Schwäbische Weinstuben Über die vollständige Abwesenheit von Eile

Anna Katharina Hahn, 14.12.2012 16:35 Uhr

Stuttgart - Als ich meine erste Weinstube betrat, war ich noch nicht alt genug, um dort zu trinken. Aber staunen konnte ich über diesen Ort, dessen Bild mir im Gedächtnis haftet wie die monumentale Abendmahlsdarstellung von der Hand eines italienischen Meisters. Dabei stammt meine Vision aus Heilbronn am Neckar, aus einer Wirtschaft mit dem Namen ‚Zum Lamm‘, und neben Schauspielern und Zeitungsleuten kehrte auch mein Großvater, der Regisseur Georg Hahn, damals dort ein. Auf dem rissigen Ölgemälde meiner Erinnerung dringt goldenes Licht durch einen dunklen, von weißschlierigen Tabakwolken durchzogenen Himmel und auf die Landschaft darunter: einen unendlich langen, von Flaschen, Gläsern, Aschenbechern und Vesperplatten besetzten Holztisch, um den herum sich eine Runde von Menschen mit begeisterten Gesichtern versammelt hat. Sie tranken und redeten.

Ich durfte eine Weile dazwischenrutschen und mich wundern: über das unendliche Debattieren und Räsonieren, Schwätzen, Bruddeln und Quatschen, in das völlig Fremde ebenso selbstverständlich einbezogen wurden wie Stammgäste; über das Klirren der bauchigen grünhenkeligen Viertelesgläser, die Farben des Weins, der in ihnen kreiste – durchscheinendes Gold, helles Rot, tiefstes Purpurschwarz – , das Aufschnalzen der Feuerzeuge und die vollständige Abwesenheit von Eile. Zeit schien hier drinnen nichts mehr zu bedeuten.

Die Weinstube als Stätte des Trostes

Dieses Urbild aller Weinstuben, das mir vor Augen stand, als ich mir das Lokal ‚Zur Schlange‘ für meinen letzten Roman ‚Am Schwarzen Berg‘ zusammenträumte, enthält alles, was die Magie dieses Ortes ausmacht.

Die Weinstube ist eine Stätte des Trostes und der Selbstvergewisserung, in die man als unzufriedener und zerfahrener Mensch einkehrt, um einige Stunden später als ein Versöhnter heil und ganz hinauszutreten in die Welt mit all ihren Unwägbarkeiten und Zumutungen.

Um diese Tröstung möglich zu machen, die man sonst nur in Tempeln, Kirchen und Kapellen findet, also in geweihten Stätten, wo ein guter Geist regiert, bedarf die Weinstube unverwechselbarer Merkmale.

Eine Weinstube darf weder taghell, noch weitläufig, noch besonders stylish eingerichtet sein. Es sollte eine gewisse Dämmerung herrschen, die aber nichts mit Düsternis oder Schwärze zu tun hat. Erforderlich ist ein heimeliges herbstbraunes Dunkel, aus dem hier und da ein warmes, birnengelbes Licht aufscheint. Trauliche Enge, die die Gäste zu späterer Stunde näher zusammenrückt, und ein unverwechselbarer Geruch, der hinter dem üblichen Speisenduft alle Jahrgänge hier ausgeschenkter und noch auszuschenkender Weine heraufbeschwört, gehören ebenfalls dazu.

Jeder sollte seine persönliche Weinstube haben

Holzvertäfelte Wände und Decken oder die starken Mauern eines Kellergewölbes sind in den meisten Weinstuben zu finden. Beides zeugt weder von Rustikalität noch von Rückwärtsgewandtheit, sondern deutet jenen Abstand an, den der Besucher zwischen sich und den Rest der Welt setzen muss, um sich auf die beiden Mittel zu konzentrieren, die ihm sein wahres Selbst wiedergeben: die Getränke und die Gespräche.

Jeder Mensch, ob jung oder alt, sollte seine persönliche Weinstube haben, in der er mit Namen begrüßt wird, wo er Einkehr halten und sich aufrichten lassen kann, wenn ihm die Welt zu weit oder zu eng geworden ist.

Stuttgart besitzt, was für ein Glück, noch ein paar dieser seligen Orte, so dass meine Forderung – im Gegensatz zu vielen anderen – nicht utopisch sein dürfte.