Schwarz und Grün im Interview Die Andersdenker
Holger Gayer, 24.09.2010 14:38 Uhr
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Gespiegelte Meinungen: Jochen Alber (links) und Stefan Faiß Foto: Steinert
Gespiegelte Meinungen: Jochen Alber (links) und Stefan Faiß Foto: Steinert
Stuttgart - Längst scheint es in der Stadt nur noch zwei Lager zu geben: Die Freunde von S 21 versammeln sich hinter der CDU, die Gegner hinter den Grünen. Im Gräbele liegen die Sozialdemokraten - und zwei Juristen, die sich aus der Umklammerung ihrer Parteien befreit haben. Der Grüne Stefan Faiß bekennt sich zu Stuttgart 21, das CDU-Mitglied Jochen Alber erlaubt sich Kritik daran.

Meine Herren, kann es sein, dass Sie sich im Parteibuch vertan haben?


Alber:
Überhaupt nicht. Auch in Sachen Stuttgart 21 bin ich grundsätzlich mit der Politik der CDU einverstanden. Ich habe lediglich in einzelnen Punkten eine etwas abweichende Meinung.

Die da wäre?


Alber:
Mir geht es vor allem darum, dass wir in Stuttgart einen Hauptbahnhof haben, der zum Weltkulturerbe hätte werden können, wenn nicht der Nordflügel abgerissen worden wäre. Auch wenn ich es für richtig halte, die Gleise unter die Erde zu verlegen, hätten wir den kompletten Bonatz-Bau erhalten sollen.

Herr Faiß, da kann ein Grüner kaum widersprechen, oder?


Faiß:
Nein. Wobei ich mir nicht anmaße, für meine Partei zu sprechen. Ich vertrete zwar zu 90 Prozent die Ideen, die die Grünen haben. In Sachen Stuttgart 21 habe ich aber eine andere Meinung.

Sie sind dafür?


Faiß:
Ich bin überzeugt davon, dass es jetzt keine Alternative dazu gibt. Vor 15 Jahren war das anders. Ich hätte mir gewünscht, dass man damals eine Lösung gefunden hätte wie sie in Leipzig oder Zürich gemacht wird. Dort belässt die Bahn ihre Kopfbahnhöfe und baut zusätzlich Durchgangsstationen. Das hätte man in Stuttgart auch tun können, meinetwegen nur mit sechs Gleisen für den Fernverkehr.

K 21 ist keine Alternative?


Faiß:
Dem Grunde nach ist K21 nicht schlecht. Nur ist es jetzt nicht mehr verwirklichbar. Wir stehen nun vor der Entscheidung: entweder Stuttgart 21 mit der Neubaustrecke oder Stuttgart 19 - also nichts. Denn seien wir ehrlich: ich glaube nicht, dass sich die Gegner von Stuttgart 21 jetzt noch auf ein realisierbares Konzept einigen könnten. Im Moment sind sich die Beteiligten im Aktionsbündnis nur darin einig, dass sie Stuttgart 21 nicht wollen. Bei der Neubaustrecke sieht das schon anders aus, da sagen auch viele Gegner, dass sie gebraucht wird.

Das taten einst auch die Grünen. Warum sind Ihre Parteifreunde plötzlich gegen die Neubaustrecke?


Faiß:
Da geht es natürlich um die Kosten. Daher muss man der Bahn vorwerfen, dass ihre Kalkulationen immer noch nicht einsehbar sind. Das ist bei dem von den Grünen in Auftrag gegebenen Gutachten von Vieregg und Rößler anders. Da ist alles transparent. Insofern trägt die Bahn eine gehörige Mitverantwortung an dem Volksaufstand, den wir hier im Moment haben. Trotzdem müssen wir den Mut zum Neubau haben. Ohne diese Risikobereitschaft hätten wir auch keine Schnellbahntrasse nach Mannheim und keine ICE-Trasse von Frankfurt nach Köln. Auch die sind leider deutlich teurer geworden. Aber heute profitieren wir davon.

Wenn Sie das hören, müsste dem CDU-Mitglied Alber das Herz aufgehen, oder?


Alber:
Durchaus. Wenn man den Bahnhof in seinem heutigen Zustand anschaut, dann kann man nicht übersehen, dass wir etwas tun müssen. Die Alternativkonzepte sind nicht fundiert und scheiden deswegen aus. Nur in einem Punkt würde ich noch weiter gehen als Herr Faiß: ohne Mut hätte es auch den heutigen Hauptbahnhof nie gegeben. Denn auch der Bonatz-Bau hat in der Planung und später in seiner Bauzeit erheblichen Widerstand in der Bevölkerung hervorgerufen.

Trotzdem fordern Sie einen Baustopp und stellen sich damit gegen die CDU?


Alber:
Nein, das tue ich nicht. Ich sage nur, dass man mit dem Abbruch des Nordflügels hätte warten sollen, bis die Urheberrechtsklage von dem Bonatz-Erben Peter Dübbers entschieden ist. Die mündliche Verhandlung findet am 6. Oktober statt.

Kommentare (14)
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SEP
25
C. Wenzel, 17:16 Uhr

über den brutalstgrößten Schatten springen!

Ich bin schon im Trainingslager. In der Disziplin Weitsprung werde ich mich besonders entwickeln müssen. Aber das ist nicht schlimm, denn ich habe Zeit bis März. Erst dann muss ich über einen riesigen Schatten springen. Und Links wählen.

