Schwimmen ist in Mannheim nicht erlaubt Badeverbot am Rhein erregt die Gemüter

Von Johanna Eberhardt 

Das Mannheimer Strandbad wurde 1929 eröffnet und wird seitdem geliebt. „Das Mannheimer Strandbad ist das schönste in ganze Deutschland“, behauptet der Verein der Strandbadfreunde. Einziger Wermutstropfen: ins Wasser darf man dort, im Gegensatz zu etlichen Rheinabschnitten in anderen Städten, seit 1978 nicht mehr.

Auch in früheren Tagen war  der etwa einen Kilometer lange Mannheimer Lido mit seinem flachen Strand aus feinem Rheinkies, seinem klarem Wasser und den mächtigen Bäumen   ein Marktplatz für Eitelkeiten. Foto: Stadtarchiv Mannheim/ISG Montage: Miller, Rötgers
Auch in früheren Tagen war der etwa einen Kilometer lange Mannheimer Lido mit seinem flachen Strand aus feinem Rheinkies, seinem klarem Wasser und den mächtigen Bäumen ein Marktplatz für Eitelkeiten. Foto: Stadtarchiv Mannheim/ISG Montage: Miller, Rötgers

Mannheim - Fast 90 Jahre sind vergangen, seit die Stadt Mannheim ihr großes Strandbad am Ufer des Rheins an die Bürger übergeben hat. „Groß und klein, Arm und Reich“ strömten herbei um sich in den Fluten des Flusses abzukühlen und ihre „Industrielungen“ durchzulüften, als es im August 1929 eröffnet wurde; so ist in alten Berichten nachzulesen. Vom ersten Tag an hat der etwa einen Kilometer lange Lido mit seinem flachen Strand aus feinem Rheinkies, seinem klarem Wasser und den mächtigen Bäumen im Hintergrund die Besucher in Scharen vor die Tore der Stadt gelockt. Die Badegäste kamen per Bus, per Schiff oder Fahrrad, der Eintritt war frei. Sage und schreibe 40 000 wurden an einem einzigen Augustsonntag 1932 gemeldet. „Es war wirklich ein großes Glück, dass Tausende sich ständig im Wasser aufhielten“, notierte ein Berichterstatter. „Sonst wäre am Ufer keine Bewegungsfreiheit mehr möglich gewesen.“

Bis heute sind die „Freunde des Mannheimer Strandbades“, die sich in einem Förderverein zusammengeschlossen haben, überzeugt: „Das Mannheimer Strandbad ist das schönste in ganze Deutschland.“ Nur ins Wasser darf man dort, im Gegensatz zu etlichen Rheinabschnitten in anderen Städten – auch im gegenüberliegenden Ludwigshafen –, schon lange nicht mehr. 1978 hat die Stadt per Rechtsverordnung ein rigoroses Badeverbot erlassen. Demnach ist in Mannheim, wo man so stolz ist auf die Lage an Rhein und Neckar, das Baden an allen Ufern beider Flüsse auf ganzer Länge strikt untersagt – auch in dem weithin einmaligen Strandbad.

Begründet wurde dies seinerzeit mit der schlechten Wasserqualität. Doch die hat sich dank neuer Kläranlagen und der Verringerung von Industrieabwässern längst wieder deutlich gebessert. Das hat zuletzt auch die Untersuchung des Chemieprofessors Andreas Fath aus Furtwangen bestätigt, der vor einem Jahr den Rhein von der Quelle bis zur Mündung durchschwommen und beprobt hat. „Kritische Grenzwerte“ hatte er anschließend festgestellt, wurden nirgendwo mehr überschritten.

Das amtliche Badeverbot ärgert die Badefreunde

Auch deshalb plädieren die Strandbadfreunde für eine Aufhebung des amtlichen Badeverbots – bisher allerdings ohne Erfolg. Nach langen Debatten wurde zwar vor einiger Zeit das in die Jahre gekommene Restaurant am Lido aufs Feinste renoviert; vor wenigen Monaten wurde auch die Promenade für 600 000 Euro neu hergerichtet – doch das Wasser ist noch immer tabu.

„Damit haben wir hier die geradezu paradoxe Situation, dass Leute an zunehmend heißen Tagen am Strand liegen, vor sich sauberes kühles Wasser sehen und nicht darin schwimmen dürfen“, klagt Gisela Korn-Pernikas, die Vorsitzende des Strandbad-Vereins. Seit die Mannheimer Feuerwehr Ende Juni mit großem Aufwand und wider dessen Willen einen schwimmenden Mann aus dem Rhein holte, hat die Diskussion über das Badeverbot neue Schubkraft bekommen. Die Wehr war zusammen mit der DLRG ausgerückt, nachdem ein besorgter Anrufer einen „treibenden jungen Mann“ im Fluss gemeldet hatte.

