man sich die dafür notwendigen Materialien und Utensilien beschaffen kann“, sagt Spurk. Im praktisch-fachlichen Bereich gebe es viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Der naturwissenschaftlich-praktische Unterricht sei in den baden-württembergischen Grundschulen zwar seit 2004 vorgeschrieben, doch viele Sachkundelehrer seien nicht entsprechend ausgebildet worden.

Dabei hängt es vor allem am regulären Unterricht, ob ein Laborbesuch wie der im Fehling-Lab eine nachhaltige Wirkung entfaltet. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Universitäten Bielefeld und Kiel. Untersucht wurde, ob sich Erfahrungen, die in einem außerschulischen Experimentierlabor gemacht wurden, langfristig positiv auf die Motivation der Schüler auswirken. Festgestellt wurde, dass nach vier Monaten ein zunächst vorhandener positiver Effekt wieder verschwunden war. Entsprechend beschreibt Spurk das Konzept des Labors: „Ein einmaliges Erlebnis wird vergessen. Wir lassen hier den Funke entstehen, die Lehrer müssen ihn am glühen halten.“

Im Fehling-Lab ist man zudem bemüht, auf anderen Wegen Anreize zu liefern. Damit auch jenseits des Schulunterrichts weiter experimentiert werden kann, erhält jeder Schüler ein Mitnahmepaket, das aus zwei Reagenzgläsern, einer Pipette und einer Experimentieranleitung besteht.

20.000 Euro vom Chemie-Verband

Finanziert wird das Fehling-Lab hauptsächlich von der Universität Stuttgart und deren Chemie-Fakultät. Hinzu kommen Drittmittel. Von Anfang an dabei war der Fonds der Chemischen Industrie, der nach eigenen Angaben „die forschungs- und bildungspolitischen Ziele der chemischen Industrie verfolgt“. Gestern übergab der Hauptgeschäftsführer der Chemie-Verbände Baden Württemberg, Thomas Mayer, dem Schülerlabor einen Förderscheck in Höhe von 20 000 Euro. Die Überlegung dabei: Wenn Kinder schon früh experimentieren, entscheiden sie sich später eher für eine Laufbahn in der Chemiebranche.

Studien, die einen solchen direkten Zusammenhang belegen, gibt es freilich nicht. Ihn nachzuweisen wäre „sehr zeitintensiv und enorm kostenaufwendig“, sagt Gisela Lück, Professorin für Chemiedidaktik an der Universität Bielefeld. Allerdings gibt es Hinweise auf einen solchen Zusammenhang: Eine Auswertung 1345 biografischer Daten ergab, dass angehende Chemiestudenten am zweithäufigsten Kindheitserlebnisse anführen, wenn sie ihre Studienwahl begründen müssen. Häufiger wurde nur der Chemieunterricht aus der Mittelstufe genannt.

Das Fehling-Lab kann das Geld in jedem Fall gut gebrauchen – allein die studentischen Hilfskräfte kosten jährlich 36 000 Euro. Und nicht nur der bestehende Betrieb will am Laufen gehalten werden. Zum zehnten Jubiläum wurde dem Labor ein Kleinbus gesponsert. Mit diesem „Fehling-Mobil“ wolle man zukünftig auch Schulen außerhalb Stuttgarts einbinden. Allerdings koste jeder einzelne Schulbesuch rund 400 Euro, sagt Menzel.

 
 
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