Schwabe als Nikolaus im Nahen Osten Bonbonstimmung im Gazastreifen

Verena Mayer, Bethlehem, 23.12.2012 14:42 Uhr

Der Nikolaus steht im Regen. In der linken Hand seinen Hirtenstab, auf dem Kopf die Mitra, im Gesicht einen rauschenden Bart, um seinen mächtigen Leib ein goldener Umhang. Er tobt. „Der Nikolaus kann sehr böse werden“, ruft der Nikolaus durch die Mauer aus Beton, Gittern, Wachposten. Es hilft nichts, der Nikolaus darf nicht nach Gaza einreisen. Drei Stunden wartet er am israelischen Checkpoint. Er verhandelt, telefoniert, poltert. Auf der anderen Seite warteten Kinder auf ihn, sagt er. Die Erlaubnis für die Einreise müsse vorliegen, er habe sie schon vor neun Monaten beantragt. Es hilft nichts. An diesem Tag schafft es der Nikolaus nicht über die Grenze. „Ich komme wieder“, ruft er, als er ins Auto steigt und sich zurück ins Hotel fahren lässt.

Ich komme wieder Wolfgang Kimmig-Liebe lässt sich nicht unterkriegen.

Der Nikolaus steht im Regen. In der linken Hand seinen Hirtenstab, auf dem Kopf die Mitra, im Gesicht einen rauschenden Bart, um seinen mächtigen Leib ein goldener Umhang. Er tobt. „Der Nikolaus kann sehr böse werden“, ruft der Nikolaus durch die Mauer aus Beton, Gittern, Wachposten. Es hilft nichts, der Nikolaus darf nicht nach Gaza einreisen. Drei Stunden wartet er am israelischen Checkpoint. Er verhandelt, telefoniert, poltert. Auf der anderen Seite warteten Kinder auf ihn, sagt er. Die Erlaubnis für die Einreise müsse vorliegen, er habe sie schon vor neun Monaten beantragt. Es hilft nichts. An diesem Tag schafft es der Nikolaus nicht über die Grenze. „Ich komme wieder“, ruft er, als er ins Auto steigt und sich zurück ins Hotel fahren lässt.

Ein Soldat geleitet den Nikolaus zur Passkontrolle

Sein Auftritt hinterlässt Eindruck. Als der Nikolaus früh am nächsten Morgen wiederkommt, erwartet ihn bereits ein Soldat. Er geleitet ihn persönlich zur Passkontrolle. „I hope you bring the peace“, gibt der kleine Mann in Olivgrün dem großen Mann in Gold auf den Weg: Ich hoffe, Sie bringen uns den Frieden.

Sein Auftritt hinterlässt Eindruck. Als der Nikolaus früh am nächsten Morgen wiederkommt, erwartet ihn bereits ein Soldat. Er geleitet ihn persönlich zur Passkontrolle. „I hope you bring the peace“, gibt der kleine Mann in Olivgrün dem großen Mann in Gold auf den Weg: Ich hoffe, Sie bringen uns den Frieden.

Der Nikolaus gibt niemals auf.

Von Januar bis November heißt er Wolfgang Kimmig-Liebe, lebt in Aidlingen und arbeitet als Kraftfahrzeugmechanikermeister. Im Dezember verwandelt sich Kimmig-Liebe in den heiligen Nikolaus. Seit 24 Jahren beschenkt er Kranke, Arme und Kinder. In Böblingen, Stuttgart, Rom, New York und sonst wo. Nun eben in Gaza.

Der Nikolaus kennt keine Angst.

Vier Wochen zuvor flogen dort, wo er jetzt steht, Raketen und Granaten durch die Luft. Das Auswärtige Amt warnt noch immer „dringend“ vor Reisen in den Gazastreifen. Kimmig-Liebe juckt das nicht. Er habe Gottes Segen, sagt der 53-Jährige. Fast ein Jahr lang hat er die Reise geplant. Vier Tage kann er bei den Menschen im Nahen Osten sein. Davor und danach wird der Nikolaus andernorts gebraucht.

Der Fremde küsst den Boden

Als der Nikolaus auf der palästinensischen Seite der Grenze steht, geht er in die Knie. Er küsst den Boden, dann ruft er in den Himmel: „Allah, schenke diesem Land Freiheit.“ Die Soldaten machen große Augen. Sie wissen nicht: Sollen sie lachen oder knurren. Wer ist dieser Kerl? Was macht der hier? „I am Santa Claus“, ruft ihnen der Kerl zu. Die Soldaten kontrollieren seinen Pass, durchwühlen seinen Koffer, machen Fotos. Dann lassen sie den Nikolaus durch.

