Krimikolumne

Seamus Smyth: „Spielarten der Rache“ Fies, hinterfotzig, gemein

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Jahrzehntelang herrschten in irischen Kinderheimen unfassbare Zustände. Die katholische Kirche hat sich schwer an wehrlosen Jungen und Mädchen versündigt. Das ist der historische Nährboden, auf dem Seamus Smyth seinen abgründigen Roman „Spielarten der Rache“ ansiedelt.

Seamus Smyth hat sich in seinem verstörenden Roman mit den Zuständen in irischen Kinderheimen auseinandergesetzt. Foto: privat
Seamus Smyth hat sich in seinem verstörenden Roman mit den Zuständen in irischen Kinderheimen auseinandergesetzt. Foto: privat

Stuttgart - Selten, dass ein Verlag eine Neuerscheinung so wahrhaftig angekündigt hat: „Ein fieses, hinterfotziges, gemeines Stück Lektüre“, sagt Pulp-Master-Chef Frank Nowatzki über „Spielarten der Rache“ von Seamus Smyth. Und im Vorwort zum Roman schreibt der verdienstvolle Berliner Verleger noch, der Roman könne „auch Ihr Nervenwasser mit Partikeln anreichern, an denen Sie noch lange Ihre Freude haben werden“.

Ja, darf man so ein Buch denn guten Gewissens empfehlen? Klare Antwort: man darf. Man muss es sogar.

Vertrackter Psychothriller

Denn so ungewöhnlich der PR-Text, so ungewöhnlich ist auch das Werk. Smyth hat einen vertrackten Psychothriller vorgelegt, in dem die Strategien und Taktiken des Bösen immer wieder aufgehen. Über einen Zeitraum von Jahren legt Red Dock, einer der Erzähler, seinen teuflischen Plan an, um sich an einem Polizisten zu rächen. Dafür ist ihm jedes Mittel recht, auch die Entführung der eben erst geborenen Polizistentochter. Dock sorgt dafür, das die Eltern ihr Kind nicht mehr zurückbekommen, statt dessen lässt er es in ein Kinderheim einliefern.

Und das ist, noch vor dem Krimi-Element, das Hauptthema des Buches: die himmelschreienden Umstände, unter denen Waisen in irischen Kinderheimen zu leiden hatten. Die katholische Kirche hatte sich so abgrundtief an den Jungen und Mädchen versündigt, dass sich 1999 sogar der irische Premierminister für das kollektive Versagen der Gesellschaft entschuldigte.

Ein Serienmörder namens Picasso

Im Buch nun haben die Folter und die Erniedrigungen aus Red Dock einen psychopathischen Berufskriminellen gemacht. Seine Grausamkeit wird nur noch übertroffen von einem Serienmörder mit dem Pseudonym Picasso, der, soviel sei verraten, den gleichen biografischen Hintergrund hat. Die beiden bringen Tränen und Blut über das Land.

Stellenweise nur schwer erträglich ist, was Smyth seinen Lesern zumutet. Und im Fall des künstlerisch tätigen Killers nähert er sich sogar Metzeleien von Simon-Beckett’scher Widerlichkeit. Doch unterm Strich gelingt es dem Autor, das Grauen in einen historischen und künstlerischen Kontext zu setzen. Alles für einen, wenn nicht guten, so doch wahrhaftigen Zweck.

Seamus Smyth: „Spielarten der Rache“. Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin. 272 Seiten, 14,80 Euro. Auch als E-Book, 9,99 Euro.