Stuttgart - Eltern von Grundschülern haben in den vergangenen Tagen die Grundschulempfehlungen für ihre Kinder bekommen. Die Empfehlungen bergen politischen Sprengstoff: Sie entscheiden im Wesentlichen darüber, ob die Kinder nach den Sommerferien auf die Haupt- beziehungsweise Werkrealschule, auf die Realschule oder das Gymnasium wechseln. Dabei haben in Baden-Württemberg nicht die Eltern das letzte Wort.
Der Opposition ist die Empfehlung schon lange ein Dorn im Auge. Sie will den Eltern die letzte Entscheidung über den weiteren Schulweg ihrer Kinder überlassen. Jetzt schwenkt auch Birgit Arnold (FDP) um. Im Zweifel sollen die Eltern das letzte Wort bekommen, hat die Liberale erklärt. Kultusministerin Marion Schick (CDU) hält dagegen an der Empfehlung fest. Allerdings soll es mehr Elterngespräche geben. "Spätestens in der dritten Klasse bauen wir Elterngespräche verbindlich in den Beratungsprozess ein", sagte Schick. Die schulische Entwicklung müsse für die Eltern transparenter und nachvollziehbarer werden. Acht Grundschulen, darunter die Carl Benz-Grundschule in Cannstatt und die Grundschule am Hechinger Eck in Tübingen, erproben bereits ein erweitertes Beratungskonzept. Sie bieten zusätzliche Elterngespräche an und setzen Lehrer als Übergangslotsen ein.
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Der Landeselternbeirat verlangt, Eltern schon von Beginn der Grundschulzeit an intensiv zu begleiten. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der Grund- und Hauptschullehrer vertritt, reagiert darauf mit Unverständnis. Der VBE-Vorsitzende Gerhard Brand findet es "daneben, die Grundschulempfehlung, die wie ein permanentes Damoklesschwert über den Grundschülern und deren Eltern hängt, von der ersten Klasse an zum Leitthema in Lehrer-Eltern-Gesprächen zu machen". Das erhöhe den Druck auf die Kinder.
Die Kultusministerin erwartet dagegen vielmehr, dass Druck aus dem System genommen wird. "Wir brauchen mehr Gelassenheit", sagt Schick. Sie warnt, "wenn Eltern glauben, dass die Gymnasialempfehlung die einzige ist, die Bildungschancen sichert, haben wir Druck schon im Kindergarten". Die Empfehlung am Ende der vierten Klasse dürfe nicht als "Lebensurteil" angesehen werden. Schick verweist darauf, "auch ohne Gymnasialempfehlung stehen den Kindern bei uns immer alle Türen offen". Besondere Bedeutung komme dabei den beruflichen Gymnasien zu. Dort können Schüler beispielsweise nach der Realschule das Abitur machen. Der beschleunigte Ausbau der beruflichen Gymnasien werde "konsequent weitergehen".
Schick verteidigt das System. "Eine verbindliche Grundschulempfehlung sorgt für mehr Bildungsgerechtigkeit", betont sie. Kinder aus bildungsfernen Schichten hätten noch schlechtere Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen, wenn die Eltern allein entscheiden könnten, erklärt Schick und verweist auf die Bildungsforschung.
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Das bezweifelt Renate Rastätter, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen. Sie ist davon überzeugt, "es wird nicht begabungsgerecht auf die Schularten zugewiesen". Vielmehr sei die soziale Herkunft entscheidend. Das beweisen für Rastätter die Übergangsstatistiken der Kommunen. Je nach Sozialstruktur der Stadtteile würden wesentlich mehr Grundschüler auf ein Gymnasium oder eine Hauptschule wechseln. Der nach Stadtteilen aufgeschlüsselte Sozialbericht der Stadt Karlsruhe zeige, dass in Brennpunkten kaum jedes dritte Kind auf das Gymnasium wechselt, in den guten Wohngebieten aber teilweise mehr als 70 Prozent. In Stuttgart setzte 2009 fast jedes zweite Kind nichtdeutscher Herkunft seinen Weg auf einer Hauptschule fort, fast 60 Prozent der Deutschen kamen auf ein Gymnasium.
