Schwester Gabi
In Gottes Namen
Michael Ohnewald,
31.01.2010 15:29 Uhr
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Schaut her, so geht’s: an der Stationspuppe zeigt die Lehrerin ihren Pflegeschülern den Umgang mit kranken Menschen. Foto: Stoppel
""Jesus ist es wert. Das sage ich als jemand, der schwach ist.""
Schwester Gabi über ihren Weg
Manchmal sind es nur wenige Sekunden, in denen sich alles ändert. Man weiß nicht warum. Es passiert einfach. Gabi Strobel erlebt diese Sekunden am 20. Oktober 1984. Danach spürt sie eine seltsame Gottesliebe. Sie ist jetzt nicht mehr allein in Brasilien.
Nach der Schule hatte sie ein halbes Jahr beim Daimler am Band gejobbt und nebenbei Portugiesisch gelernt. Das zahlt sich aus, wenn sie mit den Fischern plaudert und auch bei ihren Touren durchs Land. Einmal fährt sie in den Urwald. Da stapft aus dem Unterholz ein weißer Mann. Er heißt Karl-Heinz Berger, ist Missionar und stammt wie sie aus Schwaben. Hübscher Zufall. "Was willst du später machen", fragt er. Sie denkt an ein Theologiestudium. Er sagt: "Du kannst auch zu den Diakonissen nach Aidlingen gehen, wenn du Gott kennenlernen willst."- "Ich bei den Schwestern?", schießt ihr durch den Kopf. Alles in ihr sträubt sich gegen diesen Gedanken. Bloß nicht!
Ein Leben ohne Mauern
Gabi Strobel, Jahrgang 1965, schwebt ein anderes Leben vor, ein freies, eins ohne Mauern. Sie hat eine Schwester, zwei ältere Brüder und eine Menge Freunde. Zu Hause in Scharnhausen spielt sie Tennis. Sie geht surfen, fährt Ski, tanzt in Discotheken. "Konform-Uniform-Chloroform." Nein Danke! Es ist die Zeit von Manfred Mann, Pink Floyd und Supertramp. "Breakfast in America". Die Welt lockt.
Das tut sie noch immer. 25 Jahre später sitzt Gabi Strobel, Hocksteckfrisur, randlose Brille, an einem Holztisch in Nürtingen und redet über die Frau, die sie einmal war. "Von guten Mächten wunderbar geborgen", steht auf einer bunten Karte, die an der Türe hängt. An der Wand tickt eine gelbe Uhr. In der Ecke lehnt eine Gitarre.
Ihre Hände tanzen, wenn sie von ihrer Performance erzählt, wie man heute sagen würde. Wie kann sich ein Mensch nur so verändern? Gabi Strobel holt tief Luft wie eine japanische Perlentaucherin. Dann erzählt sie. Die Geschichte einer tiefen inneren Rebellion, von der lange nicht absehbar war, wie sie enden würde.
"Ach Brasilien", schwärmt die Reisende und taucht in die Vergangenheit ein. Nach acht Monaten ist sie damals zurückgeflogen. Umgeben von einem betörenden Sog, der vorher nicht da war. Zu Hause wartet Vater Helmut, der beim Daimler arbeitet. Er hat gute Nachrichten. Ein Studienplatz in Tübingen ist seiner Tochter sicher.
Alles, bloß das nicht
Aus Neugier schaut sie sich das Diakonissenmutterhaus in Aidlingen an, von dem der Missionar gesprochen hatte. Dort begegnet sie Schwester Hede von der Bibelschule. "O Gott", denkt die Besucherin. "Keine zehn Pferde würden mich an diesen Ort bringen." Ehelosigkeit, Gütergemeinschaft, Einheitskluft. Alles, bloß das nicht.
Gegen diesen Weg spricht vor allem ein junger Mann, der sich in sie verliebt hat. Sie kann sich vorstellen, mit ihm zu leben. Eine Familie, Kinder? Warum nicht. Der Freund nimmt die Suchende mit nach Ludwigsburg, wo er studiert. Auf der Karlshöhe werden Diakone ausgebildet. Zufällig begegnet ihr eine Professorin, der sie von sich erzählt. Ludwigsburg oder Tübingen? "Gehen Sie doch mal nach Aidlingen", rät die Frau.