SEP
25
volker s., 11:28 Uhr

ganz nett, aber....

Alber: Mir geht es vor allem darum, dass wir in Stuttgart einen Hauptbahnhof haben, der zum Weltkulturerbe hätte werden können, wenn nicht der Nordflügel abgerissen worden wäre. ---- Ich bezweifle ganz stark, dass der Bahnhof zum Weltkulturerbe hätte werden können. Auch bin ich der Meinung, dass eine Stadt es sich nicht leisten kann eine so große Fläche mitten in der Stadt, eine Fläche die dringend zur Entwicklung der Stadt benutzt werden muss zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Was man an den Problemen in Köln und Dresden deutlich sah. Innsbruck hat sich geweigert Teile ihrer Stadt zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Aus gutem Grund. Faiß: Ich hätte mir gewünscht, dass man damals eine Lösung gefunden hätte wie sie in Leipzig oder Zürich gemacht wird. Dort belässt die Bahn ihre Kopfbahnhöfe und baut zusätzlich Durchgangsstationen. ---- Dann hätte man die dringend benötigte Fläche für die Stadtentwicklung trotzdem nicht gehabt. Auch in Zürich ist man mit dem jetzigen Zustand den Herr Faiß so lobt nicht zufrieden. Zürich leidet an dieser Stelle unter Platznot. Schon in den 60ern wollte man einen Durchgangsbahnhof. Seitdem wird aufwändig und teuer umgebaut, was in Zürich kaum einen zufrieden stellt. Die Lösungen die man mit viel Geld gebaut hat sind unbefriedigend. Alber: Ich kann die Argumentation, dass der Abriss der Seitenflügel der Stadtentwicklung ganz neue Perspektiven gibt, nicht so stehen lassen. Tatsache ist, dass der Bahnhof in seiner heutigen Form das Stadtbild Stuttgarts maßgeblich geprägt hat und dies noch immer tut. ---- Doch, der Abriss der Seitenflügel ergibt ganz neue Perspektiven. Blieben die Seitenflügel stehen hätten wir weiterhin die Trennung zwischen Park und Bahnhof, bzw. zwischen Park und den neuen Stadtteilen auf A1 und A2. Die Seitenflügel würden aus dem Gelände zwischen bestehendem Bahnhof und neuem Stadtteil auf A2 einen Innenhof machen. Alber: Fachleute wie der renommierte Bauingenieur Jörg Schlaich sehen das ganz anders. Er sagt, dass die Tieferlegung des Bahnhofs nicht an den Seitenflügeln scheitern würde. Selbst im heutigen Stadium wäre es noch möglich, den Südflügel zu erhalten. Der Mehraufwand würde sich zwischen 50 und 100 Millionen Euro bewegen. ---- 50 bis 100 Millionen Euro für eine schlechtere Lösung. Faiß: Zumindest an der Spitze der Bewegung für die Neubaustrecke, ja. An diesem Punkt verstehe ich meine Partei vor allem in der Vehemenz des Widerstands nicht. ---- Die Grünen wollen den Ministerpräsidenten stellen. Demgegenüber hat alles andere zurück zu stehen. Egal wie sinnvoll es ist. Eben auch die Neubaustrecke. Faiß: Man wird nach der Landtagswahl sehen, wer mit wem regiert. Die Grünen sind jedenfalls klug genug, dass sie das Ende des Projekts nicht versprechen. ---- Gerissen genug würde es meiner Meinung nach besser treffen. Alber: Es wäre der Redlichkeit geschuldet, wenn die Grünen dies vor der Wahl auch deutlich zum Ausdruck brächten. ---- Redlichkeit ja, aber dann würden sie ja nicht gewählt. Ich bin gespannt wie die Grünen (sollten sie den MP stellen) ihren Wählern erklären, dass S 21 und die NBS trotzdem gebaut wird.

SEP
25
mainzelmännchen, 08:10 Uhr

@Klartext, Rückläufig...

...sind sowohl der Personenfern-als auch -nahverkehr. Statt mit S21 den Personennahverkehr zu verbessern tut man das Gegenteil: Man will für Stuttgart als Zielbahnhof einen völlig ungeeigneten Transitbahnhof bauen. Bezahlbare Wohnungen? Die werden nicht gebaut bei Grundstückspreisen zwischen 5000 und 7000€ . Steuermillionen, die wir angeblich "geschenkt" bekommen von EU und Bund: Die bezahlen wir alle durch Steuern doch selbst - und sollen sie jetzt für ein unsinniges Projekt ausgeben? Die topographische Situation Stuttgarts mit der politischen Mauersituation Berlins zu vergleichen scheint mir doch sehr weit hergeholt - und soll wohl eher der Begründung für die Blockriegelbebauung mit gigantischen Spekulationsimmobilien auf dem Gleisvorfeld dienen. Rückständig schließlich ist das lebensfeindliche, hochhausartige Zubetonieren unserer Städte mit den immer gleichförmigen Einkaufstempeln mit den immergleichen Kettenläden und ihrem Chinaschrott, die mit Billigarbeitskräften und prekären Arbeitsverhältnissen den überflüssigen Konsummüll unters Volk bringen wollen - gigantischer Renditen wegen. Schöne, neue Welt der Rückständigkeit - dank ECE-Centern, Librarys und Centurys und dem geplanten Schsuterturm.

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