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Schulverweigerer US-Asyl für Familie aus der Region

Andreas Geldner, vom 27.01.2010 19:52 Uhr
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Hannelore Romeike lernt mit ihrer Tochter in Morristown (US-Bundesstaat Tennessee). Foto: dpa
Hannelore Romeike lernt mit ihrer Tochter in Morristown (US-Bundesstaat Tennessee). Foto: dpa
Washington - Was der Staat darf und was nicht, darüber gehen die Ansichten in den USA und in Deutschland oft auseinander. Der Fall einer Familie aus Baden-Württemberg liefert dafür ein bemerkenswertes Beispiel. "Deutsche Familie, die ihre Kinder zu Hause unterrichten will, bekommt politisches Asyl in den USA" lautet die Meldung der Heimschullobby "Home School Legal Defense Association".

Die strenggläubige Familie Romeike aus Bissingen an der Teck hatte im Jahr 2006 drei ihrer fünf Kinder aus der Grundschule genommen, weil die Unterrichtsinhalte nicht mit ihren christlichen Überzeugungen übereinstimmten. Im Jahr 2008 verließ sie ihre Heimat am Rand der Schwäbischen Alb und bat in den USA um Asyl mit der Begründung, dass sie um das Sorgerecht für ihre Kinder fürchte.

Der Einwanderungsrichter Lawrence Burmann aus Memphis machte sich nun diese Argumentation zu eigen. "Wir können nicht erwarten, dass jedes Land unserer Verfassung folgt. Aber die Rechte, die hier verletzt werden sind grundlegende Menschenrechte, die kein Land verletzen darf", sagte er in seiner Urteilsbegründung, in der er Deutschland massiv attackierte. Dass Deutsche in den USA mit dieser Begründung Asyl bekommen, ist ein bisher einmaliger Fall.

Die Anwälte der Familie hatten schweres Geschütz aufgefahren. "Es geht nur darum, dass der deutsche Staat ideologische Gleichförmigkeit in einer Art und Weise erzwingen will, die einen auf gruselige Weise an die Geschichte erinnert", sagte Mike Donnelly, der Vertreter der Romeikes. Geschickt hatte er damit argumentiert, dass in deutschen Gerichtsurteilen zu diesem Thema abstrakte Prinzipien wie die Angst vor einer Parallelgesellschaft zitiert worden seien.

Der Familienvater Uwe Romeike zeigte sich erleichtert


In einem Land wie den USA, das seit seiner Gründung aus religiösen und weltanschaulichen Nischen besteht, erscheint das als absurde Denkweise. Richter Burman nannte dieses juristische Konstrukt der Deutschen "seltsam und dumm". Der Familienvater Uwe Romeike zeigte sich erleichtert. "Wir wissen, dass viele Leute für uns gebetet haben, insbesondere andere Deutsche, die ihre Kinder zu Hause unterrichten," sagte er nach dem Urteil. Dass die Familie ihre Entscheidung mit religiösen Überzeugungen begründete, lieferte ein weiteres wichtiges Argument. Hier sind die Amerikaner sehr sensibel.

Im Bericht zur globalen Religionsfreiheit, den das US-Außenministerium jedes Jahr erstellt, wurde Deutschland beispielsweise immer wieder dafür kritisiert, dass deutsche Politiker die Scientologen attackieren. Der Fall wurde allerdings nicht zufällig im konservativen Tennessee verhandelt. Obwohl alle 50 US-Bundesstaaten den oft aus religiösen Gründen gewählten Heimunterricht erlauben und mehr als 1,5 Millionen Kinder in den USA so ihre Schulzeit verbringen, sind die Rahmenbedingungen unterschiedlich. Bundesstaaten wie New York schicken beispielsweise regelmäßig Kontrolleure ins Haus und regeln den Unterrichtsstoff. Andere lassen den Familien weitgehend freie Hand.

