Schule Späteres Aufstehen hilft Schülern

Von Walter Schmidt 

Schon eine Viertelstunde mehr Schlaf fördert die Konzentration von Schülern merklich. Das zeigt eine neue Studie. Forscher fühlen sich dadurch in ihrer Einschätzung bestätigt, dass der übliche frühe Schulbeginn viele Jugendliche benachteiligt.

Für viele Jugendliche ist der frühe Unterricht eine Qual. Foto: dpa
Für viele Jugendliche ist der frühe Unterricht eine Qual.Foto: dpa

Stuttgart - Ein zwanzig Minuten späterer Schulbeginn verschafft Schülern mehr Schlaf und lässt sie dadurch ausgeruhter sein. Obendrein verbessern sich so ihre Leistungen. Forscher der Universität Basel haben rund 2700 Schülerinnen und Schülern im Alter von 13 bis 18 Jahren nach ihren Schlafgewohnheiten befragt und fanden heraus: Jugendliche, deren Unterricht um acht Uhr anfängt, schlafen etwa eine Viertelstunde länger und können dem Unterricht aufmerksamer folgen als jene, die bereits um 7.40 Uhr in der Schule sein müssen. Ihre Befunde haben die Wissenschaftler um den Psychologen Sakari Lemola nun in der Fachzeitschrift „Journal of Adolescence“ veröffentlicht.

Während viele Kinder noch Frühaufsteher sind, haben Jugendliche morgens große Mühe, früh aufzustehen. Entsprechend werden sie abends meist erst spät müde und wollen nicht ins Bett oder weigern sich, das Licht im Schlafzimmer zu löschen. Das Schlafbedürfnis liegt bei den meisten 15-Jährigen nach wie vor bei gut neun Stunden pro Nacht, ähnlich wie bei 11-Jährigen. Die befragten Personen kommen durchschnittlich auf eine Schlafdauer von acht Stunden und 40 Minuten. Vor allem jene, die weniger als acht Stunden schlafen, leiden unter einem permanenten Schlafdefizit, was sowohl ihre Schulleistungen als auch ihr Wohlbefinden beeinträchtigt. Schon eine Viertelstunde mehr Schlaf steigert nach Auskunft der befragten Schüler spürbar ihre Wachheit und ihre Leistungsfähigkeit.

Kritik am früher Schulbeginn

Dies ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass der frühe Schulbeginn auch in Deutschland aus wissenschaftlicher Sicht zu hinterfragen ist. Ohne die Erkenntnisse der schlafmedizinischen Forschung zu berücksichtigen, schicken die Kultusminister die Schüler zwischen 7.45 und 8.15 Uhr zur Schule. Viele Schüler müssen wegen weiter Anfahrtswege bereits um sechs Uhr oder gar noch zeitiger aufstehen. „Das ist für sie biologisch nicht früh, sondern mitten in der Nacht“, urteilt der bekannte Regensburger Schlafmediziner Jürgen Zulley. Vor allem Pubertierende können oft nicht früh einschlafen und sich auf diese Weise ausreichend Schlaf verschaffen.

Insofern ist der frühe Schulbeginn wesentlich verantwortlich dafür, dass viele ältere Kinder, vor allem aber Jugendliche im Unterricht übermüdet und unkonzentriert sind. „Jugendliche vor neun oder 9.30 Uhr zu unterrichten ist ziemlich kontraproduktiv“, sagt der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg. Oft hört er zwar von Lehrern das Argument, die Jugendlichen seien „selber schuld an ihrer Müdigkeit, weil sie zu lange aufbleiben und sich in Discotheken herumtreiben“. Doch das sei falsch. Der Reiz zum Einschlafen komme bei vielen Jugendlichen nun mal „spät in der Nacht“. Als Spätschläfer können sie bis zum frühen Morgen gar nicht auf ihr nötiges Schlafpensum kommen.

