Serie „Wie im Märchen“ (3): Fantasy Heraus aus der Wirklichkeit!

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Erwachsene sollen sich nicht mit Zwergen und Hexen befassen? Das sehen Fantasy-Fans ganz anders. Sie fordern für ihre Fantasie das Grundrecht auf Reisefreiheit.

Der Hobbit Bilbo Butlin (Martin Freeman) ist im Kino ganz wild auf Abenteuer. Foto: Verleih
Der Hobbit Bilbo Butlin (Martin Freeman) ist im Kino ganz wild auf Abenteuer.Foto: Verleih

Stuttgart - Tagdieberei oder Gehirntraining? Diese Debatte ist älter als das Vokabular, das man braucht, um sie zu führen. Als Og, Bog oder Wog – sein Name ist nicht erhalten, einer unserer grunzenden Vorfahren jedenfalls – seine haarige Hand in Lehm tauchte, um einen Strich an die Höhlenwand zu schmieren, dürften Ug, Wug und Nug mit Steinen nach ihm geworfen und böse die Zähne gefletscht haben.

Bog solle sofort diesen Unfug lassen, hieß das, und sich lieber an den wichtigen praktischen Arbeiten beteiligen: brüllend vor der Lagestätte der Horde auf- und ab zu hüpfen, um Wölfe und andere Gefahren für den umherkriechenden Nachwuchs zu vertreiben (der Ursprung von Polizei und Militär); den Wald nach vor Altersschwäche umgefallenem Wild zu durchsuchen, um dann zu behaupten, man habe es gejagt (der Ursprung der freien Wirtschaft); ehrfürchtig den Blitz anzugrunzen (der Ursprung der Religion).

Unter dem Eindruck von Beulen am Hinterkopf mag Bog zunächst nachgegeben haben. Der Wunsch nach Fantastereien aber war von den Vernünftigen und Zweckorientierten dauerhaft nicht zu unterdrücken. Bog oder seine Kinder und Enkel haben weiter Tiere gemalt; Schemen, die man weder essen noch eines wärmenden Pelzes entkleiden konnte. Sie investierten Zeit in etwas, das es so nicht gab, in Zeichen und Symbole, die erst im Kopf des Betrachters Bedeutung, Leben und Substanz bekamen.

Die Höhlenmalereien sollen bitteschön nützlich gewesen sein

Wir werden den Verlauf der jungsteinzeitlichen Fantastereien-Durchsetzung nie mehr ergründen können. Aber so selbstverständlich, als besäßen wir schriftliche Zeugnisse, gehen wir heute von Jagdzauber aus. Wir sprechen den Höhlenmalereien zu, dass sie für die Damaligen eine höchst praktische Funktion besaßen, dass sie das Wild in die Gewalt der Jäger bringen sollten. Für diese Theorie spricht zwar die kultische Anordnung von Tierresten neben einigen Höhlenbildern. Wirklich genährt aber wird sie von Jahrhunderten puritanischer Hirngespinstverachtung. Immer wieder sah sich Kunst dem Vorwurf der Nutzlosigkeit und Sündigkeit ausgesetzt, und immer wieder sind Gegenargumente formuliert worden, warum sie ganz im Gegenteil gerade so nützlich sei wie Hammer, Bügeleisen und Röntgengerät.

Über diese alte Debatte sind wir keinesfalls hinaus. Wenn das moderne Theater sich selbst als Instrument als Gesellschaftsanalyse und als Labor der Wertefortentwicklung verkauft, ordnet es sich dem Reich des Nützlichen zu. Wobei zugleich auch klar wird, wer im modernen Betrieb der Fantasien die Eselsmütze auf hat, wer nun mit Steinen beworfen und angeknurrt werden darf: die Fantasy.

Kaum ist das Wort ausgesprochen, purzeln Figuren aus dem Assoziationsfüllhorn, die wir mit kindlichen Lesefreuden verbinden: Elfen, Zwerge, Drachen, Hexen. Wobei sich der puritanische Gewissensanteil, den die meisten Menschen besitzen, sofort zu Wort meldet und „kindlich“ um eine Winzigkeit verdreht: kindisch sei dieses Zeug, befindet die Meckerinstanz. Schließlich ist Fantasy in der aktuellen Populärkultur keineswegs eine reine Kinderfreude. Vampire, Zombies und Totenbeschwörer sind Gestaltwerdungen erwachsener Ängste.

Wenn man sich vom Definitionsverhau der Insider und Akademiker für einen Moment löst, wenn man die Grenzziehungsversuche zur Horrorgeschichte aufgibt, wenn man die Science Fiction einbezieht, deren Visionen dem Diktum unterliegen, jede hinreichend hoch entwickelte Technik komme dem Uneingeweihten ohnehin wie Magie vor, wenn man statt Fantasy schlicht Fantastik sagt – dann wird deutlich, wie populär dieser Sektor der menschlichen Erfindungskraft in allen Medien ist.

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