Als die Retter vor Ort eintrafen, hatten sie dann einen 63-Jährigen vor sich, der ihnen erklärte, er schwimme hier seit Jahrzehnten. „Dieser Einsatz wird teuer“, titelte anschließend der „Mannheimer Morgen“ und kündigte an, der Schwimmer müsse wegen grober Fahrlässigkeit wohl mit Kosten von 3000 Euro rechnen – und mit einem Bußgeld dazu.

Der Verein hat einen offenen Brief an den OB geschrieben

Zwar hat die Stadt bisher eine solche Rechnung noch nicht verschickt, dennoch hat der Strandbadverein den Vorfall zum Anlass genommen, in einem offenen Brief bei Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) nachzufragen, was denn eigentlich dagegen spricht, am Strandbad das Baden auf eigene Gefahr wieder zuzulassen. „Seit vielen Generationen ist das Schwimmen im Rhein für die Menschen eine lieb gewonnene und preisgünstige Freizeitbeschäftigung“, heißt es in dem Brief an den OB. „Eine große Zahl alter Strandbadler“ habe sich auch von dem Verbot bisher nicht davon abhalten lassen – und da sei bisher auch niemand eingeschritten. „Das Wasser ist inzwischen wieder von guter Qualität, von gefährlichen Strömungen und Strudeln ist im Bereich des Strandbades nichts zu merken“, berichtet die Vereinsvorsitzende. „Der freie Zugang zu gutem Wasser auch zu Zwecken der Abkühlung ist ein hohes Gut. Von unserem Oberbürgermeister erwarten wir daher Verständnis für dieses Grundbedürfnis“, hat Korn-Pernikas an Peter Kurz geschrieben. „Wir wollen ja hier keinen öffentlichen Badebetrieb, aber wir denken auch, man kann nicht alles verbieten“, sagt sie.

Doch im Rathaus macht man den Strandbadfreunden bisher wenig Hoffnung. Man prüfe die ganze Angelegenheit noch in mehreren Fachbehörden, erklärte eine Sprecherin der Stadt auf Anfrage. Doch vor allem wegen der Strömung und wegen des Sogs von Schiffen führe wohl kein Weg an einer Aufrechterhaltung des Badeverbots vorbei. Andreas Fath, der schwimmende Professor, der den Rhein wohl besser kennt als die allermeisten, hält dieses Argument nicht für ganz überzeugend.

„Der Rhein gehört ja nicht nur der Schifffahrt, er ist ein Kulturgut – und dazu gehört auch das Baden“, findet er. „Ich habe mir vor einem Jahr das Mannheimer Strandbad genau angesehen. Ich habe dort kein großes Gefahrenpotenzial erkennen können, die Strömung war dort eher bescheiden“, schildert er. „Aber natürlich ist es immer einfacher, ein paar Verbotsschilder aufzustellen, als Geld in die Hand zu nehmen, und Kindern das Schwimmen beizubringen oder eine Aufsicht zu bezahlen.“

Das Strandbad und seine Entstehung

Das Mannheimer Strandbad liegt am Rheinbogen im Stadtteil Neckarau zwischen zwei Naturschutzgebieten; es ist 1927 im Rahmen von Notstandsarbeiten von Erwerbslosen errichtet worden. Der Gemeinderat hatte das Gebiet seinerzeit mit Bedacht gewählt; ausschlaggebend waren die breite Kiesbank mit ihrem klaren Wasser und die vergleichsweise moderate Strömung. Ein prominentes Mitglied eines Bürgerausschusses, auf dessen Anregung das Bad am Rheinbogen damals eingerichtet wurde, war der nationalliberale Politiker Carl Reiß, der der Stadt Mannheim unter anderem die benachbarte Fasanen- und heutige „Reißinsel“ vermacht hat. Das Baden im Rhein hatte bereits im 18. Jahrhundert der Arzt Franz Anton Mai empfohlen. „Die beste Zeit ist bei schönem, heiteren Himmel morgens zwischen zehn und elf und abends zwischen sechs und sieben“, lautete sein Rat. Die Nutzung von Flüssen, die wie Rhein und Neckar zu den Bundeswasserstraßen gehören, ist Badenden nicht generell untersagt. Es gibt aber Einschränkungen und Verbote an Brücken, Häfen, Wasserbauwerken und auf bestimmten Flussabschnitten. Die genauen Vorschriften enthält eine Verordnung über das Baden vom März 1970. Unabhängig davon hat die Stadt Mannheim auf ihrer Gemarkung 1978 ein generelles Badeverbot für beide Flüsse verhängt.