Das Alte versinkt, das Neue entsteht. Irgendwo dazwischen ist Gabi Strobel, unsicher und zweifelnd. Gleich zwei Menschen haben ihr die Bibelschule in Aidlingen empfohlen. Widerwillig ruft sie dort an. Die Ausbildung zur Religionspädagogin, das weiß sie, ist seit langem ausgebucht. "Sie haben aber Glück", sagt Schwester Christa am anderen Ende der Leitung. "Gestern hat uns jemand abgesagt. Ein Platz wäre noch frei."
So viele Zeichen. Gabi Strobel entscheidet sich für die Exkursion zu Gott. Religiöse Askese in der Bibelschule. Es dauert nicht lange, bis sich Zweifel in ihre Gedanken schleichen. Die Schwestern wirken unnahbar. Alles schmeckt unvertraut. Sie ringt mit sich und fühlt, wie der Einspruch stärker wird. Ernsthaft denkt sie darüber nach, ihre Koffer zu packen. Zurück nach Brasilien. Als es kaum noch auszuhalten ist, betet sie in einem nahen Wald. "Vater unser, dein Wille geschehe." Wieder ist danach alles beim Alten und doch anders. "Plötzlich sah ich die Schwestern mit anderen Augen."
Eltern und Freund sind erschüttert
Sie bleibt. Ihren Freund bittet sie, ein halbes Jahr lang nicht zu schreiben. Das fällt ihr unendlich schwer. "Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen", heißt es im Lukasevangelium. Am 27. Januar 1988 passiert, womit sie nie gerechnet hat. Etwas, das man mit Worten nicht erklären kann. Im Unterricht wird ein Stück von Dietrich Bonhoeffer besprochen. "Diesen Weg zu gehen ist nicht Elend und Verzweiflung, sondern Erquickung, Ruhe für die Seelen, ist höchste Freude. Hier sind wir seiner Nähe und Gemeinschaft gewiss." Ihre Nebensitzerin ist über dem Text eingeschlafen. Gabi Strobel aber wacht auf. "Ich rannte raus und weinte", sagt sie im Rückblick. "Das war der bewegendste Moment in meinem ganzen Leben."
Von dieser Stunde an ist ihr klar, dass sie Diakonisse werden will. Sie gesteht es dem Freund, und sie sagt es ihren Eltern. Beide sind erschüttert. Ihre Tochter ist gerade erst 22 geworden. "Das war wie bei meiner Beerdigung." In vier Wochen, gibt sie bekannt, stehe die Einsegnung an. Der Freund nimmt es hin, die Familie protestiert. Mutter Hildegard fährt mit Bruder Jochen sofort zur Oberin nach Aidlingen. Gabi Strobel würde am liebsten im Boden versinken. Am Ende setzt sich der Familienrat durch. Ein Jahr soll sich die Tochter noch prüfen.
In dieser Zeit setzt ihr vor allem der Bruder zu. "Willst du wirklich nie heiraten?", fragt er. "Willst du keine Kinder?" Sie ist sich sicher. Die Familie spürt, dass sie von einer inneren Quelle bewässert wird, die sich nicht umleiten lässt. Am 24. März 1988 ist es so weit: Gabi Strobel wird Schwester Gabi. Die bunten Blusen bleiben im Schrank. Dort hängt von jetzt an die grau-schwarze Tracht der Ordensfrau.
Ende Januar, es schneit. Mit der Unbeschwertheit derer, die nicht schön sein wollen, es aber sind, sitzt Schwester Gabi in ihrem Büro. Mit ihrer Geschichte ist sie in der Gegenwart angekommen. Sie ist jetzt Lehrerin, stellvertretende Leiterin der Gesundheits- und Krankenpflegeschule in Nürtingen. Das hat sich so gefügt.
Krankenhausschwester in der Chirurgie
Nach der Einsegnung hatte ihr die Mutter Oberin eine Lehre empfohlen. Schwester Gabi wurde Schwester im Krankenhaus, arbeitete in der Chirurgie, sah dort Dinge, die jenseits dessen liegen, was man sich vorstellen mag. Ihr Glaube hat sie getragen, auch wenn er manchmal angefochten war.
