Schwäbische Wirtschaftspioniere in den USA Mit Businessplan nach Übersee

Von Akiko Lachenmann 

Sie kamen aus Süddeutschland und wurden in Amerika zu legendären Unternehmern: Ignaz Schwinn, Emanuel Bronner und Henry Miller.

„Bärbeißig wie ein Bulldogge“: Ignaz Schwinn im Kontor  mit Sohn Frank Foto:  
„Bärbeißig wie ein Bulldogge“: Ignaz Schwinn im Kontor mit Sohn FrankFoto:  

Hardheim - Er gilt als der Henry Ford des Fahrrads. Der Fahrradfabrikant Ignaz Schwinn (1860– 1945) war ein starrköpfiger Mann, der seine Ziele beharrlich verfolgte. Verwandte verglichen ihn mit einer „kleinen, bärbeißigen Bulldogge“. Schon als Schwinn mit seiner Ehefrau 1891 seine Heimatstadt Hardheim im Odenwald verließ, hatte er im Gegensatz zu anderen Auswanderern einen genauen Plan. Zweiräder wollte er bauen. Nicht die mannshohen Throne, von denen so mancher kopfüber runterstürzte. Die niedrigen, wendigen mit zwei gleich großen Rädern, die kaum einer beachtete.

In Deutschland hatte der ambitionierte Schwinn alles erreicht. Er war der Manager des Frankfurter Fahrradfabrikanten Heinrich Kleyer und hatte einen der ersten rautenförmigen Rahmen entwickelt, wie man ihn bis heute fährt. Doch ihm spukten noch mehr Ideen durch den Kopf, er träumte etwa von einer Hinterachse mit einer arretierten Kurbel, die als Bremse dienen könnte. Die Prozesse in der Fabrik waren Schwinn zu behäbig. Er wollte dahin, wo eine andere Dynamik herrschte, wo man in Clubs über das Radfahren philosophierte und auch Frauen in Pluderhosen in die Pedale traten: Amerika.

Sein Ziel war Chicago. Mit einem Empfehlungsschreiben von Kleyer in der Tasche erhielt er sofort eine Anstellung in der florierenden Fahrradindustrie. Vier Jahre arbeitete er für namhafte Fabrikanten, dann gründete er mit dem deutschen Bankier Adolf Arnold die Firma Arnold, Schwinn & Co. In kürzester Zeit deckten sie den gesamten Markt ab, vom günstigen Leichtrad über Mehrsitzer bis zum hochpreisigen Rennrad.

Das Ende der goldenen Zeiten

Die Zeit um die Jahrhundertwende stellte Schwinns Flexibilität dann auf eine harte Probe. In Deutschland meldete ein gewisser Carl Benz einen Motorwagen zum Patent an. Das Interesse an Fahrrädern schwand rapide, die verzweifelten Fabrikanten mussten ihre Räder verschleudern, teilweise für weniger als 15 Dollar. Schwinn sah das Ende der Fahrrad-Ära jedoch rechtzeitig kommen, ebenso sein Partner Arnold, der das Handtuch warf und sich ausbezahlen ließ.

Aufgeben war für Schwinn jedoch keine Option. Er verlagerte seine Fabrik an einen günstigeren Standort und spezialisierte sich auf Kinderfahrräder. Schwinn begeisterte sich auch für die motorisierte Form des Zweirades und kaufte 1911 die bankrotte Motorradfabrik Excelsior Supply Company und 1918 die Motorradfabrik Henderson auf. Noch einmal erlebte er Boomjahre. Bis Henry Ford Autos für 435 Dollar feilbot. Das war 1929, kurz vor der Weltwirtschaftskrise. Schwinn war fast 70 Jahre alt und müde. Er trommelte die engsten Mitarbeiter der Motorradfabrik zusammen und sagte in seiner direkten Art: „Gentlemen, heute hören wir auf.“

Der alte Herr mit dem weißen Schnauzbart erlebte einen glücklichen, 17 Jahre währenden Ruhestand. Fast täglich besuchte er seine alte Fahrradfabrik, die sein einziger Sohn Frank weiterführte. Zum Geschäft trug er mit Designs bei, die er mit dem Stock in den staubigen Boden gezeichnet haben soll. Bei Geschäftsterminen spielte er die Rolle des liebenswerten Weisen, der den Damen in der Firma auch mal eine Rose auf den Schreibtisch legte. Der alte Firmenchef durfte noch miterleben, wie sein Sohn die Marke Schwinn erneut zum Bestseller machte. Frank Schwinn führte als erster Luftreifen und eine lebenslange Garantie auf den Rahmen ein. 1941 verkaufte die Firma allein 346­ 000 Fahrräder.

Ignaz Schwinn starb 1945 mit 85 Jahren nach einem Schlaganfall. Ein halbes Jahrhundert später meldete die Firma, die in Familienhand blieb, nach einer Serie von Fehlentscheidungen Insolvenz an. Die Marke Schwinn existiert bis heute. Die Rechte hat heute der Massenkonzern Dorel Industries, der neben Fahrrädern auch Babytrinkflaschen und Sofas verkauft.