Der Nikolaus hat einen Dolmetscher angeheuert sowie ein Auto samt ortskundigen Fahrer gemietet. Mit hundert Sachen steuert der Palästinenser durch Gaza- Stadt. Der Nikolaus rauscht an klapprigen Eseln vorbei, die noch klapprigere Karren ziehen. Der Dolmetscher zeigt auf das zerbombte Polizeirevier und ein zertrümmertes Verwaltungsgebäude. Der Fahrer lässt das Chaos auf dem Marktplatz zurück und überholt überladene Tuk-Tuks. Der Nikolaus hat nicht viel Zeit. Die Grenze schließt bald wieder. Es ist Freitag, Feiertag bei den Moslems. Deshalb ist es auch nicht einfach, eine Schule zu finden, wo der überkonfessionelle Nikolaus aus Aidlingen Süßigkeiten und Stofftiere verteilen kann. Am Vortag hatten sie auf ihn gewartet. Doch da stand der Nikolaus ja im Regen.

Die Kinder kreischen und klatschen

Schließlich landet er in einem Viertel, wo viele Kinder hausen. Neugierig spicken sie aus Fenstern und schleichen aus Höfen. Die meisten barfuß und in Kleidern, die aussehen, als ob sie schon viele Kinder vor ihnen getragen hätten. Der Nikolaus öffnet seinen Koffer. Er zieht Lebkuchen heraus, Bonbons und Lutscher. Die Kinder werden immer mehr, und sie kommen immer näher. Der Nikolaus streicht über ihre Köpfe und schüttelt ihre Hände. Er packt sein Liederbuch aus. „Lasst uns fro-ho u-hund munter sein“, dröhnt es durch die sandige Straße. Die Kinder kreischen und klatschen im Takt. „Lustig, lustig, tra-la-la-la-laaa.“ Bonbonstimmung in Gaza. „Ich kämpfe für euch“, ruft der Nikolaus, als er davondüst. Die Kinder rennen hinter dem Auto her. Das nächste Mal, sagt Kimmig-Liebe, will er drei Tage in Gaza bleiben. Arme und Schwache gibt es hier viel zu viele.

Der historische Nikolaus hat zwischen 280 und 351 in der Türkei gelebt. Die Legende zeichnet ihn als temperamentvollen Streiter und gnädigen Menschenfreund. Kimmig-Liebe sorgt dafür, dass die Erinnerung an ihn lebendig bleibt. Der Schwabe wandelte bereits des Öfteren durch Patara, wo der Nikolaus geboren wurde. Er schritt durch Demre, das Myra hieß, als der Nikolaus dort als Bischof wirkte. Er ging durch Bari, wo die Gebeine des Heiligen vergraben sind. Selbstverständlich war Kimmig-Liebe auch beim Papst.

Verwirrung am Flughafen

Obwohl der historische Nikolaus auch ins Gelobte Land gepilgert war, wird sein nachfahrendes Abbild bei der Einreise in Tel Aviv nicht sehr herzlich empfangen. „Your Passport“, fordert der Wächter am Flughafen streng, Kimmig-Liebe soll zur Überprüfung seiner Identität den falschen Bart abnehmen. Der Nikolaus weigert sich, er will die Kinder in der Nähe nicht erschrecken. Minutenlange Diskussion, dann gibt er nach, und die Wächter erkennen nach eingehender Prüfung, dass die einzige Gefahr, die von Kimmig-Liebe ausgeht, seine kompromisslose Hilfsbereitschaft ist.

In Nazareth begrüßen die Armen und Schwachen den Nikolaus stürmisch. Sie warten im Flur ihrer Schule auf ihn. Manche der schwerstbehinderten Kinder tragen rot-weiße Zipfelmützen. Aus einem Lautsprecher rappelt „Jingle Bells“. Die Buben und Mädchen hüpfen um den Nikolaus herum, so gut sie können. Er tanzt mit ihnen. Er setzt sich neben sie. Er schenkt ihnen Streicheleinheiten und Schokolade. Manche schreien vor Schreck, wenn der große Mann näherkommt. Wenn er sie dann berührt, schreien sie vor Glück. Alle summen oder brummen mit, wenn der Nikolaus „Ihr Kinderlein kommet“ singt.

„Da kommt so viel zurück. Das gibt so viel Kraft“, sagt Kimmig-Liebe, der für seine ehrenamtliche Mission in der Adventszeit seinen Jahresurlaub nimmt. Für den Besuchsmarathon im Inland stellt ihm eine Mietwagenfirma aus Eschborn ein Dienstauto zur Verfügung. Eine Gebäckfirma aus Aachen finanziert die Reisen ins Ausland und stiftet Lebkuchen. Nach dem Besuch der 320 Kinder in Nazareth sind fast alle Süßigkeiten vernascht. Kimmig-Liebe muss einkaufen. Das ärgert ihn. Daheim stehen palettenweise gefüllte Schokoherzen, er konnte sie nicht mitnehmen: Die Fluggesellschaft wollte ihm keine hundert Kilo Freigepäck schenken.