Die Fromme im Habit versah ihr Amt still und im Einklang mit sich. Mitte der neunziger Jahre wurde sie in Marburg zur Lehrerin für Pflegeberufe ausgebildet. Danach studierte sie Pflegepädagogik. Ihre neue Clique füllt sie aus. Der alten begegnete sie beim Abitreff. Einige rieben sich die Augen. Als sie ging, sagte einer, der ihr wichtig war: "Du bisch trotzdem noch Du."
Mit den Jahren wurde aus Schwester Gabi eine Art Fräulein Smilla für versteckte Botschaften. Sie entwickelte ein feines Gespür für Momente, in denen sich Dinge ändern. Vor zwei Jahren gab es wieder einen solchen Moment. Sie steuerte gerade ihr Auto nach Karlsruhe und sinnierte im Dialog mit dem Herrn über den Pflegenotstand. Da spürte sie plötzlich wieder das "Du". Diesmal ging es nicht um ihren Weg, diesmal ging es um einen anderen. "Es war, als wollte er mir sagen: setz dich ein!"
Von da an war sie nicht mehr still. Die Gottesfrau leistete irdischen Widerstand. Mit Kollegen verfasste sie eine Studie über die Motivation angehender Pflegekräfte und forderte die Politik auf, mehr zu tun. Sie impfte ihren Schülern ein, dass sie nicht nur Anhängsel der Medizin sind. Sie entwickelte neue Lehrpläne und eine Modellstation. Sie ermutigte Kollegen, sich in einer alternden Gesellschaft mehr Gehör zu verschaffen. "Die Zahl derer, die gepflegt werden müssen, wächst bis 2020 um 50 Prozent", sagt die Häubchenschwester und verengt ihre Augen dabei zu Schlitzen, als wolle sie zielen. "Wenn wir heute nichts tun, droht morgen ein Fiasko." Die Gesellschaft dürfe die Pflegenden nicht alleinlassen mit dem Wahnsinn. "Immer nur abhaken, das macht die Leute doch kaputt."
"Unsere Rebellin"
Mitschwestern nennen die smarte Diakonisse liebevoll "unsere Rebellin". Sie selbst sieht sich eher als brave Dienerin. "Ich bin davon überzeugt, dass Gott Menschen sucht, die in den Riss treten." Das ist keine leichte Aufgabe. "Manchmal gibt es auch bei mir Stunden, in denen ich mir ein anderes Leben wünsche, eines mit Partnerschaft und Familie", bekennt sie. "Aber Jesus ist es wert. Das sage ich als jemand, der schwach ist und kämpft."
Sie wird weiterkämpfen. "Der Mensch ist wichtiger als ein Auto", schimpft sie. Und will damit sagen: wir waschen das Salz vom Lack, polieren, schmieren. Für kranke Menschen bleibt oft weniger Zeit.
Es ist spät geworden. Die Arbeit ruft. Sie muss noch ihre neuen Mails lesen. "Hast du keine Angst, dass vielleicht alles umsonst ist?", hat ihr neulich eine gute Freundin geschrieben. Schwester Gabi zuckt mit den Schultern. Sie sieht aus, als hätte sie die Antwort längst gefunden.
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:-)
Ich habe 1984 mit Gabi Abitur gemacht und war gut mit ihr befreundet. Seit 1986 lebe ich inzwischen in Düsseldorf und habe den schönen Artikel durch Zufall am Wochenende während eines Besuchs bei meiner Mutter in Stuttgart gelesen - ich habe mich sehr über die schöne Reportage und die sinnvolle Arbeite gefreut. Vielen Dank!
wow
schön, dass Sie so klasse drüber reden können. Habe meine Ausbildung bei ihr gemacht und viel gelernt.
Schwester Gabi
kranken Dienst ist kein Gottesdienst, arbeit mit Menschen die sehr krank sind geht über diesen Bericht hinaus. Bezahlen kann keiner diese Leistungen.