Seeed in Stuttgart Seeed spielen heimlich, aber nicht still und leise in Stuttgart

Ingmar Volkmann, 05.10.2012 18:28 Uhr

Stuttgart - Als jüngerer Herr müsste man die Gruppe Seeed eigentlich hassen. Die Herren Pierre Baigorry alias Peter Fox, Demba Nabé alias Boundzound und Frank A. Delle, genant Dellé können besser tanzen und haben mehr Mojo als jeder durchschnittliche Postpubertierende, scheinen trotz ihres Popstar-Status' aber immer noch ein Herz für ihre Fans zu haben: So spielten sie am Donnerstagabend im Stuttgarter Club Zapata ein am Ende nicht mehr ganz so geheimes Geheimkonzert, bei dem die Eintrittskarten gerade mal zehn Euro kosteten.

Die Ankündigung des furchtbar geheimen Überraschungskonzertes hatte sich etwas schwierig gestaltet. Wenn eine Band, die normalerweise die Schleyer-Halle füllt, auf einmal im Zapata spielt, um ihr neues Album auf Clubtauglichkeit zu prüfen, hätte man gerne ordentlich Aufhebens darum gemacht. Leider hatte das der Veranstalter verboten, denn bei der Gelegenheit sollten treue Fans belohnt werden. „Dieses Gespräch hat nie stattgefunden“, sagte der Macher der Agentur zum Abschied am Telefon. Dies führte zu der skurrilen Situation, dass die Stuttgarter Zeitung zwar als erstes den Veranstaltungsort nennen konnte, aber nicht die Band. Im Laufe des Donnerstags wies dann ein Radiosender mit Erwähnung der Band auf das Konzert hin, musste aber den Ort verschweigen.

Herrliche Kraft des Internets

Dass das Konzert am Donnerstagabend dann doch vor 900 Besuchern und damit im ausverkauftem Haus stattgefunden hat, lag an der mitunter herrlichen Kraft des Internets, über das sich die "ausgebufften" Anhänger zu verständigen wussten. Seeed, mit den Ärzten, den Toten Hosen und Rammstein eine der kommerziell erfolgreichsten deutschen Bands, stellen ihr neues Album derzeit auf einer kleinen Clubtour vor. Stuttgart war nach Köln erst die zweite Station dieser Minitour.

Die Band war für 21 Uhr angekündigt. Vor dem Zapata bildete sich aber bereits um 19 Uhr eine lange Schlange. Wegen der Stuttgarter Verkehrslage traf die Gruppe verspätet ein und legte erst um 22 Uhr los, lieferte dann aber eine blitzsaubere, eineinhalbstündige Show ab.

Die dreifachen Echo-Gewinner treten in Stuttgart mit einer gleich elfköpfigen Band auf, darunter eine formidable Bläser-Sektion, bestehend aus vier Musikern. Nimmt man die drei Frontmänner dazu, wird die Bühne im Laufe des Abends für die raumgreifende Art der Berliner Band, eine Live-Show zu bestreiten, etliche Male zu klein.

Herauszustellen sind die drei besten Songs des neuen Albums, das die Band mangels besserer Ideen bescheiden nach sich selbst benannt hat. Da wäre zum einen die erste Single „Beautiful“, in der die Berliner zeigen, dass sich auch Künstler weiterentwickeln können, die ursprünglich im Reggae, Dancehall und Hip-Hop verwurzelt sind. Das Stück trägt herrliche Bigband-Elemente, die eben auch dann live funktionieren, wenn man das Stück mit einer biggen Band performt.

Seeed-Party-Muster

Song Nummer zwei, der absolut heraussticht, ist dagegen gekennzeichnet durch das klassische Seeed-Party-Muster. Keine andere deutsche Band schreibt auch zwölf Jahre nach ihrem ersten Hit „Dickes B“ so clubtaugliche Stücke mit einer solch ausladenden Bassline, dass man sich die Shiatsu-Massage getrost sparen kann. Die Meridiane des Körpers werden durch Seeed-Bässe viel besser durchgeknetet. „Augenbling“ knüpft da an, wo die Single „Ding“ 2006 aufgehört hat: die Berliner Musiker huldigen der weiblichen Schönheit mit einem Augenzwinkern und drücken ihre Bereitschaft aus, für die Traumfrau mitunter auch moralisch fragwürdige Unternehmungen in Kauf zu nehmen, zum Beispiel den Ehering zu verstecken. Was will der hart geprüfte Mann auch sonst tun, wenn die „Augen bling, bling machen, und auf einmal alles vergessen ist“. Feuilletonisten läuft es bei solchen Textzeilen eiskalt den Rücken hinunter.

So liefern Seeed beim dritten sehr erwähnenswerten Stück ihres neuen Longplayers, „Seeeds Haus“, einen für deutsche Popverhältnisse geradezu revolutionären Beat mit Dubstep-Einflüssen. In den eigenen vier Wänden kann dieses Stück schnell nerven, im Club ist es hingegen eine Offenbarung. Genauso übrigens wie die vielen alten Lieder, die die musikalische Großfamilie aus der Bundeshauptstadt an diesem Abend in Stuttgart einstreut, von „Music Monks“ bis „Dancehall Caballeros“.

Wenn man Seeed überhaupt etwas vorwerfen kann, dann die Tatsache, dass sie mit ihrem Mix aus Reggae, Dancehall, Hip-Hop und Pop so grässlichen Bands wie Culcha Candela den Weg geebnet haben. Musikalisch sind sie längst die spannendste der erfolgreichen deutschen Bands. Während sich Die Toten Hosen oder Die Ärzte seit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr weiterentwickelt haben, fügen Seeed auf ihrem neuen Werk, das nicht den ganz großen Wurf darstellt, ihrem Schaffen einige neue Nuancen hinzu. So günstig wie am Donnerstagabend wird man eine der besten deutschen Live-Bands so schnell nicht wieder hören können: die Karten für den Auftritt der Band am 4. Dezember in der Schleyer-Halle kosten ab 45 Euro.