Die Frage, ob sich der Staat in die weltanschaulich begründeten Rechte von Familien einmischen darf, ist spätestens seit einer spektakulären Razzia bei Polygamisten-Familien in Texas im Jahr 2008 auch in den USA ein heiß diskutiertes Thema. In diesem Fall nahmen die Behörden den Mitgliedern einer Sekte die Kinder weg, weil sie angeblich Minderjährige verheirateten. Ein Richter ordnete jedoch an, die Kinder den Eltern zurückzugeben, obwohl der Vorwurf noch nicht geklärt wurde. Dennoch: wenn die deutschen Behörden stärker und überzeugender mit dem Kindeswohl argumentiert hätten, wären die Chancen der Romeikes auf Asyl wohl geringer gewesen.
Kommentare (35)
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JAN
30
13:54 Uhr, geschrieben von Stuttgarter Bürger
Koermit / allgemeine Schulpflicht
Werfen Sie mir Lesefaulheit vor? Ich kann nicht recht sehen, worauf Sie hinauswollen. Ich beziehe mein Wissen nicht nur aus wikipedia. Dass die im evangelischen Württemberg bestehende allgemeine Schulpflicht nicht durchgängig durchsetzbar war -was beweist das? Jedenfalls war es ein gewaltiger Umbruch, dass in vielen protestantischen Territorien die allgemeine Schulpflicht herrschte. Lesen Sie mal in "Gott und die Welt in Württemberg- eine Kirchengeschichte" S. 87 f :"In den Dörfern gab es Deutsche Schulen, die auch von Mädchen besucht wurden." Das war im 16. Jahrhundert! Ich glaube, dahinter sollten wir nicht mehr zurückfallen. Eine schreckliche Vorstellung, dass die Anhänger der abstrusesten Sekten ihre Kinder sollen zuhause unterrichten können. Niemandem ist es verwehrt, seinen Kindern privatim beizubringen, dass der Teufel sieben Schwanzhaare hat. Aber auch der demokratische Staat muss jedem Kind die Gelegenheit geben, auch modernere Sichtweisen zumindest kennenzulernen.
JAN
30
00:42 Uhr, geschrieben von Ron
Homeschooling funktioniert!
Weitreichende Untersuchungen und meine eignene Erfahrungen haben gezeigt dass Homeschooling eine sehr gute Bildungsalternative sein kann. Im Durchschnitt schneiden diese Kinder in allen Lebensbereichen wesentlich besser ab als der Durchschnitt: akademisch, sozialer Umgang, soziales Engagement, politisches Engagement und beruflicher Erfolg. Die ganzen Negativkommentare kommen von daher dass man in Deutschland diese Bildungsform nicht kennt und dann ein riesen Gespenst malt das mit der Realitaet in Laendern in denen es erlaubt wird ueberhaupt nicht uebereinstimmt. Homeschooling wird immer von einer sehr kleinen Minderheit praktiziert (in den USA sind es ca. 3%). Die meisten koennen und wollen es nicht. Fuer die, die es koennen und wollen ist eine ganz tolle Erfahrung. Es ist ein riesen Stueck Freiheit. Von sozialer Abkapselung kann ueberhaupt keine Rede sein. Zu uns kommen staendig die Nachbarkinder und wuenschen sich sie koennten selbst von ihren Eltern unterrichtet werden. Auch die Romeikes sind bei uns hier am Ort schon sehr gut integriert und die Kinder sind sehr gluecklich. Deren Nachbarn kommen auch oft rueber, weil es einfach erfrischend ist eine gesunde und glueckliche Familie zu besuchen. Wir sind so froh dass sie bleiben duerfen. Uebrigens bekommen Asylanten in den USA null finanzielle Unterstuetzung vom Staat, duerfen sich aber frei bewegen und ihren eignen Unterhalt verdienen, was Herr Romeike, als hervoragender Klavierlehrer auch erfolgreich tut. Es ist unverstaendlich fuer mich dass man Eltern, die sich so verantwortungsvoll und aktiv um die Erziehung und Bildung ihrer Kinder kuemmert wie die Romeikes, so verteufelt. Sie erfuellen ja nur den Auftrag der Baden-Wuerttembergischen Verfassung: Die Schulen sollen die Kinder in der Verantwortung vor Gott und in christlicher Naechstenliebe erziehen. Viele Kommentare erschuettern mich, da sie sehr wenig Toleranz, sehr wenig Freiheitsliebe und sehr viel Obrigkeitshoerigkeit ausdruecken. Wir muessen uns im klaren sein, je mehr wir an Verantwortung (hier Erziehung & Bildung) an den Staat abgeben, desto mehr verlieren wir unsere Freiheit unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Der Unterschied zwischen den Romeikes und vielen negativen Kommentatoren ist der: Die Romeikes wollen niemandem das Homeschooling aufdraengen, sie wollen nur von staatlicher Bevormundung in Ruhe gelassen werden und nicht wie Kriminelle behandelt werden.
JAN
30
00:16 Uhr, geschrieben von Koermit
Frage der Sicht
@Vater von Grundschülern Dass durch die Schulpflicht keine Grundrechte verletzt würden ist Ihre persönliche Ansicht. Andere Menschen, seien es der amerikanische Richter oder die betroffenen Familien, sehen das anders. Und wenn verschiedene Sichtweisen aufeinander treffen, dann sollten das ohne diese "Der Staat darf das nun mal, wer das nicht will kann gehen"-Klatsche diskutiert werden dürfen. Mit so einer engstirnigen Argumentation wollen Sie mir erkären, wie eine Gesellschaft funktionieren kann und wie nicht? Ich sehe das Problem nicht bei der Familie, sondern gerade bei unserer deutschen Gesellschaft. Wir können es nämlich nicht verknusen, wenn unsere Kontrollmechanismen von anderen Ländern als Verstoß gegen Grundrechte kritisiert werden, vor allem von Amerikanern. Wenn es um Geschichte geht, dann lassen wir sehr gerne auf uns eindreschen - aber im hier und jetzt glauben wir, die Oberweisheit in Menschenrechtsfragen zu besitzen. So wie der StZ-Redakteur im Artikel bei der Entscheidung des amerikanischen Richters das Kindeswohl gegenüber religiösem Eifer vernachlässigt sieht, so wenig kommt er darauf, dass die deutsche Rechtsprechung vielleicht doch in Wahrheit den politischen Gruppenzwang über das Kindeswohl stellen könnte. Alles eine Frage der Sicht. Ach ja: @Stuttgarter Bürger Sehr lesefaulschlau von Ihnen, der Hinweis auf die lange existierende Schulpflicht. Hätten Sie bei wikipedia drei Zeilen weiter gelesen, dann wären sie zu dem Hinweis gelangt, dass die Schulpflicht lange nicht durchsetzbar und eine reine Willensbekundung war - bis Anfang des 20 Jahrhunderts. Aber in der Zeit war ja bestimmt nix mit Diktatoren und so, das googeln nach damaligen Ereignissen erspare ich mir mal ;)
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