Serie Grimms Märchen Auf Traumreise zum Traumziel

Von Michael Werner 

Unsere Urlaubsziele sollen immer exotischer werden. Und im Luxusressort möchten wir von vorn bis hinten bedient werden. Der Traum vom Reisen wie in Grimms Märchen kann sich aber auch in einen Horrortrip verwandeln.

Viele Deutsche sehnen sich nach einer Fahrt auf der MS Deutschland. Foto: dpa
Viele Deutsche sehnen sich nach einer Fahrt auf der MS Deutschland.Foto: dpa

Stuttgart - Überall, also beispielsweise beim Ausflug mit dem Mietwagen ein paar Meilen südlich der großen, glitzernden Stadt, kann sich die traumhafte Märchenreise plötzlich in einen Horrortrip verwandeln. Es genügt ein plötzlich auftretender Durchfall. Darunter leidet der Reisende. Darunter leiden womöglich Kleidung und Mietwagen. Darunter leidet das Ansehen der gesamten Reisegruppe bei der nächtlichen Heimkehr im Hotel.

Nicht überall, aber doch an zahlreichen Orten unseres Planeten, kann der Versuch, auch die Armut im Urlaubsland offensiv wahrnehmen zu wollen, eine Märchenreise in einen Horrortrip verwandeln. Wenn man etwa über die Bree Street in Downtown Johannesburg schlendert, ist die Chance groß, gewaltsame Umverteilung hautnah mitzuerleben. Denn da tauchen vielleicht drei muskulöse Männer auf, wahrscheinlich fuchteln sie mit Macheten herum, und natürlich nehmen sie dem sozial ambitionierten Traumwandler beinahe alles weg, was er am Leibe trägt.

Durchfall und Überfall – das sind die Extremfälle jener Entzauberung, die dem Urlauber auf seiner Traumreise widerfahren kann. Er könnte das auch einfacher haben. Eigentlich würde es genügen, die von der Bergsonne geblendeten oder vom Meerwasser getrübten Augen aufzusperren, um zu erkennen, dass das Konzept Urlaub außerhalb von Balkonien, wenn überhaupt, eben nur als Märchen funktionieren kann, als Fiktion einer zwar entschlossen zusammengeträumten, aber dennoch nicht existierenden Harmonie.

Warum müssen die Souvenirverkäufer immer so nerven?

Der Klassiker in Südostasien hat folgenden Ablauf: Erstens, Dorf wird plattgemacht, um Luxusressort zu bauen. Zweitens: weil die Touristen dauernd duschen, haben die umgesiedelte Bauern kein Wasser mehr, um ihre Felder zu bewässern. Drittens: umgesiedelte Bauern satteln mangels Alternative zu Andenkenverkäufern um. Viertens: Touristen erzählen nach ihrer Rückkehr: „Märchenhaftes Hotel, toller Strand, schönes Wetter. Aber die Andenkenverkäufer haben genervt.“

Am anderen Märchenende der Welt, in der Karibik, kostet eine Nacht in einem besseren Strandhotel just so viel, wie das Zimmermädchen im Monat verdient. Angesichts des skandalösen Wohlstandsgefälles zwischen Besuchern und Besuchten hat der Fernreisende ungefähr drei Möglichkeiten zu reagieren: Er wird zum Revolutionär. Oder er wird zum Zyniker. Oder er bleibt im Märchenland. Eine unlängst an einem karibischen Hotelstrand durchgeführte Untersuchung legt nahe, dass die allermeisten Reisenden die dritte Variante, also das Märchenland bevorzugen: An jenem Hotelstrand starrten an einem sonnigen Vormittag zwischen 11.20 Uhr und 11.25 Uhr rund 90 Prozent der Anwesenden in ein Buch oder auf einen E-Book-Reader. Zwei Prozent der Anwesenden starrten in die Luft. Der Rest unterhielt sich mit seiner Reisebegleitung.

Bemerkenswert erscheint, dass Menschen, die zehn Flugstunden von ihrer Berliner Arbeitsstelle entfernt sind, sich mit Sonnencreme aus dem DM-Markt einschmieren und Romane lesen, deren Hauptfiguren durch Berlin irren und von tropischen Stränden träumen. Nicht wenige Fernreisende sind zudem gerne bereit, den Folklore-Kulissenschiebern der einschlägigen Industrie mit Lust aufzusitzen. Und den Rest besorgt der mit modernen Siebenmeilenstiefeln ausgestattete Nutznießer der Globalisierung bei Bedarf selbst.

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