In Mannheim lag die Übergangsquote auf die Gymnasien in Sozialräumen ohne erkennbare Probleme bei bis zu 84,6 Prozent, in Sozialräumen mit sehr hohen Problemen bei höchstens 37,9 Prozent. "Die Indikatoren müssen Anlass sein, das System auf den Prüfstand zu stellen", sagt Rastätter. Sie beklagt, dass das Statistische Landesamt nicht mehr die Übergangsdaten aller Gemeinden zugänglich macht. Das Amt verweist auf den Datenschutz.


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Schulzuweisug
Wir haben die Zeit der Grundschulempfehlung zwei mal erleben dürfen - die Aussagen und Einschätzungen der Lehrer waren hoch spannend. Beim ersten Kind reichte die Einschätzung der Klassenlehrerin von Förderschule (Dezember) bis Gymnasium (Juni) - wir haben das Kind bei einer Realschule angemeldet! Beim zweiten Kind wurde von der Schulleitung und der Klassenlehrerin gemeinsam die Aussage getroffen: "Mit Ihrem Bildungshintergrund und aus diesem Elternhaus erhält Ihr Kind mindestens eine Realschulempfehlung." ...sehr Qualifiziert, absolut Neutral und nur am Kindeswohl orientiert.....
Grundschulempfehlung
Wir sind immer wieder erstaunt, wenn Eltern durch die Grundschulempfehlung aus allen Wolken fallen und mit den Lehrern nicht einer Meinung sind! Als Eltern begleite ich doch mein Kind durch die Schulzeit, sehe die Noten, welche unterm Jahr nach Hause gebracht werden und sehe die Entwicklung und auch Fähigkeiten von ihm. Wir hatten vor zwei Wochen die Gespräche wegen Grundschulempfehlung mit der Lehrerin. Einen unserer Söhne sahen wir eigentlich auf der Realschule zwar mit einem Schnitt von 2,2 also Gymnsialempfehlung; da wir aber bereits einen Sohn auf dem G8 haben und sich dieser so durchkämpft, wollten wir es dem anderen eigentlich ersparen. Doch die Lehrerin meinte, er sei ein lockerer Lerner und mit einer so guten Note in Mathe, sollten wir den Schritt machen und ihm seine Chance geben und nicht mit dem Großen vergleichen. Der andere Sohn bekam die Hauptschulempfehlung, was wir auch vorher wußten, weil er eine ausgeprägte Dyskalkulie hat. Wir haben auch bewußt die Hauptschule am Ort gewählt (keine Werkrealschule), weil wir davon ausgehen, dass es dort kleinere Klassen geben wird und dadurch die Förderung besser funktioniert wie in Klassen mit 33 Schülern!
Lasst doch die Kinder entscheiden! - Ist das der Weg?
Dass es vielleicht doch nicht ganz so verkehrt ist, die Schulartenwahl nicht ganz frei zu geben, wird aus dem Kommentar von "BildungfürKinder" deutlich. Da heißt es doch wahrhaftig, dass die Lehrer es nicht verstehen, den Schüler schullaufbahnmäßig "richtig einzuschätzen", dem Kind aber wird diese Prognose-Fähigkeit zugesprochen, obwohl es selber noch keinen Sekundarstufenunterricht erlebt hat. Man mag das gegliederte Schulwesen für falsch halten, solange es jedoch existiert, bedeutet es eine Qual für den Schüler, der täglich quittiert bekommt, dass er dem Anspruch der falsch gewählten Schulart nicht genügt. Solange Eltern ihrem Grundschulkind eine Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium zumuten, obwohl es in Deutsch auf einer 5 und in Mathematik auf 4 steht, wird eine Freigabe der Bildungsempfehlung sicher nicht für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen, sondern eher den Leidensdruck auf Kinder erhöhen. Der Grundstein für mehr Bildungsgerechtigkeit muss deutlich früher und mit einer intensiveren Individualförderung gelegt werden, dafür fehlen aber die notwendigen Lehrerstunden, denn die kosten Geld.