Selbstversuch Leben ohne Internet und Handy
Adrienne Braun, 09.08.2010 09:04 Uhr
Handy und Smartphone schüren die Hoffnung auf aufregende Nachrichten. Foto: dpa
Handy und Smartphone schüren die Hoffnung auf aufregende Nachrichten. Foto: dpa
""Mein Mailen und Surfen war fatale Routine, ausgelöst durch Stress und Narzissmus.""
Alex Rühle, Kulturredakteur in München

München/Stuttgart - Wenn einer im Urlaub am Strand mit Blick aufs Meer liegt und ständig am Laptop Mails checkt, ist das dann noch normal - oder schon Sucht? Wenn der Vater seinen Kindern nie zuhört, weil ihn sein Blackberry so in Bann zieht? Oder wenn eine Frau im Yoga das Handy so auf die Matte legt, dass sie beim Katzenbuckel immer mal eben schauen kann, ob eine Nachricht gekommen ist?

Das mag nicht normal sein, kommt aber vor, sogar immer häufiger. Eine Studie hat ergeben, dass 600 von tausend Befragten "fast zwanghaft" nachschauen müssen, ob sie neue Mails haben. Auch Alex Rühle ist seinem Blackberry verfallen. Er ist Kulturredakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und verbrachte in den vergangenen Jahren die meiste Zeit des Tages im Internet. "Mein Kopf glich abends, wenn ich vom Büro heimradelte, oft einem neuronalen Flipperautomaten, dessen Drähte nach der Arbeit noch stundenlang im Dunkeln nachglühten", meint Rühle. Statt sich aber daheim zu erholen, setzte er sich abends wieder vor die Kiste. War er unterwegs, war der Blackberry stets dabei - sogar im Urlaub in Malawi. "Um mich herum Einbaumboote, ein träger, goldflüssiger Sonnenuntergang ...ich aber starrte auf das Display." Dort las er von Kündigungsgerüchten in der Redaktion. Der Urlaub war verpatzt - und Rühle blieb die bohrende Frage: Warum habe ich die Kiste überhaupt mit in den Urlaub genommen?

Um das zu klären, hat sich Rühle selbst ein halbes Jahre Funkstille verordnet und die Bilanz seines Selbstversuchs jetzt in dem Buch "Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline" veröffentlicht. Rühle ist nicht der Einzige, der zu jeder Tages- und Nachtzeit Mails beantwortete. Auch Christoph Koch, ebenfalls Journalist, ist der Medienkonsum über den Kopf gewachsen. Auch er hat sich deshalb ein halbes Jahr Pause verschrieben und jetzt ein Buch herausgebracht: "Ich bin dann mal offline".

Koch litt zu Beginn unter einem "Phantomvibrieren"


Das Thema scheint also virulent zu sein, dabei gehörten weder Rühle noch Koch zur Kategorie der schwer Süchtigen - im Gegensatz zu einer Frau, die Rühle beichtete, dass sie ihrer Familie vormacht, eine Blasenentzündung zu haben, bloß um alle paar Minuten auf der Toilette Mails lesen zu können. Die Autoren berichten von Autounfällen, weil wieder einer nebenher auf dem Smartphone rumgedrückt hat. Facebook-Mitglieder, die für ein Experiment einen Monat lang nicht in ihren Account durften, berichten, es habe sich angefühlt, als werde einem der Hausschlüssel weggenommen. Eine Frau empfand es sogar so, als sei ein naher Verwandter gestorben.

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