Wer wenig schläft, isst mehr zuckerhaltige Nahrungsmittel

Roenneberg steht mit seiner Kritik nicht alleine da. Auch eine Studie von US-Forschern der Northwestern University in Evanston bei Chicago kommt zu dem Ergebnis: Der frühe Schulbeginn raubt Teenagern im Schnitt rund zwei Stunden Schlaf und macht sie so zu schlechteren Schülern. Zumindest sollten Lehrer deshalb davon absehen, in den ersten beiden Stunden Klassenarbeiten zu schreiben. Und wer etwas gegen das zunehmende Übergewicht von Schülerinnen und Schülern machen möchte, sollte alles dafür tun, dass die Kinder wenigstens ausschlafen können. Denn wie die Kinderärztin Judith Owens und die Psychiaterin Mary Carskadon von der Brown University in Providence im US-Staat Rhode Island nachweisen konnten, verleitet Schlafmangel am Folgetag zu vermehrtem Essen zuckerhaltiger Nahrungsmittel mit hohem Kaloriengehalt.

Doch trotz dieser Befunde werde „immer so getan, als sei der Mensch kein biologisches Wesen und es lasse sich alles mit Disziplin regeln“, bemängelt Roenneberg diese Haltung. Darunter leide die Wirksamkeit des Schulunterrichts. Für den Chronobiologen steht fest: Durch den frühen Schulbeginn seien ein „konzentriertes Empfangen von Wissen und ein konsolidiertes Lernen nicht möglich“. Nun fragt man sich, wieso die immer wieder aufkeimende Debatte über einen späteren Schulbeginn nicht fruchtet. Ein Grund ist Roenneberg zufolge ein zu selbstgerechtes ­Beurteilen des Schlafbedürfnisses von Schülern durch Lehrer und Kultusbeamte. Menschen wählten sich ihre Berufe auch nach den eigenen Schlafvorlieben aus. Frühaufsteher seien in Ämtern aber relativ häufig anzutreffen. „Die Leute, die über die Schulzeiten bestimmen, sind kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung“, sagt der Münchner Forscher.

Frühaufsteher haben oft die besseren Noten

Doch den größten Nutzen hätten die Morgenmuffel selbst: Für sie geht es um mehr Gerechtigkeit. Denn biologisch motivierte Frühaufsteher erzielen die besseren Noten und haben später auch im Beruf im Durchschnitt mehr Erfolg, wie Studien zeigen konnten. Einige davon gehen auf den Biologen Christoph Randler zurück, der an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg lehrt. Sein Befund: bekennende Frühaufsteher hatten das Gymnasium mit deutlich besseren Abschlusszeugnissen verlassen. Dies bedeute jedoch nicht, dass Frühaufsteher „intelligenter sind und systematischer oder disziplinierter gelernt haben“ so der Biologie-Didaktiker. „Es heißt nur, dass diese jungen Leute das Glück hatten, in jenen Stunden des Tages herausgefordert zu werden, in denen sie munter waren.“

Aus schlafmedizinischer Sicht wird das Problem des frühen Schulbeginns noch dadurch verschärft, dass sich Kinder und Jugendliche heute weit weniger im Freien aufhalten als früher. Deshalb fehlten ihnen natürliche Zeitgeber – vor allem Tageslicht, meint Roenneberg und mahnt: „Kinder brauchen mehr Tageslicht.“ In seiner Kindheit, also vor etwa fünfzig Jahren, habe man sich noch „40 bis 50 Prozent länger draußen aufgehalten“. Heute indes hockt der Nachwuchs stundenlang vor dem Computer, sieht fern oder hört Musik im Zimmer. Auch deshalb schlafen Kinder abends später ein als noch Mitte des 20. Jahrhunderts, bekommen morgens aber nicht den Zusatzschlaf, den sie eigentlich brauchen. Salopp ausgedrückt macht unsere Gesellschaft die Kinder zu Nachteulen, weckt sie aber als Lerchen.

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