Schwäbisch Hall Die Ankunft von Holbeins Madonna

Von  

Der Unternehmer Reinhold Würth hat ein zentrales Gemälde der Kunstgeschichte an den Kocher gebracht: die Schutzmantelmadonna von Hans Holbein.

Ein Ausschnitt aus Holbeins Schutzmantelmadonna Foto: Kunsthalle Würth
Ein Ausschnitt aus Holbeins SchutzmantelmadonnaFoto: Kunsthalle Würth

Schwäbisch Hall - Als wäre das Bild erst kürzlich fertig gemalt geworden, so brillant und farbintensiv erstrahlt Hans Holbeins „Schutz­mantel­­madonna“ in Schwäbisch Hall . Im Chor der Johanniter­kirche, wo bis Anfang Januar noch Werke des Bildschnitzers Tilman Riemenschneider aus dem Berliner Bodemuseum zu Gast waren, hat sie nun auf Dauer einen Ehrenplatz in einer Klimavitrine bezogen – doppelt ge­sichert hinter Glas und einer die Besucher auf Abstand haltenden Schranke. Die Himmelskönigin, bis zur spektakulären Erwerbung durch den Künzelsauer Schraubenkönig und Kunstsammler Reinhold Würth im letzten Sommer als Leihgabe des Hauses Hessen im Frankfurter Städel ­daheim, wird am 22. Januar um 17 Uhr mit einem Festakt in der St.-Michael-Kirche an ihrem neuen Wohnort begrüßt und kann danach in der Johanniterkirche bis 22 Uhr besichtigt werden – vorausgesetzt, dass man es schafft, eine Einlasskarte zu ergattern. Regulär empfängt die Madonna Besucher dann vom 24. Januar an.

Sie sticht schon hervor aus der Sammlung altdeutscher Meister, die – ursprünglich hauptsächlich aus Fürstlich Fürstenbergischem Kunst­besitz stammend – die von Würth zum Museum ungewandelte Johanniterkirche bevölkern. Nicht nur weil die Schutzmantelmadonna, die Hans Holbein d. J. zwischen 1525 und 1528 im Auftrag des Basler Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen schuf, so ein exzeptionelles Kunstwerk ist – von der Kunst­geschichte als ranggleich mit Raffaels „Sixtinischer Madonna“ in Dresden erachtet –, sondern auch weil sie bereits die Schwelle zu einem anderen Zeitalter überschritten hat.

Das Bild ist streng katholisch

Überdeutlich wird das an der kleinen „Verkündigung an Maria“ eines oberrheinischen Meisters aus dem Jahr 1468, die nun ebenfalls im Chor hängt. Winzig klein knien auf dieser rund sechzig Jahre älteren Tafel die Stifterfigürchen am linken unteren Bildrand. Von der Renaissance, die südlich der Alpen die Kunst erneuert hatte, war diesem Meister noch nichts zu Ohren und vor Augen gekommen. Auch die „Geburt Christi“ von Holbein senior zur Linken der Madonna kündet noch von diesem mittelalterlichen Geist.

Sein Sohn Holbein junior dagegen, vermutlich 1497 in Augsburg geboren und seit 1515 in Basel beheimatet, ist voll auf der Höhe seiner Zeit, ist in Frankreich am Hof Franz I. Werken Leonardo da Vincis und seines Schülers Andrea Solario begegnet, hat Werke französischer, niederländischer und frankoflämischer Maler kennen­gelernt. All diese Einflüsse gehen in sein letztes „katholisches“ Gemälde ein: Gemäßigtes „sfumato“ und leonardohafte Köpfe kennzeichnen die Gottesmutter, das Christuskind auf ihrem Arm, den nackten Johannesknaben und den ihn stützenden Knaben. Die Stifter­figuren folgen hingegen der altdeutschen Bildnistradition, aber welch ein Unterschied zu dem Verkündigungsbild! Die Personen sind maßstäblich den Heiligen gleich­gesetzt, ihre Gesichter ungemein lebensechte Porträts – nicht von ungefähr stieg Hans Holbein später zum Porträtisten und Hofmaler des englischen Königs Heinrich VIII. auf.

Als Jacob Meyer zum Hasen das Gemälde in Auftrag gab, war der Rat der Stadt Basel bereits calvinistisch dominiert, der katholische Bürgermeister wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit in einer politischen Krise. Das Bild muss daher als ein pronociertes Bekenntnis zur antireformatorischen Haltung Meyers gelesen werden: Die Anbetung Mariens als Himmelskönigin, die schützend ihren Umhang um die Gläubigen legt – daher stammt der Name „Schutzmantelmadonna“ – war bei den Bilderstürmern der Reformation verpönt.