Schulempfehlungen Mehr Transparenz in Grundschule
Renate Allgöwer, 17.02.2011 07:24 Uhr
Die Freude am Zeugnis soll Kindern nicht vergällt werden. Kultusministerin Schick will Druck aus dem System nehmen. Foto: dpa
Die Freude am Zeugnis soll Kindern nicht vergällt werden. Kultusministerin Schick will Druck aus dem System nehmen. Foto: dpa
Stuttgart - Die Grundschulempfehlungen stehen ins Haus. Bis Ende der kommenden Woche werden die Eltern der Viertklässler im Land zu Informationsgesprächen darüber in die Schulen gebeten. Die Empfehlungen müssen bis zum 1.März erstellt werden. Sie entscheiden im Wesentlichen darüber, ob die Kinder nach den Sommerferien auf die Haupt- beziehungsweise Werkrealschule, auf die Realschule oder das Gymnasium wechseln.

Der Opposition ist die Empfehlung schon lange ein Dorn im Auge. Sie will den Eltern die letzte Entscheidung über den weiteren Schulweg ihrer Kinder überlassen. Jetzt schwenkt auch Birgit Arnold (FDP) um. Im Zweifel sollen die Eltern das letzte Wort bekommen, hat die Liberale erklärt. Kultusministerin Marion Schick (CDU) hält dagegen an der Empfehlung fest.

Allerdings soll es mehr Elterngespräche geben. "Spätestens in der dritten Klasse bauen wir Elterngespräche verbindlich in den Beratungsprozess ein", sagte Schick. Die schulische Entwicklung müsse für die Eltern transparenter und nachvollziehbarer werden. Acht Grundschulen, darunter die Carl Benz-Grundschule in Cannstatt und die Grundschule am Hechinger Eck in Tübingen, erproben bereits ein erweitertes Beratungskonzept. Sie bieten zusätzliche Elterngespräche an und setzen Lehrer als Übergangslotsen ein.

Schick: Schulempfehlung nicht als "Lebensurteil" sehen


Der Landeselternbeirat verlangt, Eltern schon von Beginn der Grundschulzeit an intensiv zu begleiten. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der Grund- und Hauptschullehrer vertritt, reagiert darauf mit Unverständnis. Der VBE-Vorsitzende Gerhard Brand findet es "daneben, die Grundschulempfehlung, die wie ein permanentes Damoklesschwert über den Grundschülern und deren Eltern hängt, von der ersten Klasse an zum Leitthema in Lehrer-Eltern-Gesprächen zu machen". Das erhöhe den Druck auf die Kinder.

Die Kultusministerin erwartet dagegen vielmehr, dass Druck aus dem System genommen wird. "Wir brauchen mehr Gelassenheit", sagt Schick. Sie warnt, "wenn Eltern glauben, dass die Gymnasialempfehlung die einzige ist, die Bildungschancen sichert, haben wir Druck schon im Kindergarten". Die Empfehlung am Ende der vierten Klasse dürfe nicht als "Lebensurteil" angesehen werden.

Schick verweist darauf, "auch ohne Gymnasialempfehlung stehen den Kindern bei uns immer alle Türen offen". Besondere Bedeutung komme dabei den beruflichen Gymnasien zu. Dort können Schüler beispielsweise nach der Realschule das Abitur machen. Der beschleunigte Ausbau der beruflichen Gymnasien werde "konsequent weitergehen".

Jedes zweite nichtdeutsche Kind setzt Weg auf Hauptschule fort


Schick verteidigt das System. "Eine verbindliche Grundschulempfehlung sorgt für mehr Bildungsgerechtigkeit", betont sie. Kinder aus bildungsfernen Schichten hätten noch schlechtere Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen, wenn die Eltern allein entscheiden könnten, erklärt Schick und verweist auf die Bildungsforschung.

Das bezweifelt Renate Rastätter, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen. Sie ist davon überzeugt, "es wird nicht begabungsgerecht auf die Schularten zugewiesen". Vielmehr sei die soziale Herkunft entscheidend. Das beweisen für Rastätter die Übergangsstatistiken der Kommunen. Je nach Sozialstruktur der Stadtteile würden wesentlich mehr Grundschüler auf ein Gymnasium oder eine Hauptschule wechseln. Der nach Stadtteilen aufgeschlüsselte Sozialbericht der Stadt Karlsruhe zeige, dass in Brennpunkten kaum jedes dritte Kind auf das Gymnasium wechselt, in den guten Wohngebieten aber teilweise mehr als 70 Prozent.

In Stuttgart setzte 2009 fast jedes zweite Kind nichtdeutscher Herkunft seinen Weg auf einer Hauptschule fort, fast 60 Prozent der Deutschen kamen auf ein Gymnasium. In Mannheim lag die Übergangsquote auf die Gymnasien in Sozialräumen ohne erkennbare Probleme bei bis zu 84,6 Prozent, in Sozialräumen mit sehr hohen Problemen bei höchstens 37,9 Prozent. "Die Indikatoren müssen Anlass sein, das System auf den Prüfstand zu stellen", sagt Rastätter. Sie beklagt, dass das Statistische Landesamt nicht mehr die Übergangsdaten aller Gemeinden zugänglich macht. Das Amt verweist auf den Datenschutz.
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